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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

aber verklärte sich sein Gesicht: „Ich hab's, Herr Oberst“, 
rief er erfreut. 
„Nun?" fragte dieser, „da bin ich aber gespannt?'' 
„Es ist die denkbar einfachste Lösung von der Welt, 
Herr Oberst", lautete die Antwort, „ich schreibe das 
Vergnügungsprogramm ab, entweder in mein Notizbuch 
oder was noch praktischer sein dürfte, auf kleine Zettel, 
die ich numeriere und dann einzeln aus meiner Sattel 
tasche hervorhole." 
Der Kommandeur stimmte ihm bei, „Bravo", lobte 
er, „so wird es gehen" und in einer philosophischen 
Anwandlung setzte er hinzu: „Es ist doch eigentlich 
komisch, Aberg, dass jeder Mensch dann einen guten 
Gedanken hat, wenn es sich für ihn darum handelt, 
sich eine ihm unsympathische Arbeit abzuwälzen. Finden 
Sie nicht auch?" 
Zum Glück betrachtete der Herr Oberst diese Frage 
als eine rein rhetorische, auf die er gar keine Antwort, 
nicht einmal das übliche „Zu Befehl" erwartete, denn er 
fuhr gleich darauf fort: „Wie ist es, Aberg, habe ich 
hier noch etwas zu thun oder sind wir nun endlich 
fertig?“ 
Dieses Mal sprach der Adjutant sein „Zu Befehl" 
mit wahrer Begeisterung. Gleich darauf verliess der 
Herr Oberst das Bureau und eine Minute später ging 
auch der Leutenant Aberg. 
„Ich gehe jetzt in das Kasino um dort zu essen," 
sagte er bei dem Fortgehen zu dem Regimentsschreiber, 
„ich ermorde kaltblütig lächelnd Jeden, der mich nur 
noch mit einer Frage belästigt, merken Sie sich das." 
Hätte der Adjutant aber seine Drohung ausgeführt, 
so würde er sich zum Massenmörder ausgebildet haben, 
er fand im Laufe des Abends keine Ruh und selbst 
mitten in der Nacht wurde er noch durch ein Telegramm 
geweckt. 
Am nächsten Morgen rückte das Regiment mit 
klingendem Spiel nach dem Exerzierplatz. Die Leute waren 
lustig und guter Dinge, sie freuten sich endlich einmal 
eine Besichtigung zu erleben, zu der sie nicht wochen 
lang vorher geschliffen worden waren und sie waren fest 
entschlossen, ihre „Knochen" nicht zu schonen und so 
stramm zu exerzieren, dass sie auch nach der Be 
sichtigung nicht geschliffen würden. 
An der Tete ritt der Oberst mit seinem Adjutanten, 
trotzdem er sich seine erste Garnitur angezogen hatte 
und einen festlichen Anblick bot, war ihm gar nicht so 
ganz extra zu Mute, man weiss nie, mit welchen geheimen 
Plänen und Absichten eine Excellenz kommt und man 
weiss erst recht nicht, mit welchen geheimen Gedanken 
sie wieder von dannen fährt. 
„Sie haben doch das Vergnügungsprogramm nicht 
vergessen?" fragte der Oberst. 
„Aber Herr Oberst", erwiderte der Adjutant fast be 
leidigt, „ich habe Alles hier in der Satteltasche." 
„Na, dann ist es gut", beruhigte sich der Kommandeur, 
„wie ist es doch? Zuerst kommt die Paradeaufstellung 
und dann der Parademarsch in Kompaniefronten, war 
es nicht so?" 
Sein Begleiter stimmte ihm bei und schweigend ritt 
er dann neben seinem Brotherrn her, bis sie den Exerzier 
platz erreichten. 
Als sie dort ankamen, sahen sie zu ihrem Entsetzen 
Excellenz dort bereits mit seinem Adjutanten herum 
reiten. Der hohe Herr war mit der Bahn angekommen 
und hatte das an der Haltestelle für ihn bereit stehende 
Pferd bestiegen. 
„Bitte, bitte, lassen Sie sich garnicht stören, Herr 
Oberst", rief er dem Kommandeur zu, „vorläufig reite 
ich hier nur zu meinem Vergnügen spazieren, ich komme 
pünktlich auf die Minute, die ich Ihnen geschrieben 
habe, auf dem rechten Flügel der Parade-Aufstellung an, 
vorläufig bin ich hier so zu sagen ein militärischer 
Privatier." 
