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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Kaiser Franz Jofephs Cinzug in Berlin. 
Der Berliner Maitagc 1900 wird man noch lange gedenken . . . 
Das waren Cagc voll ^rül)lingstonncnTd)cin,. voll Dicbcswärmc 
und voll fcftglanj. 6s galt ja ein Doppelfcft ?u feiern. Kronprinj 
Friedrich ödilbelm, der Jüngling, auf deffen Ijaupt .fiel), menfcblicJjer 
Vorausfiebt ?ufolge, dcrcinft die deutfebe Kaiferhrone in ihrer ftol?cn I^crrlicb- 
keit niederfenhen wird, Tollte großjährig gefproeben werden, mit jener 
frommen und freudigen feierlicbkeit, die diefem weihevollen und bcdcut- 
fanicn Hktc geziemte. Jnmitten der Vorbereitungen jedod), die der Groß- 
jäbrigheitsfeier galten, war eine andere frcudcnbot!d)aft cingctroffcn, 
unvermittelt und üborrafekend; umfo jaud)?endcr und braufender war 
der iXlidcrball, den die Kunde in allen dcutfd)cn I)cr?en wad>ricf: Kaifer 
f ran? Jofepb, der alte freund unteres großen erTten I^cl.dcnhaifcrs, der 
treue Bundesgenoffc unteres erlauchten Monarchen, batte .11 ad) Berlin 
melden laffen, er werde anläßlid) der ©roßjäbrighcitsfcicr des Kronprinjen 
des Deutfeben Reid)cs, feines teueren patenbindes, perfönlid) in Berlin 
cintreffen. Der Gindruch der tiefen Rührung, den diefe fpontanc Millcns- 
kundgebung des ehrwürdigen Fjerrfd)ers der I)absburgitd)cn Monard)ie 
in der DcutTd)en Bevölkerung wachricf, blieb nid)t hinter der freude 
jurüdt, die die Kunde am Deuttchen Kaiferhofe felbft erwccht hatte. Sofort 
ttand cs klar vor jeder Seele, daß dem hohen 6attc auch hohe Gbren ?u 
teil werden müßten. Zum eigentlichen fettraume war der paritcr plat? 
auserteben. H* cr tollte fich die herrliche Gbren pfor*c erheben, unter welcher 
die Vertretung der Stadt Berlin den teuern Galt empfing. 
6s war fatt, als hatte das berühmte rjobcn?ollcri.iwcttcr mit dem 
Fjabsburgifeben Kaiterwetter ?u einer bcrautchcndcn frühlingsfymphonic 
fich vereinigt, um diefe denkwürdigen freudentage mit ihrem fehönften 
Maictiglan?e ?u verklären. Gin Blick auf die Bilder unteres vorliegenden 
Heftes wird den glücklichen Ccilncbnicrn an den febönen fetten die freund- 
licbc Grinncrung in verftärktem fßaßc vor die Seele jaubern, und den 
jenigen, denen cs nicht vergönnt war, bei all’ der Herrlichkeit diefer 
biftorifeben Cage jugegen ?u fein, doch wenigftens einen Hbglan? der 
bcdcutungsvollften Gpifodcn vor das Huge führen . . . 
