Path:

Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

fascinierender Wohllaut und eine schlackenreine Ton 
bildung sind ihre grossen Vorzüge. Einer tiefer 
wurzelnden Bewunderung erfreut sich Frau Ulli 
Lehmann, die mit der technischen Meisterschaft eine 
dramatische Ausdrucksfähigkeit verbindet, welche ihren 
Leistungen die höchste künstlerische Bedeutung verleiht. 
Musterhaft ist die Zusammenstellung ihrer Konzert 
programme. Frau Selma Nicklass-Kempner, früher 
eine von den Bühnen sehr begehrte Koloratursängerin, 
wirkt als Vorsteherin der Gesangsklassen am Stern'schen 
Konservatorium ungemein fördernd auf die jungen Talente, 
die sich ihr zahlreich anvertrauen. Sie ist eine der ge 
suchtesten Lehrerinnen - eine Schülerin von ihr ist die 
frühere Kronprinzessin Stephanie und hat wegen 
ihrer Verdienste um die Veredelung der Gesangskunst 
den ehrenvollen Titel „Professorin" erhalten. Von den 
männlichen Koryphäen des Gesanges bringen wir in diesem 
Hefte drei sehr beliebte. Alle drei haben die ausge 
zeichnete Pädagogik Stockhausens genossen. Rooy ist 
Baritonist, sang wiederholt in Bayreuth den Wotan und 
Hans Sachs und war der Solist des ersten philharmoni 
schen Konzerts in dieser Saison. Sistermans ist ein 
in Berlin gern gesehener Sänger. Der Umfang seines 
kräftigen und doch weichen Basses weist ihn auf das 
Oratorium. Aber auch als Liedersänger, der dem Schönen 
besonders in den modernen Kompositionen nachgeht, 
nimmt er einen hervorragenden Platz ein. Karl Scheide 
mantel kommt von Dresden, wo er eine Zierde der 
Hofoper ist, jeden Winter zu uns herüber und findet 
stets ein begeistertes Auditorium. Sein quellender und 
wohllautender Bariton ist immer eines bestrickenden 
Eindrucks sicher. 
Die Reihe der Pianisten mag Paderewski eröffnen, 
der im Februar wieder einmal in Berlin konzertieren wird. 
Seine Virtuosität rühmen, hiesse Eulen nach Athen tragen. 
Paderewski ist übrigens ein sehr praktischer Mann. 
Bekannt ist, dass er an der berühmten Pianofabrik von 
Erard, sowie an einigen grossen wirtschaftlichen Unter 
nehmungen in Warschau stark beteiligt ist. Von der 
Kritik wird die Palme der höchsten Vollendung fast 
übereinstimmend Edouard Risler gereicht. In Deutsch 
land geboren, studierte und lebt er in Paris. Die Ver 
schmelzung des germanischen Wesens mit dem ro 
manischen hat in ihm eine so seltene Mischung sonst ge 
trennter Vorzüge zu stände gebracht, dass er seiner 
phänomenalen Leistungen wegen von der anspruchs 
vollsten Kritik mit Lob überschüttet wird. Man stellt 
ihn schlechtweg als den Pianisten hin. Alfred Reise- 
nauer ist ein Schüler Franz Liszts. Als er voriges Jahr 
nach einer zehnjährigen abenteuerlichen Tournee durch 
Russland in Berlin mehrere Konzerte gab, wurde er sehr 
gefeiert. Auch als Liederkomponist hat er sich kürzlich 
gut eingeführt. Ferrucio Busonis Kopf gehört zu den 
schönsten Männerköpfen. In der letzten Zeit ist sein 
Name öfter in Verbindung mit dem des Grossherzogs 
von Sachsen-Weimar genannt worden, der dem genialen 
italienischen Pianisten ein herrliches Studio einrichtete. 
Nächst Teresa Carreno ist Marie Panthes wohl die 
geist- und temperamentvollste Meisterin auf dem Klavier. 
