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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Da erforderte es das Interesse Preussens, für diese 
Entscheidung seine treffliche Heeresmacht in die 
Wagschale zu werfen, um endlich Pommern mit 
den unentbehrlichen Odermündungen zu gewinnen. 
Statt dessen hat Friedrich seine ganze Truppen 
macht im Süden und Westen kämpfen lassen, um 
dem Kaiser sein Wort zu halten, sodass er nicht 
einmal so viel übrig behielt, um daheim seine 
Grenzen zu schützen.' — 
Doch diese Sorgen der Zukunft fochten 
Friedrich I. nicht an, als er nun endlich am lang 
ersehnten Ziele stand. Schon war alles vorbereitet, 
die Geldmittel beschafft, das Ceremoniell der 
Krönung bis ins kleinste entworfen, als endlich 
die Nachricht von dem Abschluss aus Wien ein 
traf. Sogleich im tiefen Winter brach Friedrich 
Mitte Dezember 1700 auf, um mit dem ganzen 
Hofstaat sich zur Krönung nach Königsberg zu 
begeben; am 29. langte man dort an. Am 
15. Januar 170 t begannen die rauschenden Festlich 
keiten. Prächtig geschmückte Herolde verkündeten 
dem Volke die Erhebung des Herzogtums Preussen 
zu einem Königreiche. Am 16., einem Sonntage, 
wurde das Gleiche von den Kanzeln kundgegeben. 
Am 17. Januar wurde der neue Orden vom 
Schwarzen Adler, der zur Erinnerung an dieses 
denkwürdige Ereignis gestiftet war, in feierlichem 
Kapitel eingeweiht, indem 18 Ritter, an der Spitze 
der Ordenskanzler Kolbe v. Wartenberg, die hohe 
Würde empfingen. Nicht an den rothen branden- 
burgischen, sondern an den schwarzen Adler, der 
einst im Schilde der alten deutschen Kaiser vom 
Hohenstaufengeschlechte gewesen und aus ihm in das 
Wappen des deutschen Ritterordens übergegangen 
war, knüpfte sich also der neue Glanz des Hohcn- 
zollern-Hauses. 
Am 18. Januar brach dann der eigentliche 
Krönungstag heran. Die Chronisten jener Zeit 
werden nicht müde, den höfischen Glanz und die 
Prunkentfaltung zu erzählen, mit der Friedrich I. 
diesen Tag beging, der ihm seinen Lebenswunsch 
erfüllte. Mit verschwenderischem Pomp waren 
die Gewänder des neuen Königs, seiner Gemahlin 
und des zahlreichen Gefolges ausgestattet; und 
dem Volke fehlten nicht die üblichen Spenden 
und Belustigungen: der gebratene Ochse, die 
Brunnen mit rothem und weissem Wein, das Aus 
streuen von silbernen Krönungsmünzen, sowie 
Illuminationen und Feuerwerke. 
Wichtiger ist die Betrachtung des Krönungs- 
Aktes selbst. Im Audienzsaale des Schlosses zu 
Königsberg hat sich Friedrich I. selbst die Krone 
I 
aufs Haupt gesetzt, dann eigenhändig seine Ge 
mahlin gekrönt. Darauf empfing er die Huldigung 
der Würdenträger und der Stände. Dann erst 
begab er sich mit Krone und Zepter in die Schloss 
kirche, um dort von zwei evangelischen Bischöfen 
die er zu diesem Zweck ernannt hatte, die Salbung 
zu empfangen. Damit hat der erste Preussische 
König in stolzer Entschiedenheit kundgethan, dass 
er sein Königtum als eine rein weltliche Würde 
ansehe, die Niemand — weder Kaiser noch 
Pabst — ihm verliehen, sondern er selber kraft 
seines souveränen Entschlusses sich gegeben habe. 
Der einzige Nachfolger Friedrichs I., der eine 
feierliche Krönung vollzogen hat, Wilhelm I., 
hat bekanntlich 1861 ebenfalls in Königsberg sich 
die Krone selbst aufgesetzt; doch nahm er sie in 
der Kirche vom Altar, um so die Demut vor 
Gott zu vereinen mit der freien Handlung seiner 
Majestät. 
