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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

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ls ich durch die feuchten Gassen ging, 
Märzwind sich in meinem Mantel fing, 
Erster Regen auf den Schirm mir troplt’, 
Hörte ich, wie wer ans Fenster klopft. 
War’s die kleine Blumenhändlerin, 
Sass in ihrem Blumenkäfig drin, 
Blatte frische Rosen ausgestellt, 
Wusste, Rosen lieb ich um die Welt. 
Trat ich ein in ihren engen Raum, 
Aus dem Regen in den Frühlings träum, 
Der aus hundert Blüten, blau und rot, 
Mir ein warmes Sonnenlächeln bot. 
Kaufte Rosen, kaufte viel zu viel, 
Feuernelken glühten rot am Stiel, 
Rote junge Lippen nannten leis 
Für den Frühling den bescheid’nen Preis. 
Was ich für die vielen Rosen gab? 
Was bezahlt ich für die Nelken hab? 
Wenig Geld.' Und was noch weiter? Ach, 
Seid ihr jung, ihr rechnets mir schon nach. 
Gustav Falke, 
Vor dem Blumenladen. 
Von Johannes Schlaf. 
s ist ein schöner freundlicher Herbstnachmittag, 
der sich zum Abend , neigt. Alle Farben leuchten 
aus einem feinen lila-violetten Lichtdunst heraus; 
die hellgoldnen Reflexe der sinkenden Sonne an den 
Zinnen der stolzen Faijaden, das Grau der Häusermassen 
und des Asphaltes, die Farbe der Firmenschilder, der 
Fahrzeuge, all die Couleuren der Damen- und Herren 
toiletten, die Gegenstände in den prächtigen Schaufenstern. 
Auf einem Eummelgang durch die Leipziger Strasse 
fesselt mich das Schaufenster eines Blumenladens. 
Hier ist die Flora aller Zonen zu bewundern; hier 
giebt es keinen Unterschied der Jahreszeiten und Tem 
peraturen. Da sind die zarten Farben der vornehmen 
Chrysanthemen, die bizarren Orchideen, Rosen, Veilchen, 
Maiglöckchen, Priemein, Nelken, Tuberosen und was weiss 
ich? — Sie stehen in prächtigen Vasen, sind in Sträusse 
geordnet, in Körben, in Kränzen, in wunderlichen Fi- 
gurenarrangements. Es ist eine wahre Märchenpracht. 
Da giebt es denn auch eine kleinwinzige Scherbe, 
von einer bunten Papiermanschette umhüllt, mit einem 
winzig-zarten, hellbraunen Stengelchen drin, aus dem 
vier feine, ganz hellblassgrüne Blätter hervorgesprossen 
sind; sauber, reinlich und zart, unsagbar zart. 
Wie pikant! Was für eine Idee! — Es ist eine 
„Deutsche Eiche“! — Auf einem Zettelchen aus glattem, 
weissen Zeichenkarton ist mit kalligraphischer Rund 
schrift geschrieben: Deutsche Eiche. ■—- Eine „deutsche 
Eiche“ in einer Blumenscherbe! — 
Ich weiss nicht, wie mir wird. So eine possierliche 
Idee, in der doch so fein ein gut Teil modernster Ethik 
ist; eine deutsche Eiche' in einer Blumenscherbe zu 
ziehen! — Nicht? — In diesem internationalen Konzert 
von Farben und Blumenformen; in der mir mit einem 
Mal so bedeutsamen Symphonie von Farben und 
Blumenformen, die hinter dieser riesigen Glasscheibe 
leuchtet und prangt! —. 
Vorhin las ich in einem Buchladen den Titel einer 
Broschüre: „Die Erziehung der Deutschen zur nationalen 
Selbstsucht“. Ich weiss nicht, ich musste darüber lächeln ; 
wir haben doch wohl zur Zeit ein leidliches nationales 
Selbstbewusstsein, aber jetzt fällt mir der Titel wieder 
ein, und er stimmt mich nachdenklich. Vor dieser 
Karikatur einer „deutschen Eiche“, dieser deutschen 
Eiche en miniature im Blumentopf. — Und noch einmal 
überkommt mich eine warme Sehnsucht nach meiner 
westfälischen Sommerfrische zurück mit ihren Erinne 
rungen an „Hermann den Cherusker“ und der Pracht 
ihrer stolzen Eichenkampe! — 
Die Kultur! Und die Internationale! . 
»ic 'Vase. 
Von Ada Woermann. 
1 Ja steht sie vor mir —■ auf dem kleinen grünen Tische 
— — die kleine himmelblaue Wedgewoodvase. 
Ich liebe den Frühling — und ich liebe die duftenden 
Kinder des Frühlings. Ich liebe Blüten und Blumen! Blüten 
und Blumen auf allen Tischen und in allen Ecken! —• —• — 
Und ich liebe auch die Vasen: diese schlanken Glas 
oder Tongefässe, deren Bestimmung es ist, Blüten und 
Blumen aufzunehmen — die Pracht des Frühlings zu 
beherbergen. 
Ich liebe die Vasen! — — — 
Am meisten aber, diese kleine, himmelblaue Wedge 
woodvase mit ihrem langen, schlanken Halse, der nur 
einen einzigen Blütenstengel zu bergen vermag — — 
und in ihrem (süssen, tiefblauen Sammetschimmer und 
den mattweisen, duftigen, schleierartigen Gebilden auf 
beiden Seiten. — — — 
Wie weisse, zarte Wölkchen auf dem gesättigten 
Blau des Sommerhimmels. — 
Vielleicht denke ich bei ihrem Anblick dessen, der 
sie mir einst mit einer herrlichen Rose sandte — — — 
— — und deshalb vielleicht — — — — — — — — - 
Und nun steht sie nicht mehr auf dem kleinen grünen 
Tische, die kleine, blaue Vase! 
An der Erde liegt sie! Zerbrochen! zwei oder drei 
grosse blaue Scherben. 
Und da kommt auch schon der Sünder: 
Mit schuldbewusstem Gesicht und grossen ver 
ängstigten Kinderaugen — — — — mein Bub! — 
„Ich hab’s wirklich nicht gethan. Mutti! — Ich ging 
nur vorbei — — — — und da fiel sie — —- — ja, 
wirklich! — 
— — — ganz von selbst herunter! — —• — 
Anne kleine Wedgewoodvase! 
% 
Vierblättriger b\lee. 
s von den Lippen heiss getrunken 
jch deiner Liebe erstes Vor!, 
pas J\uge stumm in’s J\ug’ versunken, 
pa liefest du mit einmal fort. 
Qnd eiliest in das kleine Zimmer, 
Jch sah dir nach verwirrt, gebannt: 
pu kamst, im )\uge seligen Schimmer 
Qnd legtest dies in meine Ijand. 
€in Vierblattklee 1 — J\ls Kind gefunden 
TJast du das Pflänzchen einst im feld 
Qnd gläubig es zu allen Stunden 
J\ls Jjüter deines Glücks bestellt. 
Vas dich bewegt im engen Kreise — 
jViit war das Kleeblatt überall, 
Jm Schulhaus, auf der ersten Reise 
Qnd auch bei deinem ersten Rail. 
jfun gabst du’s mir — mit leisem Reben 
Jlahm ich’s und meine Chräne floss, 
Jch fühlte, wie dein . tiefstes Leben 
Sich innig an das meine schloss. — 
per Ijimmel blaute und er graute — 
flicht anders geht es auf der fahrt: 
Sag, das mir jener Lag vertraute, 
pein Glück, hab ich es wohl bewahrt? .. , 
Friedrich Adler,
        
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