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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Der erste war der italienische Pater Vota, 
ein geschickter und feingebildeter Diplomat, der, 
zuerst als Beichtvater des polnischen Königs 
Johann Sobieski, in Warschau Einfluss gewonnen 
hatte und diesen dort im Interesse Brandenburgs be- 
thiitigte. Seit 1690 stand er mit Friedrich III. im 
Briefwechsel, seit 1698 empfing er von ihm eine 
jährliche Pension. Vota gewann bald die Gunst des 
Kurfürsten, mehr noch seiner geistvollen Gemahlin, 
die nach ihrer Art an der Diskussion mit dem 
gelehrten Jesuiten Gefallen fand, auch wohl 
theoretisch die Möglichkeit eines Übertritts zum 
Katholizismus in Erwägung zog. So geschah es, 
dass Vota sich mit dem Gedanken schmeichelte, 
das kurfürstliche Paar zu bekehren und damit 
auch seinen Ruhm als Vorkämpfer der Kirche 
leuchten zu lassen. Da kam ihm nun Friedrichs 
Sehnsucht nach der Krone zu statten. Vota ist 
in diesen Jahren als der eifrigste Förderer des 
Krönungsplanes aufgetreten; er hat fleissig daran 
gearbeitet, alle Hindernisse aus dem Wege zu 
räumen, immer in der Hoffnung auf die Bekehrung 
Friedrichs. In geschickter Weise suchte er dem 
Kurfürsten den Übertritt plausibel zu machen, 
indem er die mildeste Handhabung der katho 
lischen Religionsvorschriften und der päpstlichen 
Autorität, vor allem die sichere Zustimmung des 
Papstes zum Königsprojekt in Aussicht stellte. 
Der zweite geistliche Förderer des Planes war 
ein hoher polnischer Prälat, der Bischof Zaluski 
von Ermland. Sobald er von dem Wunsche 
Friedrichs gehört hatte, reiste er selbst nach Rom 
und kehrte mit einem Breve des Papstes 
Innocenz XII. zurück, das in unbestimmten Worten 
den Kurfürsten ermutigte und ihm weitere Gnaden 
versprach. Zaluski teilte dieses Breve dem Berliner 
Hofe mit und schlug eine entgegenkommende 
Beantwortung vor. Im Gegensätze zu dem ge 
schmeidigen Vota fiel der polnische Vermittler mit 
der Thüre ins Haus und erregte dadurch nur den 
Argwohn des Kurfürsten, sodass später, nach dem 
Scheitern der katholischen Hoffnungen, Vota das 
plumpe Vorgehen Zaluskis für den Fehlschlag 
verantwortlich machte. 
Der dritte katholische Helfer war der am 
Wiener Hofe sehr geschätzte Jesuitenpater Wolff, 
der eigentlich ein Freiherr v. Lüdinghausen war. 
Durch einen Zufall hatte er Kunde von dem 
Projekte Friedrichs I. erhalten, widmete diesem 
aber sofort seine sehr nützlichen Dienste. Er war 
bei Kaiser Leopold I. höchst angesehen und konnte 
umsomehr bei ihm durchsetzen, als man von ihm 
I 
T 
wusste, dass er durchaus uneigennützig handelte 
und Bestechungen unzugänglich war. Wolff war 
klug genug, die Bekehrung des Kurfürsten nicht 
als Bedingung der österreichischen Zustimmung 
zu bezeichnen; statt dessen setzte er seine Hoff 
nungen auf eine Heirat des brandenburgischen 
Kronprinzen mit einer habsburgischen Prinzessin, 
die dann das Bekehrungswerk in Berlin hätte an 
bahnen können. 
Wenn man fragt, was diesen katholischen 
Hoffnungen ihre Berechtigung verlieh, so war es 
sowohl die Gunst der Zeitverhältnisse, als auch 
eine gewisse Indifferenz des Kurfürsten und mehr 
noch seiner Gemahlin in religiösen Dingen. Es 
war in jenen Jahren nichts Seltenes, dass ein 
protestantischer Fürst seinem Bekenntnis untreu 
wurde um politischer Vorteile willen; seit den 
Tagen, da selbst die Tochter Gustav Adolfs sich 
bekehrt hatte, war die römische Propaganda an 
allen Höfen eifrig am Werke, und erst zwei Jahre 
zuvor war August der Starke von Sachsen zum 
Ärger seiner gut evangelischen Unterthanen katho 
lisch geworden, um die Polnische Krone zu er 
langen. Friedrich I. schien nun ebenfalls den 
Wünschen der alten Kirche nicht unzugänglich 
zu sein, schon weil er — vielleicht in kluger 
Berechnung — die Möglichkeit der Conversion 
diskutierte, und vor allem, weil Sophie Charlotte, 
„die philosophische Königin“, in ihrer durchaus 
aufgeklärten, toleranten Geistesart am Berliner Hofe 
jeder Geistesrichtung, den Freidenkern wie den 
Orthodoxen, eine gastliche Stätte geöffnet hatte. 