Vielen wird noch die Tournee in Erinnerung sein, die 
sie mit Petsch n i koff im Jahre 18D7 durch Deutschland 
unternahm. Mit dem letzteren gehen wir zu den hervor 
ragenden Geigern über, an denen wir gegenwärtig so 
reich sind. Der Russe, Petschnikoff verdankt seinen 
grossen Ruf ausser seinem berühmten Instrument seiner 
tief durchdachten Vortragsweise, die ihn befähigt, in der 
WiedergabeBach’scherKompositionen z. B. Hervorragendes 
zu. leisten. Der Belgier Ysaye ist ein Schüler Meister 
Vieuxtemps’ und bildete sich unter ihm zu einem hervor 
ragenden Vertreter der französisch-belgischen Tradition 
im Violinspiel aus. Viele werden seinen,fesselnden Kopf 
als den des Konzertmeisters vom alten Bilse noch im Ge 
dächtnis haben. An Wohllaut des Tones erreicht erSarasate. 
Willy Burmester ist ein Schüler Joachims, Auf 
Anraten Hans von Biilows zog er sich einst nach 
Helsingfors zurück, um abgeschieden ganz allein an sich 
zu arbeiten. Der Erfolg belohnte seinen immensen Fleiss. 
Er lebt in Hamburg und gilt als der bedeutendste 
Paganinispieler. Professor Gustav Holländer erfreut 
sich in Berlin in seiner Eigenschaft als Violinvirtuose 
sowohl wie als Direktor des Stern'schen Konservatoriums 
einer grossen Popularität. Unter seiner Leitung hat das 
älteste derartige Institut Berlins einen grossartigen Auf 
schwung genommen. Hans von Bülow verschmähte es 
nicht, s. Zt. daran zu unterrichten. Das Stern’sche 
Konservatorium, das mit 14 Schülern anfing, feiert am 
10. November das Jubiläum seines 50 jährigen Bestehens 
und hat sich allmählich zu einer führenden Stellung 
unter den musikalischen Erziehungsinstituten emparge- 
sch wungen. An ihm wirkt auch H ans Pf i tzner, mit dem wir 
die Revue beschliessen, als Lehrer, ln Moskau geboren, wat 
er mit 25 Jahren bereits Kapellmeister am Stadttheater zu 
Mainz. Dort gelangte auch sein Musikdrama „Der arme 
Heinrich", das jetzt von den Kräften unseres Opernhauses 
einstudiert wird, mit mächtigem Erfolge zur Aufführung. 
Aus seiner Instrumentation spricht eine grosse lyrische 
Begabung, die sich in der Vertonung von Eichendorff- 
schen Gedichten ganz wundervoll dokumentiert. 
Nina Sandow. 
Die Berliner Hofschauspielerin präsentiert sich hier 
ihrem grossen Verehrerkreise, den sie sich ja nicht nur 
in Berlin, sondern auch in so vielen Städten auf ihren 
zahlreichen Gastspielfahrten gewonnen hat, in ihrem be 
haglichen, von Künstlerhand geschmückten Heim. Sie 
scheint auf unserm Bilde wieder mit dem Studium einer 
neuen Rolle beschäftigt zu sein, die sie den glänzenden 
Gebilden ihrer Kunst, unter denen sie jüngst mit der 
„Alexandra" einen so ungemeinen Triumph feierte, hin 
zufügen will. 
Julie Kopäscy - Karczag. 
Eine der temperamentvollsten Künstlerinnen entzückte 
soeben die Berliner während eines längeren Gastspiels. 
