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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

niss zu diesem Erbonkel dem auf horchenden Stammtisch 
und zeigte den Stammtischlern das Geschenk, welches er für 
den alten Herrn gekauft, einen kleinen Karton in dem 
sich drei Stück sehr feine französische Seife ä Stück einen 
Thaler befanden. Er steckte das Kästchen, nachdem es 
am Tisch lierumgereicht worden war, wohlverpackt in 
in die Tasche seines an der Wand hängenden Ueber- 
ziehers und nahm seinen Platz ein. 
„Das mir aber keiner Dummheiten macht!" warnte 
er ahnungsvoll, ehe er sich dem Genuss des Früh 
schoppens hingab. 
„Unsinn! Wer wird denn so etwas thun!“ klangs 
im Chor zurück, und die Stamnitischgenossen sitzen mit 
so harmlosen Mienen da, als könnten sie kein Wässerchen 
trüben. 
Aber unter den Rosen lauert die Schlange! 
Kaum vertieft sich der unglückliche Chevalier in 
ein Gespräch mit seinem Nachbar, welcher ihm von einer 
Erfindung erzählt, vermittels deren Schiffssegel nicht 
mehr genäht, sondern gekittet werden, als auch schon 
einer der Stammtischler den Seifenkarton aus dem Ueber- 
zieher entwendet und ein schnell beschafftes Kästchen 
ähnlicher Grösse und gleicher Verpackung, enthaltend 
drei Schachteln Persisches Insektenpulver an dessen Stelle 
in die Ueberziehertasche praktiziert. 
Kaum war die kühne That gelungen, da erhebt sich 
auch schon Max, der heute früher als gewöhnlich geht, 
weil er dem guten Onkel noch am Vormittag seine 
Gratulation und sein Geschenk überbringen will. Aber 
ehe er geht, wirft er noch einen vielsagenden Blick auf 
die Zurückbleibenden. 
„Habt ihr auch keine Witze gemacht?" fragte er. 
Sein Auge traf nur verstandnisslose Gesichter, seine Frage 
erweckte nur verwunderte Antworten. 
„Was denn?" „Ach die Seife," „Unsinn!" -- Mit 
alten Leuten macht man doch keine Spässe!“ Chevalier 
warf dem letzten Sprecher einen misstrauischen Blick zu — 
wen meinte denn der mit den „alten Leuten", den Onkel 
oder ihn? - aber er verzichtete darauf, eine Aufklärung 
zu erhalten, zog den Karton aus der Tasche, besah ihn 
nach allen Seiten, schüttelte ihn, um sich zu überzeugen 
ob der Inhalt noch vorhanden, nickte beruhigt mit dem 
Kopf, als er cs klappern hörte steckte das Packet wieder 
in die Tasche und ging. - An der Thür wendete er 
sich noch einmal um, übersah die Tischgesellschaft mit 
einem lustigen Augenblinzeln und sagte mit faunischem 
Lächeln: 
„Wenn das ein anderer war, und ich sass am Tisch, 
steckte dieSeife nicht mehr drin!" Sprachs und verschwand. 
Hätte er das Höllengelächter, was hinter ihm her 
brauste, noch vernommen, das siegesgewisse Lächeln, das 
seine Uppen umspielte, wäre sicher verschwunden. 
Am Abend desselben Tages gelangte eine Postkarte 
folgenden Inhalts an den Stammtisch: 
„Meiner Ansicht nach seid ihr eine Rotte von Faul- 
thieren und Bösewichtern. Max." 
Dieselbe wurde nach geschehener Kenntnissnahme 
dem Ansichtspostkarteualbum des Stammtisches einverleibt. 
Wieder war ein Jahr pfeilgeschwind geflohen, der 
Jahrestag der Erstürmung von Magdeburg und des 
Pferdemarktes zu Rossla sind 373 Tage tiefer in das 
Meer der Vergangenheit versenkt, der Tag aufs neue heran- 
gekommeu, an dem der Erbonkel seinen Geburtstag feiert. 
Der Stammtisch ist versammelt, als Letzter erscheint 
der Segeltuchnähmaschinennadelfabrikant — finster aber 
siegesgewiss. In der Hand hält er eine Flasche, es ist 
fünfzigjähriger Cognac, die hat er für den Onkel gekauft. 
