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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

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schwer unter dem Hochmut der europäischen 
Könige gelitten und erst nach vielen Mühen durch- 
geselzt hatte, dass Ludwig XIV. ihn in seinen 
Briefen „mon frere“ anredete — an die Erwer 
bung der Krone gedacht hätte. Aber es lässt sich 
keine sichere Thatsache hierfür nachweisen. Bei 
seinem Sohne jedoch finden wir schon 1693 die 
ersten Anzeichen. Damals hat er in Wien bereits 
unter der Hand die Bereitwilligkeit des Kaisers, 
dem Hause Brandenburg die Krone zu gönnen, 
erforschen lassen. Aber Leopold I. zeigte sich 
dem Plane völlig abgeneigt. So sehr er auch die 
kriegerische Unterstützung eines Freundes nötig 
hatte, dessen Truppen nicht lange zuvor in der 
furchtbaren Türkenschlacht von Szlankamen den 
osmanischen Erbfeind der Habsburger besiegt 
hatten: man durfte doch die gefährliche Vormacht 
des Protestantismus im deutschen Nordosten nicht 
zu sehr erstarken lassen. Man fühlte in Wien 
lebhaft die wachsende Bedeutung Brandenburgs, 
und Prinz Eugen von Savoyen, der einzige grosse 
Staatsmann Österreichs in jener Zeit, hat später, 
als Preussen dennoch die Krone errungen hatte, 
in richtigem Gefühl ausgerufen, man müsse die 
kaiserlichen Minister, die dazu geraten hätten, 
hängen lassen. 
So sah sich Friedrich III. mit seinem Projekt 
1693 rundweg abgewiesen. Er hatte es aber 
keineswegs aufgegeben. Fünf Jahre hat es schein 
bar geruht, dann aber, nach dem Frieden von 
Ryswick und der Entlassung Danckelmans, als 
die europäischen Verhältnisse durch die bevor 
stehende wichtige Entscheidung über das spanische 
Erbe seinen Plan zu begünstigen versprachen, hat 
er ihn aufs neue in seinem Conseil und in Wien 
in Anregung gebracht. 
Zunächst hatte er den Widerstand in seiner 
Umgebung, besonders der alten, treuen Berather 
des Grossen Kurfürsten, zu überwinden. Diese 
lebten noch ganz in den Gedanken realer Macht 
entwickelung, wie sie in der grossen Epoche des 
ruhmvollen Aufsteigens Brandenburgs stets ge 
golten hatten. Ein zahlreiches und gut diszipli 
niertes Heer und ein wohlgefüllter Schatz: das 
waren nach ihrer Ansicht bessere Machtfaktoren, 
als leere Titel und Abzeichen, deren Gewinn den 
Staat gefährden und in falsche Bahnen, in Ab 
hängigkeit von Habsburg bringen konnte. Dieser 
Ansicht stand die Meinung des ehrgeizigen Kur 
fürsten direkt entgegen. Gerade weil sein Vater 
jene starken Grundlagen der neuen Macht gelegt 
hatte, wollte er ihr den gebührenden Rang ver 
schaffen. „Wenn ich alles habe, was zur König 
lichen Würde gehört, auch noch mehr, als andere 
Könige, warum soll ich dann nicht auch trachten, 
den Namen eines Königs zu erlangen?“ bemerkt 
er in einer Denkschrift und führt damit nur ein 
kurzes, aber treffendes Wort des grossen Freundes 
seiner Gemahlin, des Philosophen Leibniz, weiter 
aus: „Ein König ist nur der, der auch König 
heisst. 1 ' 
Weit zersplittert von der Memel bis zu den 
Rheinmündungen war damals das Staatsgebiet 
Brandenburgs, seine Besitzungen bestanden aus 
überall in Norddeutschland zerstreuten Enklaven; 
hatte der Grosse Kurfürst in seinem ruhmvollen 
Lebenswerk daran gearbeitet, sie zu „Gliedern 
eines Hauptes“ zusammenzuschweissen, so fehlte 
nur noch, dass dieses Haupt eine Krone trug als 
sichtbares Zeichen der Zusammengehörigkeit für 
alle Unterthanen der so verschiedenartigen Teile 
des Gesamt-Territoriums. 