In Wahrheit aber war auch in Friedrich I. 
der evangelische Geist seiner Vorgänger rege, und 
wenn er den katholischen Einflüssen, um sie für 
seinen Plan auszunutzen, auch entgegenzukommen 
schien, war er doch niemals gewillt, ihnen auch 
nur das geringste Opfer zu bringen, geschweige 
denn seinen Glauben abzuschwören. Er hat es 
verstanden, sein Ziel auch ohne Konzessionen an 
die römische Kirche zu erreichen. 
Überhaupt aber ist es nicht richtig, jenen 
Bemühungen der drei katholischen Geistlichen 
allzu grossen Wert für die Erwerbung der 
Preussischen Krone beizumessen. Das waren 
interessante Episoden dieser Angelegenheit, aber 
das Wesentliche lag doch auf dem Gebiete der 
grossen Politik. Und da kann man wohl sagen, 
dass der Kurfürst die österreichische Zustimmung 
zu seiner Erhöhung nicht so schnell gewonnen 
hätte, wenn nicht im Frühjahr 1700 die Spanische 
Erbfolge zur Entscheidung gedrängt und damit für 
f 
den Kaiser die Notwendigkeit sich gesteigert hätte, 
die Brandenburgische Kriegshilfe zu gewinnen. 
Karl II von Spanien war kinderlos und sein 
Ableben täglich zu erwarten. Sowohl Frankreich 
wie Österreich gedachten das ungeheure Erbe an 
sich zu bringen. Kaiser Leopold, der die recht- 
mässigsten Ansprüche auf das Ganze hatte, erfuhr 
im Frühjahr 1700, dass Ludwig XIV. heimlich 
mit England eine Teilung Spaniens verabredet 
hatte. In seinem Unmut zeigte er sich jetzt dem 
Brandenburgischen Projekte geneigter, da er den 
Weltkrieg zur Verteidigung seinerspanischen Erb- 
ansprüche nahen sah. Ende Juli 1700 fand in 
Wien die entscheidende Beratung statt, am 
6. August schrieb Leopold an den Kurfürsten, dass 
er im Prinzip der Annahme des Königstitels sich 
nicht widersetzen würde. 
Damit hatte Friedrich I. das Wichtigste er 
reicht. Freilich begannen jetzt erst die Verhand 
lungen über die Gegenleistungen Brandenburgs. 
Aber so sehr sich auch der Abschluss verzögerte, 
so grosse Schwierigkeiten Österreich auch dem 
klugen Diplomaten Bartholdi machte: Brandenburg 
war doch im Vorteil, denn immer bedenklicher 
lauteten die Nachrichten aus Madrid Uber das ver 
glimmende Leben des letzten spanischen Habs 
burgers. Am 16. November kam endlich der 
„Krontraktat“ zustande, zwei Tage später gelangte 
die Nachricht vom Tode Karls II. nach Wien. 
Der Vertrag zwischen Brandenburg und dem 
Kaiser bestimmte im wesentlichen, dass der Kur 
fürst dem Habsburger zur Wahrung seiner 
Spanischen Erbrechte in einem künftigen Kriege 
8000 Mann Truppen auf eigene Kosten zu stellen 
hätte; doch zahlte der Kaiser auf die Dauer des 
Krieges ein jährliches Subsidium von 150000 
Gulden. Die Forderung Österreichs, dass in Berlin 
ein ständiger katholischer Gottesdienst geduldet 
werden sollte, hatte der Kurfürst rundweg abge 
schlagen. 
So schien es, als wenn Brandenburg aus 
diesem Vertrage als der durchaus gewinnende Teil 
hervorgegangen sei. Und doch sollten diejenigen 
nicht Unrecht haben, die aus dem engen Anschluss 
an Habsburg dem Kurfürsten eine Schädigung 
seiner Machtstellung prophezeit hatten. Zur selben 
Zeit nämlich, als der spanische Erbfolgekrieg 
hereinbrach, stand auch dem europäischen Nord 
osten eine gewaltige Umwälzung bevor: der 
nordische Krieg, von Schweden entzündet, 
sollte das Machtverhältnis zwischen Polen, Russ 
land und Skandinavien zum Ausgleich bringen.
        
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