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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Pathenkind über die Taufe hielt. Der jüngste Bruder des Erb 
prinzen, Prinz Viktor zu Wied, gehört gleich diesem dein 
3. Garde-Ulanen-Regiment als Leutnant an, während der Zweite, 
Prinz Wilhelm zu Wied, bei den Gardes-du-Corps steht. 
Diese beiden Prinzen sind es, die vielfach als ,Ehe-Candidaten 
der Königin von Holland genannt wurden, zu der sie in einem 
nahen verwandtschaftlichen Verhältnisse stehen, da ihre Mutter, 
die Fürstin Marie, eine Prinzessin der Niederlande ist. Nun, 
bis jetzt scheint die kleine Königin noch keine Lust zu haben, 
ihre goldene Freiheit aufzugeben, es muss also abgewartet 
werden, ob die eine oder die andere dieser Combinationen 
sich verwirklichen wird. 
Während in Potsdam der gesellige Verkehr der Hof 
gesellschaft, in Folge des LJebergewichtes der jüngeren Elemente 
etwas Ungezwungeneres hat, fällt auf Berlin mehr die offizielle 
Repräsentation. Hier stehen die Empfänge im Ministerhötel 
des Grafen von Posadowsky-Wehner obenan. Nicht nur 
im Parlamente, wo alle Parteien den in jedem Sättel gerechten 
„Reichs-Sprech-Minister" als vortrefflichen Redner und liebens 
würdigen Charakter hoch schätzen, hat sich Graf Posadowsky 
schnell Beliebtheit erworben, auch die Berliner Gesellschaft 
schätzt ihn seines einfach-vornehmen und natürlichen Wesens 
halber in besonderem Masse. Auf den Festen des Staats 
sekretärs steht ihm seine Gemahlin, die Gräfin Elise Posa 
dowsky, geborne von Moeller, als vollendete Hausfrau 
zur Seite, unterstützt von ihrem Sohn, der als Referendar die 
unterste Sprosse unserer hierarchischen Leiter erklommen hat, 
und zwei Töchtern, den blonden Comtessen Elisabeth und 
Helene. Dass in dieser glücklichen Häuslichkeit auch ein im 
bestem Sinne moderner Geist herrscht, das beweist die That- 
sache, dass die jungen Damen neben den geselligen Ver 
pflichtungen, die ihnen das hohe Amt ihres Vaters auferlegt, 
noch Zeit zu ernsthaften wissenschaftlichen Studien finden und 
eine von ihnen sogar das Lehrerin-Examen abgelegt hat. 
Graf Ludwig von der Asseburg-Falkenstein ge 
hört zu denjenigen preussischen Grandseigneurs, welche den 
grössten Theil des Jahres auf ihren Gütern zuzubringen pflegen 
und nur zur Winterszeit in Berlin erscheinen, um ihrem Souve 
rain ihre Aufwartung zu machen. Zum preussischen Hofe 
steht Graf Asseburg in naher Beziehung als Oberjägermeister, 
doch führt er diesen Titel nur als Ehrenbezeichnung, ohne 
Dienst zu thuu. Unser Bild zeigt uns den trotz seiner 70 Jahre 
ungebeugten und rüstigen Grafen in der kleidsamen grünen, 
mit goldnem Eichgezweig bestickten Uniform seiner Charge. 
Der Graf lebt mit seiner Gemahlin, Gräfin Anna von der 
Asseburg, gebornen Gräfin Königsmarck meist auf 
seinem schönen Schlosse Meissdorf im Harze. 
Ein Vetter der Gräfin ist der Kammerherr und Schloss- 
hauptmann Graf Karl Königsmarck, wohl der reichste Grund 
herr der Mark Brandenburg. Ihm gehört Plaue, das alte, 
historische Schloss der Quitzows, und hier empfing der Graf 
öfters den Kaiser zu Gaste, so z. B. als seine Tochter ihre 
Hochzeit mit des Kaisers früheren Adjutanten, dem General 
Freiherrn von Bissing feierte. 
Kaiserlichen Besuch sah auch der Schlosshauptmann von 
Quedlinburg, Kammerherr Werner von Alvensleben, der 
in der malerischen Tracht des Johanniterordens fast einem 
Ritter aus dem Mittelalter gleicht, auf seinem Grund und 
Boden. Mehr als einmal weilte Kaiser Wilhelm II. zur Jagd 
in Neugattersleben, dem alten Stammsitze der Alvensleben. 