Zu diesen ganz richtigen politischen Überle 
gungen Friedrichs III. kamen nun aber noch stille 
Floffnungen seines dynastischen Ehrgeizes. Nicht 
ohne Erfolg hatten ihm Dichter und Astrologen 
mit Prophezeiungen der höchsten Würden ge 
schmeichelt; vielleicht fühlte er die Unmöglichkeit, 
seinen Vater als Staatsmann und Feldherrn zu über 
treffen, und wollte nun auf neuem Pfade sich un 
vergänglichen Ruhm erwerben, wie er denn, an 
knüpfend an den ersten Hobenzollern in der Mark, 
damals geschrieben hat: „und da der Kurfürst 
Friedrich der Erste in mein Haus die Kurwürde 
gebracht, so wollte ich gern die königliche Würde 
als Friedrich der Dritte hereinbringen, damit es 
hiesse: alles Dreifache ist vollkommen.“ 
War somit Friedrich III. der Vater und Nährer 
des Königsprojekts, so hat er allein auch die Mittel 
und Wege bezeichnet, wie es durchgeführt werden 
sollte. Und da machten sich ihm von vornherein 
zweierlei Erwägungen geltend: nur im Einver 
nehmen mit dem Kaiser und dem Wiener Hofe 
sollte die Krone gewonnen, und auf dem Herzog 
thum Preussen sollte die neue Würde aufgerichtet 
werden. Beide Massnahmen hingen wieder zu 
sammen. 
Man hat dem Kurfürsten wohl vorgeschlagen, 
sich aus eigner Macht zum Könige zu erklären und 
die Krone gegen alle Einsprüche dann zu ver- 
theidigen. Er hat aber richtig gesehen, dass es 
sich hier nicht allein um eine Machtfrage, sondern 
auch um Fragen des formalen Rechtes handelte. 
Als Kurfürst des Reiches konnte er das Oberhaupt 
Deutschlands, den Kaiser, nicht umgehen; seine 
Zustimmung musste er haben, wenn er den sicher 
zu erwartenden Widersprüchen der anderen Mächte 
ruhig entgegentreten wollte. Andrerseits aber 
mochte er doch wieder zeigen, dass seine Krone 
nicht vom Kaiser abhängig sei; daher wollte er 
nicht auf der Kur Brandenburg ein dem Kaiser 
unterstelltes Lehnkönigtum begründen, sondern 
die Krone auf dem Herzogtum Preussen basieren, 
das, früher unter polnischer Oberhoheit, seit dem 
Frieden von Oliva 1660 den Brandenburgischen 
Kurfürsten als souveräner, von Niemand abhän 
giger Besitz zugehörte. So ist es gekommen, dass 
jener alte heidnische Stamm der Preussen an 
der Weichsel und am Pregel, den einst der 
deutsche Ritterorden zum Christentum bekehrt 
hatte, nun der neuen norddeutschen Grossmacht 
seinen Namen geben sollte. 
So haben denn Ende 1699 die Verhandlungen 
am Wiener Hofe wieder begonnen. Ein neuer 
Brandenburgischer Gesandter, Friedrich v. Bar 
thol di, bewährte sich sogleich als ein feiner 
Diplomat, indem er scheinbar das Königsprojekt 
als fallen gelassen bezeichnete, heimlich aber die 
einflussreichsten Ratgeber Kaiser Leopolds für den 
Plan seines Herrn zu gewinnen wusste. Dass es 
dabei ohne geschickte Schachzüge und Listen 
nicht abging, lässt sich denken. Kein Zeitalter 
ist so reich an höfischen Ränken und Intriguen, 
wie dieses siebzehnte Jahrhundert; besonders die 
französische Politik in der Epoche Ludwigs XIV. 
hat es aufs beste verstanden, durch solche Mittel 
Erfolge zu erringen. An allen Höfen wirkten 
neben den offiziellen Gesandten und ihrem Gold 
eine Reihe geheimer Emissäre, Jesuiten, Sprach- 
und Tanzlehrer, Perrückenmachcr, besonders auch 
schöne Frauen im französischen Interesse. Na 
türlich mussten sich die andern Höfe derselben 
Kunstgriffe bedienen; und so ist es auch bei der 
Erhebung Brandenburgs zum Königreiche nicht 
ohne das heimliche Eingreifen unberufener Per 
sönlichkeiten abgegangen, die aus dem nicht un 
bekannten Königsprojekte des Kurfürsten für ihre 
Sondervorteile Kapital zu schlagen versuchten. 
Da ist es nun interessant und nicht ohne 
einen pikanten Beigeschmack, dass es drei Jesuiten 
gewesen sind, die — jeder von einer andern Seite 
und in anderem Interesse, schliesslich aber doch 
alle drei zum grösseren Ruhme und Gewinn der 
alleinseligmachenden Kirche — an dem Aufsteigen 
des protestantischen Fürsten mitgearbeitet haben.
        
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