Die Höflichkeit gegen den Vorgesetzten verlangte, 
dass der Herr Oberst diesen Witz belächelte, dann wandte 
er sein Ross und ritt zu der Truppe zurück. 
Nicht nur auf die Minute, sondern sogar auf die 
Sekunde traf Excellenz am rechten Flügel ein, er besah 
sich die Aufstellung und liess sich dann den Parade 
marsch vorführen. 
„Nicht übel, Herr Oberst", lobte er, „nicht übel, 
die letzte Kompagnie kam sogar ganz ausgezeichnet vor 
bei, ganz tadellos, nun weiter, aber bitte halten Sie sich 
streng an das Programm, das ich Ihnen schickte." 
„Zu Befehl, Excellenz." 
Das Lob hatte den Kommandeur erfreut und in 
einer fast übermütigen Stimmung ritt er zu seinem Regiment 
zurück — der gute Anfang war gemacht und beim 
Militär heisst es sehr häufig: Anfang gut, Alles gut. 
Er sah sich nach seinem Adjutanten um, der vorhin 
während des Parademarsches neben der Musik gehalten 
hatte — die Musik war abgewinkt und der Adjutant war 
verschwunden. 
„Herr Leutnant Aberg," rief der Herr Oberst mit 
lauter Stimme, „Herr Leutnant Aberg." 
Die Stabsoffiziere nahmen den Ruf auf, die Haupt 
leute wiederholten ihn und die Bataillons-Adjutanten 
suchten ihren Kollegen von der Fakultät, aber der war 
nicht da. 
„Herr Leutnant Aberg." 
Der Herr Oberst schrie cs hinaus in die Welt, es 
klang wie der Schrei eines Kindes, das von den Eltern 
verlassen, sich in dem Walde verirrt hat. 
Aber der Adjutant war nicht da, der Eine wollte 
ihn hier, der Andere dort gesehen haben — er war spurlos 
von der Erdoberfläche verschwunden. 
„Excellenz lässt bitten, mit dem Exerzieren anzu 
fangen", erklang da die Stimme des Divisions-Adjutanten. 
„Gewiss, sofort - in der Sekunde", beeilte sich der 
Herr Oberst zu versichern. Der Adjutant galoppierte 
davon, aber in dem Augenblick, als der Herr Oberst 
sein „Stillgestanden" kommandierte fiel ihm ein: „Um 
Gottes Willen der Aberg hat ja das Vergnügungsprogrannn 
in der Satteltasche". 
Es hätte nicht viel gefehlt und der Kommandeur 
wäre vor Schrecken und vor Entsetzen vom Pferde ge 
fallen — was kam nun? Er hatte keine Ahnung und 
dabei hatte Excellenz ihm soeben noch an das Herz gelegt, 
sich streng an das Programm zu halten. 
Was sollte werden? Sollte er zu Excellenz hinreiten 
und sagen: „Mir ist mein Adjutant mit dem Programm 
abhanden gekommen?" Sollte er eingestehen, dass er 
sich nicht die Mühe gegeben hatte, das Programm sich 
einzuprägen? Unmöglich, das konnte, das durfte nie 
und nimmer geschehen. 
„Wieder hielt der Divisions-Adjutant neben dem 
Herrn Oberst: „Se. Excellenz lassen ernstlich bitten, jetzt 
aber wirklich anzufängen," und er war verschwunden, 
bevor der Kommandeur auch nur ein Wort der Ent 
schuldigung hätte sagen können. 
Der Oberst sah sich noch einmal im Gelände um 
und bat frei nach Don Carlos: „Nun schick’ mir meinen 
Adjutanten, gute Vorsicht." 
Aber die gute Vorsicht war anscheinend anderweitig 
beschäftigt, sie hatte keine Zeit, sich um den Herrn 
Oberst zu kümmern, wenigstens schickte sie den Adjutanten 
nicht. 
Da fasste der Kommandeur in seiner Verzweifelung 
einen grossen Gedanken: „Wenn ich denn sterben muss," 
sagte er sich, „soll der militärische Tod mich wenigstens 
nicht unthätig antreffen, coüte qui coüte, ich exerziere 
einfach darauf los." 
Dem Entschluss liess er die Tliat folgen, er liess 
sein Regiment jede Bewegung ausführen, die ihm gerade
        
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