Path:

Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Die Verzweiflung unseres Helden war nicht gering! 
Wohl war er ein Bummler, ein Trunkenbold, viel 
Schamgefühl besass er nicht, aber in allen Dingen giebt 
es Abstufungen und ein Spitzbube 
war er nicht! 
Und da er es thatsächlich nicht 
Ni 
war und mit aufrichtigen Tönen der Unschuld und des 
Schmerzes an alle seine Freunde appellierte, da Luis sich 
nicht getötet hatte und sich schliesslich dem Gerichte 
stellte, um die Wahrheit zu sagen, so erhielt unser Held 
nach Ablauf von 6 Monaten wieder seine Freiheit zurück. 
Aber was noch wunderbarer war, er bekam auch seine 
Uhr zurück! Was aber noch viel wunderbarer 
war, als dies alles — und das ist das einzige, was 
man wirklich als wunderbar bezeichnen muss er 
verliess das Gefängnis vollständig geheilt! 
Und der Chronometer diente ihm weiter, um 
lange Stunden der Arbeit, kurze Stunden der Müsse 
und noch kürzere Zeiten des Schlafes anzugeben. 
Der Chronometer repräsentierte die Ordnung, 
die nützlich verwendete Zeit und ein zu guten, 
trefflichen Werken bestimmtes Leben. 
So wurde aus dem früheren Bettler ein tüchtiger 
Mensch, und der Chronometer war ihm in jeder 
Stunde und Minute ein treuer Mentor. 
Eines Abends, als er nach Hause ging, trat 
ein zerlumpter Mensch auf ihn zu, der ihn um ein 
Almosen bat: es war Luis. 
Den früheren Bettler übermannte die Rührung; 
er gab ihm alles Geld, was ei bei sich hatte, und 
als der junge Mann sich beschämt zurückzog, hielt 
der andere ihn zurück, händigte ihm den Chrono 
meter wieder ein und sagte: 
„Ich brauche ihn jetzt nicht mehr. Zähle die 
Stunden, zähle sie recht genau, denn wer die Zeit 
zu schätzen weiss, ist nie verloren. Das siehst Du 
an mir, und darum nütze die Lehre, die mein 
eigenes Schicksal Dir liefert." 
l /{'>?’ 
tW 
.jJEFjt't ,, 
Zu unseren Bildern. 
Berliner Konzertsäle. 
Der älteste und ehrwürdigste der Berliner 
Konzertsäle ist die Singakademie. Sie ist im 
Jahre 1826 nach Schlüter'schen Entwürfen erbaut, 
und berühmt wegen ihrer hervorragenden Akustik. 
Ihrer Bestimmung, eine Pflegestätte der ernsten 
Musik zu sein, ist sie nie untreu geworden. Von 
Friedrich Wilhelm III. ist der Gesellschaft der Grund 
und Boden auch nur mit der Verklausulierung 
geschenkt worden, dass der Saal niemals rein 
profanen Zwecken dienstbar gemacht wird. Selten 
hat man in der Singakademie bei einem Debütanten 
Gevatter zu stehn, dafür hört man die grossen 
Chorwerke und Oratorien unserer alten Meister in geradezu 
klassischer Vollendung. 
Die Konzerte in der Philharmonie spielen im 
Berliner Musikleben die weitaus bedeutsamste Rolle. 
Sonntags mittags und Montags abends finden dort nämlich 
die grossen Konzerte unter Nickisch’s Leitung, Sonntag 
abends, Dienstag und Mittwoch die sogenannten populären 
unter Direktion Rebiceks durch das wegen ihres tadel 
losen Zusammenspiels weltberühmte Orchester statt. 
Sonntags kann der obligate Apfel nicht zur Erde. 
Wochentags füllt ein sehr kunstliebendes und äusserst 
musikverständiges Publikum die von Franz .Schwechten 
erbauten prächtigen Räume. Da die vorhandenen Säle 
der stetig anschwellenden Flut der Konzerte nicht mehr 
gewachsen waren, so bauten die Direktoren Sacerdoti 
und Landecker im Jahre 1898 auf dem grossen Komplex 
der „Philharmonie" einen zweiten grossen Saal, den 
Beethovensaal. Er ist mit mehr Pracht als Geschmack 
ausgestattet und hat, so neu er ist, bereits seine Künstler 
und sein Publikum. 
An Intimität steht er dem kleineren Bechsteinsaal 
in der Linkstrasse nach, den die dii minorum gentium 
gern benutzen, womit keineswegs gesagt sein soll, dass 
grosse Sänger und Musiker ihm fern blieben. Risler, 
Gura, Sven Scholander und viele andere enthusiasmieren 
dort ein sehr gewähltes Publikum. Eröffnet wurde der Saal 
am 4. Oktober 1892 mit einem Konzert Hans von Biilows. 
Der Architekt des Saales, dessen Plafond eine wunder 
volle Arbeit bildet, ist wieder Franz Schwechten. 
Dieser Erbauer der Kaiser Wilhelm-Gedächtnis Kirche 
und der beiden romanischen Häuser, ist übrigens ein 
Schüler Raschdorffs, dessen neuen Dom wir auf zwei 
anderen Seiten in seinem grandiosen Renaissancestil dem 
Leser vor Augen führen. 
Der Senat der Akademischen Hochschule für Musik. 
An der Spitze dieser für das gesamte Musikwesen 
Deutschlands so bedeutungsvollen Institution steht jetzt 
Professor Joachim, der grösste Geiger der Gegenwart. 
Von den Senatoren ist Bruch bekannt als Komponist 
eines „Liedes von der Glocke“ und des vielgespielten 
„Odysseus.“ Professor Schnitze ist Vorsteher der 
Gesangsklassen der Hochschule, Professor Rudorff 
einer der feinsinnigsten und gebildetsten Theoretiker. 
Von B1 u m n er stammen verschiedene grössere Chorwerke, 
so das Oratorium „Abraham." Gernsheim geniesst 
als Direktor des Sternschen Gesangvereins, Professor 
Radecke als Liederkomponist und Quartettspieler wohl 
verdienten Ruf. Der im Oktober verstorbene Komponist 
Professor v. Herzogen bu rg war Mitbegründer des 
Leipziger- und Professor Vierling ist Gründer des 
Berliner Bach-Vereins. 
Aus der Musikwelt. 
ln wörtlicher Auslegung*des schönen Schiller’schen 
Wortes “ 
Drum soll der Sänger mit dem Könige gehn, 
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhn, 
wenden wir uns zuerst den Gesangeskünstlern zu, unter 
ihnen wieder den Damen. Grade jetzt, wo Marcella 
Sembrich mit einem ausgezeichneten italienischen En 
semble im Neuen Königlichen Operntheater gastiert, wird 
ihr Bild besonders willkommen sein. Eine eminente 
Kunstfertigkeit in der Behandlung der Stimme, deren 
.G> 
f 1
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.