Ueber dem präd)tigcn fcftplat?c mit feinem flimmernden 6lan?e 
und der langgeftrccktcn Via triumphalis hatte der einen blauen 
Baldachin gefpannt. Huf dem paritcr platje herrfchte reges Ceben.' Hn 
der Gbrenpforte erwarteten der Oberbürgermeifter an der Spitze des 
Magiftrates und der Stadtverordneten, die Ghrenjungfrauen und ein aus- 
crlefencs Publikum den erlauchten 6aff. Die Südfeife des plat?cs war 
der öftcrrcichifch-ungarifchcn Kolonie referviert, deren landsmannfd)aftlichen 
Vereine mit ihren fabnen vertreten waren. 6s war ein unvcrgcßlid)er, 
ein einzig feböner Hnblick, als cndlicl) die unter dem Zcltdad)c auf der 
Höhe der Gbrenpfortc poftierte ftädtifche Kapelle die weihevollen Klänge 
der öfterrcid)ifd)en Volksbyninc ertönen ließ und die beiden .Kaifer in der 
Gquipagc ä la Daumont durd) das Brandenburger Chor über den feft- 
plat? der Gbren pfortc ?ufubrcn. Da faß der ehrwürdige, iiid)t nur von 
feinen eigenen Völkern heißgeliebte, Tondern von der ganzen <Xlclt ver 
ehrte friedensfürft, der Monarch, der in all' den febweren Prüfungen, 
die die Vorfebung über ihn verhängt, ftark und feit, pflichtbewußt und 
treu geblieben war, da faß franj Jofepb I. neben unfcrcin jugendfrohen, 
gerade in diefem Hugenblick vor freude und ftol?er Zuverficht ftrahlenden 
Kaifer, dem glücklichften Vater, dem glücklichftcn fürften, dem glücklichftcn 
Herrfeber. Die H°rrab’s brauften durch die Düfte, H oc ^"» 6ljcn-, Slava- 
und Zivio-Rufc mifchten fiel) darein, cs war eine Huldigung für beide 
Monarchen von überwältigender H cn ‘licbkcit, ein Hugenblick, der jedes 
Her? bewegen mußte und jedes Huge feucht erfebimmern ließ . . . Man 
kennt den feftakt vor der Gbren pfortc: die Begrüßung durch den Ober- 
bürgcrmcifter Kirfchner, die gütige Hntwort Kaifer fran? Jofephs, 
die chcvalereske Hrt, in der er CClildcnbruch's poetifchc Huldigung durd) 
fräulein Kirfchner entgegennahm, und wie fiel) dann unter dem 
braufenden H uff ah der fpalierbild i ’nd<'n üruppen urd des Publikums 
der glän?cndc Zug nach dem KÖniglid)cn Schlöffe bewegte. Hm 
Tpontanften und lebhafteften näd)Tt den beiden H crr Khcrn wurde fclbft- 
verftändlich der junge Kronprin? akklamicrt, der an der Seite des volks- 
ttimlichftcn prinjen unteres königlichen Haufcs, des prin?cn H c * n ri<fc, 
im nächften Magen faß. Ginc Huldigung, von gan? befonderer Hrt 
wurde ferner aud) dem öftcrrcid)ifd)-ungari!d)cn ßoüchaftcr am Berliner 
Hofe, H°ffu von Sjögyeny-Marid) bereitet. 'Mar cs dod) längft in 
allen Kreifen der Bevölkerung bekannt geworden,, daß diefe unvergeßlichen 
Kaifertage nicht in let?tcr Dinic einen Criumph der Staatskunft diefes 
ausgc?cichncten, klugen und allvcrehrtcn Mannes bedeuteten, der in den 
Jahren feines Berliner Mirkens cs fo glän?cnd verbanden hat, die Bande 
?u fettigen, die heute das Dcutfd)c Rcid) und Ocftcrrcid)-angarn ver 
einigen! Stürmifch akklamicrt wurde aud) Graf Goluchowski, 
Ocftcrrcich-Ongartis Miniftcr des Heußeren. Die fympatl)ifd)cn Züge diefes 
hervorragenden Staatsmannes, der fo erfolgreich das Grbe Kalnoky’s 
angetreten hat, fdnnücken die Civclfeite diefes Heftes, das wir, wie getagt, 
als befd)cidenc Grinncrungsgabc an das unverglcid)lichc Doppelfcft hinaus 
in die Mclt fenden. ' 
• • 
Berlins fjof apö Fjofgesellscljaft 
am Begipi) 
des 20. Jabpbupöerts. 
11. 
