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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

April. 
Füge dich drein, geh’s wie es'geh: 
Vormittag Sonne, Nachmittag Schnee! 
Lass dich von Liedern nicht bethören. 
Draus nur das Schreiten von festlichen Chören, 
Mädchenstim men und Flöten zu hören. 
Scheint es vom Süden, bläst es vom Öst, 
Lach in der Sonne, wehr dich im Frost! 
Lustig gemischt den Juli und Jänner — 
So erziehe ich mir die Männer, 
Feste, freie Lebensbekenner. 
Füge dich drein, geh’s wie es geh: 
Vormittag Sonne, Nachmittag Schnee! 
Friedrich Adler. 
m 
oesie. 
Elin Vöglein flattert vor mir her 
Mit silbergrauen Schwingen. 
Hör’ ich es singen, 
Bleibt mir das Herz nicht länger schwer. 
Das ist der Vogel vom Lande 
,,Lieber - dem - Leid“, 
Trägt goldene Tupfen am Rande 
Vom Silberkleid. 
Hat in viel dunkle Wellen 
Seine Flügelchen getaucht . . . 
Meinem wunderfeinen Gesellen 
Bleibt Licht auf Flug und Flaum gehaucht, 
Karl Henckcll. 
Fll 
II 
Ein 
ffiilosopfi. 
Von 
Christian 
Morgenstern. 
SSii 
^er altcDrosch- 
rg kengaul 
Franz, Mitinhaber 
der Droschke 
zweiter Klasse 
4007, blies noch einmal in den leeren Futtertrog, dass 
ihm die Spreu um die Nüstern stob, drehte dann den 
Kopf nach seinem weissbärtigen Gefährten um und be 
deutete ihm mit den Augen, dass er mit seiner Mahl 
zeit zu Ende sei. Der Weissbart schlug sogleich seine 
dunkelblaue Pelerine zurück, dass sie ihm in malerischen 
Dreiecken über den Rücken fiel, trat mit schweren Schritten 
zu Franz, band ihm den Trog ab und klopfte ihm. auf 
die Schulter. Hierauf reinigte er das Gelass am nahen 
Brunnen, steckte es unter den Kutschbock und legte sich 
selber quer in die Droschke. 
Der Gaul schlug behaglich ein Bein über das andere 
und versank in Nachdenken. 
Stoff genug hatte er dazu; denn seit einer Woche war 
die neue elektrische Bahnstrecke, die an seinem Stand 
platz vorübergelegt worden war, in Betrieb gesetzt, und 
ein Wagenzug um den anderen stampfte dröhnend vorüber. 
Der Droschkengaul Franz hatte während seinerlangen 
Dienstzeit schon manches Wunderliche gesehen,aber einen 
fahrenden Pferdebahn wagen ohne Pferd noch nicht. War 
er doch selbst einmal bei der Pferdebahn gewesen und 
wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer ein. Pferde 
bahnwagen zu ziehen sei, und dass er sich ohne Pferd 
kein Haar breit von der Stelle bewegen könne. 
Sieben Tage lang hatte sich Franz den Kopf zer 
grübelt, denn die Meinung der andern Gäule, die Pferde 
jener Schienenwagen liefen wohl im Innern derselben — 
der Droschkengaul Lola war nämlich beim Karussell ge 
wesen und erzählte, dort zöge man auch ohne gesehen zu 
werden — diese Meinung vermochte er nicht zu teilen, da 
er sehr wohl sah, dass die räumlichen Verhältnisse des 
Wagens nirgends die Annahme eines heimlichen Pferdes 
gestatteten. 
Da er nun so nachdachte und nachdachte, slicg ihm 
plötzlich ein Gedanke auf. 
Halt! sagte er sich. So ist es! —: 
Diese Wagen sind allerdings mit Pferden bespannt, — 
wie könnten sie sonst fahren! Aber nicht mit leib 
haftigen Pferden, sondern mit unseren Eltern und Vor 
eltern, die sich in ihren Grüften gelangweilt haben und 
wiedergekommen sind, um als Geister den Menschen 
weiter zu dienen! Und der alte Gaul stellte den linken 
Fuss vor und pustete vor Vergnügen, weil er endlich 
die Wahrheit gefunden hatte. 
Dröhnend fuhr soeben eine Wagenreihe vorüber. 
Franz nickte ihr zu: Denn er sah seinen Gross- 
vater und seine Grossmutter, die beide im Kriege gefallen 
waren, vor dem Wagen einhersprengen. Mit fliegenden 
Hufen jagte das Geistergespann dahin und riss die 
rasselnde Kette der Wagen hinter sich her . . . 
Franz wandte sich nach dem Weissbart um, aber 
der schlief. Er hätte ihn ausserdem diesmal doch nicht 
verstanden, obwohl, er ein guter Mensch war. Er war 
jedoch kein Philosoph wie Franz. So verschwieg Franz 
denn seine Erkenntnisse, indem er auch die andern Gäule 
als seines Vertrauens unwürdig erachtete. 
Seit jenem Nachmittag aber hatte er keine liebere 
Beschäftigung, als sich sein Leben nach dem Tode aus 
zumalen, und wenn ihn einmal die Gicht recht bitterlich 
plagte, kniff er nur die Augen zusammen und dachte: 
Um so eher werde ich diesen gebrechlichen Leib ver 
lieren und als seliger Geist vor jenen stolzen Kolossen 
die Stadt durchstürmen! 
J 
fw 
Drei Hosen. 
ch hab’ Dir oft bewundernd nachgeblickt. 
Zu Deinem Spiel gelächelt, Deinem losen — 
Ich sprach Dich nie, jedoch drei rote Rosen, 
Die hab’ ich Dir beim Scheiden zugeschickt. 
Woher die drei, Du hast es nicht gewusst, 
Doch als "Du fortfuhrst dann aus unsern Thoren, 
Sah ich den Strauss vor Deiner jungen Brust, 
Und plötzlich war’s als hätt’ ich viel verloren. 
Ich sprach Dich nie,
        
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