Mit grossem Aplomb stellt er dieselbe vor sich auf 
den Tisch. 
„Mit der werden keine Zicken gemacht!" ruft er 
drohend und sein Auge gleitet düster von einem zum 
andern. 
Die Stammtischler sehen sich an - - sehen ihn an 
sehen die Flasche an, sie möchten wohl gern aber sie 
können nicht; wie ein Argus bewacht er seinen Cognac, 
es ist nichts zu machen und sie müssen es dulden, dass 
er sich, die Flasche in der Hand, unter höhnischem 
Gelächter entfernt. 
Aber kaum ist er fort, da springt einer auf und ruft: 
„Ich hab's!" er wollte eigentlich „Heureka" sagen, da er 
aber nicht genau wusste ob das Wort „Eureka" oder 
„Heureka" ausgesprochen wird, sagte er „ich hab's." - 
und er hatte es. — — — ------ - - - - — 
Max Chevalier traf den guten Onkel umgeben von 
Vettern, Tanten und Basen im blumcngeschmückten 
Geburtstagsfestzimmer. 
„Lieber Onkel!" begann er seine unterwegs etwas 
zurechtgelegte Geburtstagsrede „im vergangenen Jahr hat 
der Mutwillen einiger" ■ „Ja, ja,’s ist schon gut!“ unter 
brach ihn der Onkel mit süsssaurer Miene — „ich weiss 
schon!" 
Die Unterbrechung brachte den Segeltuchnähma- 
schinennadelfabrikanten ganz aus dem Text - ■ er wusste 
nicht, was er sagen sollte und platzte endlich heraus: 
„Diesmal ist's was sehr feines!" 
„Na Insektenpulver ist ja auch nicht zu verachten!" 
sagte der Onkel spöttisch, „aber Deine Freunde könnten 
sich nun bald einen anderen für ihre Witze aussuchen!" 
„Es war ja nur das eine Mal! meinte Chevalier 
entschuldigend, und als Entschädigung habe ich Dir auch 
heute eine Flasche hochfeinen, fünfzigjährigen Cognac 
mitgebracht!“ — 
„Ja, ja!" sagte der Onkel, „ich weiss schon!" 
„Nein Du weisst nicht, Onkel!" gab Chevalier 
zurück, „Du hast keine Ahnung was das für feiner 
Cognac ist!" 
„Kann mirs schon denken!" sagte der Onkel, „aber 
trink ihn nur selber!" 
„Aber Onkel, er wird Dir gewiss gut thun!" 
„Nehms für genossen!" sagte der Onkel, die dar 
gebotene Flasche zum dritten Mal zurückweisend, „Wie 
gesagt, trink’ ihn nur selber!" 
„Aber Onkel!" rief Chevalier gekränkt, „ich begreife 
Dich gar nicht, Du kannst die Flasche ganz beruhigt 
nehmen, diesmal ist wirklich kein Witz dabeiJ“ 
„So? kein Witz dabei!“ brauste der alte Herr auf 
und dem erschreckten Neffen eine Depesche entgegen 
haltend, donnerte er: „Da lies!" 
Krassen Auges blickte der Unglückliche auf die 
Depesche, sie lautete: 
„Cognac nicht trinken Witz damit gemacht! herz 
lichen Glückwunsch der Stammtisch bei H. J." 
O diese That ist faul und stinkt zum Himmel! 
Vergebens schwor Chevalier bei dem wenigen, was ihm 
heilig war, dass hier der Witz die Depesche sei, vergebens 
erklärte er mehrmals den Sachverhalt, der Onkel nahm 
zwar die Flasche, aber er war nicht zu bewegen, den 
Inhalt zu kosten oder sie nur aufzumachen. 
Geschlossen, wie sie in seinen Besitz gelangte, steht 
die Flasche noch heut in der Speisekammer des Onkels 
und, wie eine alte Taute ganz genau gesehen haben will, 
klebt ein Zettel daran, der die Aufschrift trägt: 
„Ffinziges Erbteil meines Neffen Max Chevalier."
        
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