Unter den jungen Frauen unserer Hofgesellschaft dürfte 
die schlanke, blondlockige Gräfin Mary Neidthardt von 
Gneisen au, deren graziöse, biegsame Gestalt an die Modelle 
Gainsboroughs errinnert, eine der anmuthigsten sein. Eine 
Tochter des früheren koburgisehen Ministers von Bon in ist 
die Gräfin. Die Gemahlin eines Urenkels des Marschalls 
Gneisenau, des derzeitigen Majoratsherrn von Sommerschen- 
burg, das der Marschall als Dotation erhielt. 
Auch die liebreizende junge Frau Gertrud von Cars- 
tanjen, geborene Otto, die Schwiegertochter des bekannten 
Rentiers und Kunstmäcens, und die dunkeläugige Gemahlin des 
vielgenannten Parlamentariers von Koscielski, eine Tochter 
des Warschauer Eisenbahnkönigs Bloch, gehören zu denjenigen 
Erscheinungen, welche durch die Anmut ihrer Haltung und 
ihre Toilettenpracht im Salon und Ballsaal die Blicke besonders 
auf sich ziehen. 
In die Reihen der jungen Frauen tritt nun bald auch 
Fräulein Margot von Wedel ein, um die Gattin des Leut 
nants von Clausewitz zu werden. Die junge Dame ist die 
Tochter des um die Hebung des „Deutschen Offizier-Vereins" 
so hervorragend verdienten Hauptmanns a. D. Max von 
Wedel, welcher seine finanzielle Begabung auch als Schatz 
meister in den Dienst der Deutschen Adelsgenossenschaft ge 
stellt hat. 
Mit den Portraits des Generalleutnants z. D. Carl 
von Bardeleben, der seit seinem Ausscheiden aus dein 
aktiven Dienste wieder nach Berlin übergesiedelt ist, das lange 
Zeit, während er dem Garde-Füsilier-Regiment angehörte, seine 
Garnison war, — und des Wirklichen Geheimen Rathes Ex- 
cellenz Alfred Schultz, der als Direktor im Ministerium der 
öffentlichen Arbeiten an der Spitze der gesamten preussischen 
Bauverwaltung steht, schliessen wir heute unsere erste Reihe 
von Bildern aus „Berlins Hof und Hofgesellschaft". 
L. v. Nordegg. 
Pran^ <£]osef I. Kaiser Von ©esterreiefy, Köni^ Von Ungarn. 
Die Reichshauptstadt rüstet sich, den Herrscher Oesterreich- 
Ungarns gastlich zu empfangen und mit all der Herzlichkeit zu 
begriissen, die der Deutsche, besonders der Berliner dem ritter 
lichen Monarchen entgegenbringt. Die Feier der Grossjährigkeits- 
erklärung des deutschen Thronerben durch seine Anwesenheit 
zu verschönern eilt Franz Josef I. zu dem ihm innig befreundeten 
deutschen Kaiserhofe. 
Keinen politischen Akt stellt die Reise dar, sie entsprang 
nur der wahren Freundschaft, die ein unzerreissbares Band 
zwischen der Hofburg in Wien und dem alten Schlosse an der 
Spree gewoben. Ungekünstelt ist darum der Jubel, mit dem 
Berlin und durch dieses ganz Deutschland den Gast des 
Kaisers willkommen heisst, der durch seinen Besuch eine neue 
Bürgschaft für den treuen Zusammenhalt der beiden grossen 
Völker giebt. Und wenn die festlich geschmückten Strassen 
passirt, der Jubel des Volkes verklungen, die Kommandorufe 
des Militärs verhallt sein werden, dann erwartet in den Mauern 
unseres Kaiserschlosses eine hohe Frau den Gast, um ihn mit 
ungeschminkter Herzlichkeit willkommen zu heissen. Und in 
diesen Willkommengrttss werden sich die Klänge der Musik 
mischen, deren Melodie jedem Deutschen ans Herz gewachsen 
und deren Worte lauten: 
Sott erhalte {iVan^ den Kaiser!
        
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