Als der kurze Feldzug des Jahres 1866 das den 
Feinden Preussens angeschlossene Königreich Hannover 
diesem in die Hände geliefert und sich für den Sieger 
die Nothwendigkeit ergeben hatte, dem eroberten Lande 
die politische Selbstständigkeit zu nehmen, waren es 
naturgemäss die der vertriebenen Dynastie am Nächsten 
stehenden Kreise, welche sich am Schwersten in diesen 
Wechsel der Dinge finden konnten. Ihnen musste der 
Gedanke eines Anschlusses an Preussen als ein Verrath 
an dem angestammten Herrscherhause eischeinen. Die 
Verwirklichung der lang ersehnten deutschen Einheit 
durch eben dieses Preussen öffneten dann manchem alt 
hannoverschen Edelmann die Augen darüber, dass über 
dem engeren Vaterlande die Interessen Deutschlands als 
des Gesammtvaterlandes aller Stämme stehen müssten, 
und seitdem haben, wie in allen menschlichen Dingen, 
auch die Jahre das Ihrige dazu beigetragen, die Gemüther 
zu beruhigen und zu versöhnen. Die heute noch be 
stehende welfische, nur noch auf einem kleinen Theile 
des Adels und der Geistlichkeit beruhende Opposition 
hat keine Zukunft mehr: sie stirbt in der jetzigen 
Generation aus. 
Der gegenwärtige preussische Staatsminister und 
Minister, für Landwirthschaft, Domainen und . Forsten 
Freiherr Ernst von Hammerstein-Loxten, 
dessen altes, in zahlreichen Linien ausgebreitetes 
Geschlecht, mit der Geschichte Hannovers eng ver 
knüpft ist, gehörte nach der Katastrophe des 
Jahres 1866 mit zu denjenigen, welche laut ihre 
Stimme gegen die in ihren Augen als Usurpation er 
scheinende Anexion ihres Heimathlandes erhoben und 
gegen die Verfassung des norddeutschen Bundes pro- 
testirten. Fast zwanzig Jahre lang hat dann Freiherr von 
Hammerstein, fern von der politischen Bühne, sich nur 
der Verwaltung seines grossen Familienbesitzes, der an 
6000 Morgen beträgt, gewidmet, - zwanzig Jahre, während 
welcher sich langsam ein Umschwung zu Gunsten der 
neuen Verhältnisse in seinem Inneren vollzog. So nahm 
er 1885 die Ernennung zum Landrath des . Kreises Beesen 
brück, in dem sein Stammgut Loxten gelegen ist, an, 
vier Jahre später wählte ihn die Provinz, die ihn längst 
als ihren hervorragensten Landwirth schätzte, zum Landes 
direktor. Das Jahr 1892 gab ihm Gelegenheit, bei dem 
finanziellen Ausgleiche zwischen Preussen und dem 
Herzog von Cumberland eine hervorragende Rolle zu 
spielen, und dieser Anlass brachte ihn unserem Kaiser 
persönlich nahe. So waren die Eingeweihten nicht über 
rascht, als im November 1895, nach dem Abgänge des 
Herrn von Heyden, die Ernennung des ehemaligen 
welfischen „Frondeurs“ zum preussischen Landwirthsehafts- 
minister erfolgte. 
Dies hohe, verantwortungreiche Amt ist namentlich 
jetzt, da Preussen in zwei Lager getheilt erscheint, aus 
denen die Kriegsrufe: „Hie Landwirthschaft!" «Hie 
Handel und Industrie!" zu einander herüberschallen, 
gewiss keine Sinekure. So leidenschaftlich aber auch der 
Politiker Hammerstein oft angegriffen werden mag, so 
einstimmig sind alle Parteien darin, dem liebenswürdig- 
vornehmen, wie alle Niedersachsen etwas zurückhaltenden 
Menschen, volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 
Und in der Häuslichkeit, die ihm seine Gemahlin, ein 
geborenes Fräulein v o n Lorch, genannt Lerche von 
d er Licht, eine Tochter des Rheinlandes, (S. d. Portrait) 
bereitet hat, ruht der 72jährige Staatsmann von den 
Mühen seines Berufes, den aufreibenden Kämpfen im 
Parlament. Von den der Ehe des Ministers entsprossenen 
Kindern sind vier am Leben, drei Töchter und ein noch 
jugendlicher Sohn. Die Ersteren : Freifrau Gertrud von 
Münchhausen, Freiin Dorothea von Hammer 
stein und Frau Irmgard von Biilow, zeigt ein an- 
muthiges Gruppenbild zwischen den Portraits ihrer 
Eltern.
        
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