Noch bis zum März hielt sich Friedrich I. 
in Königsberg auf, um sich in der neuen Würde 
zu sonnen. Ein Bericht aus dieser Zeit erzählt 
uns, dass jede Person am Hofe, die es unterliess, 
von dem neuen König ohne den Titel „Majestät“ 
zu sprechen, eine Busse von einem Dukaten an 
die Armen zahlen musste. Im Mai zog Friedrich 
in Berlin ein. Hatten die Stände der Mark ihren 
Beitrag zur Krönung von 100000 Thalern frei 
willig auf 160000 erhöht, so wetteiferten sie jetzt, 
durch ihren festlichen Empfang in der Hauptstadt 
der Königsberger Feier gleichzukommen. So im 
Einverständnis mit seinem getreuen Volke konnte 
der König mit Ruhe den Widerspruch abwarten, 
der sich noch an manchen Höfen gegen seine 
neue Würde erheben mochte. 
Man sah jetzt, wie klug die Vereinbarung mit 
dem Kaiser gewesen war; die meisten Mächte 
folgten seinem Beispiel. Nur Frankreich und 
Spanien zögerten mit ihrem Einverständnis bis 1713, 
und die Republik Polen gab gar erst 1764 ihre 
belanglose Zustimmung. Am längsten aber zürnte 
die römische Curie. Sie konnte nicht vergessen, 
dass alle ihre Hoffnungen schnöde getäuscht 
worden, dass Friedrich es nicht einmal für nötig 
gehalten hatte, ihr von seiner Krönung Anzeige 
zu machen. Schon im April 1701 erliess Clemens XI. 
ein Breve an die katholischen Fürsten, worin er 
sie warnte, dem „Markgrafen Friedrich von 
Brandenburg“, der gegen alles Recht in dem 
alten Ordenslande Preussen sich eine Königs 
herrschaft anmaasse, die königlichen Ehren zu be 
willigen. Aber solche päpstlichen Proteste hatten 
f 
damals ihre Bedeutung verloren, und die Könige 
von Preussen hat es wenig gekümmert, dass sie 
im Staatskalender der römischen Curie noch bis 
zum Jahre 1787 als „Markgrafen von Brandenburg“ 
aufgeführt wurden. — 
Überschauen wir noch einmal die Bedeutung 
des neu geschaffenen Königtums. Der Staat der 
Hohenzollern hatte keinen Zuwachs an Land und 
Leuten erlangt, aber trotzdem waren die Wirkungen 
und Folgen des idealen Machtfortschrittes doch 
unschätzbar. Überall machte der Gewinn der Krone 
sich bemerkbar: er schloss die frühere Entwicklung 
ab und wies anfeuernd und verpflichtend in die 
Zukunft. Und das war allein das Verdienst 
Friedrichs I. Man schmälert dieses Verdienst 
nicht, wenn man betont, dass ohne das geniale, 
sorgenvolle politische Lebenswerk des Grossen 
Kurfürsten der Ehrgeiz seines Sohnes nicht zum 
Ziele gekommen wäre. Der Vater hatte die aus 
gesogenen Territorien Brandenburgs wieder auf- 
atmen lassen und zu einem Ganzen zusammen- 
geschweisst; er hatte das Heer und den Staats 
schatz begründet; er hatte in tausend mühseligen 
Verhandlungen die Souveränetät des Herzogtums 
Preussen durchgesetzt, welche dem Sohne zum 
Fundament seines Königtums dienen sollte; er 
hatte den Namen Brandenburgs zur Achtung ge 
bracht bei Freunden und Feinden. 
Aber der Sohn hatte doch die Folgerungen 
hieraus zu ziehen verstanden. Er hat seine Auf 
gabe im Sinne seiner ihm angeborenen Begabung 
und Eigenart richtig erfüllt. In der Erreichung 
seines Hauptzwecks hat er sich weitsichtiger und 
politischer gezeigt, als seine im einzelnen gewiss 
viel klügeren Ratgeber, weil in ihm das Gefühl 
der Verantwortlichkeit und die Empfindung für 
das Wohl seines Staates als des ihm von Gott 
anvertrauten Pfandes mächtiger war. So hat auch 
dieser Zollernspross seine eigene, nicht zu unter 
schätzende Bedeutung inmitten seiner so viel 
grösseren und berühmteren Vor- und Nachfahren. 
Am besten hat wohl sein herrlicher Enkel, 
Friedrich der Grosse, die Stellung des ersten 
Preussischen Königs innerhalb der Herrscher 
seines Stammes charakterisiert, wenn er nachmals 
von ihm geschrieben hat: „Friedrich I. schien zu 
seinen Nachfolgern zu sagen: ich habe Euch den 
Königstitel erworben, macht Euch dessen würdig; 
ich habe den Grund zu Eurer Grösse gelegt, 
vollendet das Werk!“
        
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