Ungarn hätte die blonde Frau Kopäscy in der Pariser 
Weltausstellung als Landesprodukt sich zeigen lassen 
sollen. Nur das Land der mit Recht beliebten Gulaschs 
scheint solche Champagnernaturen hervorzubringen. Man 
muss gesehen haben, wie sie den Sekt-Schwips einer 
Dame der guten Gesellschaft spielt und tanzt. Eine 
hohe, schlanke und doch üppige Erscheinung von 
seltener Geschmeidigkeit in den Bewegungen wie eine 
vollendete Beherrschung des Mienenspiels und der 
prächtigen Stimmmittel unterstützen ihren leidenschaft 
lichen Vortrag. Wir bringen ein Civilbild der Künstlerin 
und ihre Erscheinung in zwei ihrer vielen Rollen. Ihre 
i,Schöne Helena“ ist ja weltberühmt. Wer sie die 
singen und spielen sah, begreift den trojanischen Krieg 
bedeutend leichter. 
Apollo-Theater. 
Nachdem Frau Venus sich als eine äusserst magne 
tische Dame erwiesen, tritt Fräulein Loreley an ihre 
Stelle. Fräuleins haben natürlich noch grössere An 
ziehungskraft. Die Tageskritiker haben in ihren Referaten 
über die neue Posse das naheliegende Citat gebraucht: 
„Ich weiss nicht, was soll es bedeuten". Fortgefahren 
aber, „dass ich so traurig bin", hat keiner, konnte auch 
keiner. Da ist ad eins: die Musik Paul Linckes, die 
bald auf allen parquettierten und gepflasterten Tanzböden 
zu hören sein wird, ad zwei die wirklich reiche und 
raffinierte Ausstattung, zumal was die der Damen anlangt, 
und schliesslich das ausgelassene Spiel der männlichen 
und weiblichen Darsteller, darunter die liebliche Persön 
lichkeit des Fräulein Malkowska in der Hauptrolle. Die 
Herren von der vierten Dimension werden übrigens in 
dem Stück fürchterlich verulkt.' Bei den mediumistischen 
Experimenten des Spiritistenvereins „Kalte Hand" bleibt 
kein Auge trocken. 
Ferdinand Bonn. 
Wenn man die Grössten nennt, ist sein Name dar 
unter. Ein Schauspieler von einer in derThat universellen 
Begabung. Zu einer umfassenden Bildung und erstaun 
lichen Vielseitigkeit — er ist Maler, Geiger, Dichter und 
Schauspieler in einer Person, und alles weit über den 
blassen Dilettantismus hinaus - gesellen sich Vorzüge, 
die ihm in München seiner Zeit zu einer hervorragenden 
Position im gesellschaftlichen und künstlerischen Leben 
der bayrischen Residenz verhalfen. Bonn ist übrigens 
geborener Bayer, der Sohn des bekannten „Miris", der 
die zwerchfellerschütternde Naturgeschichte geschrieben 
hat und bis kurz vor seinem Tode noch zu den witzigsten 
Mitarbeitern der „Fliegenden Blätter“ gehörte. Vom Vater 
hat der Sohn den Humor geerbt, das scharfe Auge für 
seine Umgebung. Dies und die Lust zu fabulieren haben 
ihm bereits eine Komödie diktiert, „Kiwito", die im 
vergangenen Jahr am hiesigen Neuen Theater mit re 
spektablem Erfolg zur Aufführung gelangte. - Ueber seine 
Auffassung- mancher Charaktere Shakspeares und Schillers 
hat man viel' und "lebhaft gestritten. Er ist kein nackter 
Naturalist, aber auclf ! kein flacher Deklamator, wie es 
deren so viele an Berliner Bühnen gibt. Er versenkt sich 
mit einer unbegrenzten' Verehrung vor den grossen 
Dichtern in seine Rollen und durchtränkt sie mit indi 
viduellen Zügen. Wie ernst ers mit der Erweckung 
und Reinerhaltung der Illusion beim Zuschauer meint, 
bewies er, als er vor mehreren Jahren im Goethe-Theater 
eine Hamlet-Aufführung inscenierte, wobei er die einzelnen 
Bühnenbilder in farbigen Skizzen 'selbst entwarf. Vor 
seiner lebens- und geistvollen Verkörperung Richards III, 
Ferdinands in „Kabale und Liebe'" und des „Dusterer" 
im „G'wissenswurm" verstummen auch die Neidlinge. —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.