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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

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steckte er ihn 
vorsichtig in die 
linke Tasche, 
nicht ohne sich 
vorher über 
zeugt zu haben, 
dass sie nicht 
zerrissen war. 
Dann ging er 
mit stolzer 
Miene an der hellerleuchteten Thür des Clubs vorüber. 
An der Uhr einer benachbarten Kirche schlug es 
drei. Unser Held holte seine Uhr aus der Tasche und 
verglich. Sie zeigte auf 3 Uhr 10 Minuten. 
„Wie schlecht diese Kirchenuhren gehen!" sagte er 
verächtlich, zog seinen Chronometer auf und steckte ihn 
wieder ein. 
„Es ist doch wirklich eine grosse Bequemlichkeit, 
eine gute Uhr zu haben. Wenn ich diese nicht hätte, 
hätte ich sicher geglaubt, es wäre 3 Uhr und dabei ist 
es doch schon 3 Uhr 10 Minuten!" 
Er blieb stehen und fuhr fort: „Allerdings ist es 
bei meiner Beschäftigung ziemlich gleichgiltig, ob es 
10 Minuten früher oder später ist! Trotzdem ist es aber 
ganz gut, wenn man weiss, in welcher Zeit man lebt!" 
Welch' seltsames Wesen ist doch der Mensch! Wie 
launenhaft und extravagant! Weder von der Klugheit, 
noch von der Logik lässt er sich leiten! 
Was wäre nun im Falle unseres Helden das Natür 
lichste gewesen? Dass er die Uhr verkauft oder verpfändet 
hätte! Gewiss! Der Gedanke kam ihm auch mehrmals 
in den Sinn, doch immer wies er ihn mit Entrüstung 
von sich. Gewissermaassen war er noch immer der, der 
er einst gewesen war! Ein reicher Mann, ein Manu von 
gutem Geschmack, ein Caballero! Irgend ein Anderer, 
ein Bettler, ein Landstreicher, ein gewöhnlicher Mensch 
würde die Uhr verkaufen. . . Aber er, nein . . . und er 
blieb stehen, um sich seinen Titel ins Gedächtnis zurück 
zurufen. Er hatte so viele, die er nicht führte, dass er 
sie fast vergessen hatte; auch seinen Familiennamen 
hatte er fast vergessen. Seit so vielen Jahren führte er 
keine Visitenkarten mehr bei sich, seit so langer Zeit 
grüsste ihn kein Mensch mehr, und so, war eine solche 
Vergesslichkeit schliesslich die natürlichste Sache von 
der Welt. 
Und schliesslich behielt er die Uhr]... 
Wozu? aus welchem Grunde? zu welchem Zweck? 
welche Beweggründe leiteten ihn? 
Wozu? um zu wissen, was die Uhr ist, was ja der 
eigentliche Zweck der Uhren ist, um sich bei der Be 
trachtung des polierten Deckels daran zu erinnern, dass 
auch er einmal ein anständiger Mensch gewesen war und 
sich auch jetzt von den übrigen Bettlern unterscheiden 
musste, dieser elenden, verächtlichen Lumpengesellschaft, 
die die Frechheit besass, ihn für ihresgleichen zu halten. 
Weshalb? weil er eben ein „höheres Wesen" war 
und der Klassenatavismus mit allem Zubehör von Stolz 
und Würde wieder in ihm erwacht war. 
Schon jetzt dachte er daran, mit welchem Vergnügen 
er einem alten Bekannten 2 Realen herauslocken oder 
selbst die verächtliche Abweisung eines früheren Freundes 
entgegennehmen und sich dabei ganz leise sagen würde: 
„Du Dummkopf, Du trägst eine Nickel-, oder wenn es 
hoch kommt, eine Platinuhr bei Dir, während ich, der 
ich Dich anbettele, in der schmutzigen Tasche meiner 
Hose einen Chronometer von 8000 Realen trage, den ich 
mir ansehe, so oft es mir Vergnügen macht; auch geht 
meine Uhr sicherer, als die Deine. Es giebt eine Be 
friedigung des Ehrgeizes, die sich mit nichts bezahlen 
lässt, weil sie unschätzbar ist!" 
Seit diesem Tage war unser Held ein sehr beschäftigter 
Mensch, und was noch mehr wert ist, ein ordentlicher 
Mensch! Es war der-sichere Beginn seiner moralischen 
Regeneration! 
Wenn er um ein Almosen bettelte, sagte er sich, 
indem er auf den Chronometer blickte: „Um 1 Uhr 
36 Minuten habe ich einen Peseta bekommen.“ 
Ein andermal wiederholte er sich, wie ein Kauf 
mann, der sich eine Notiz in seine Kladde macht: „Um 
3 Uhr 47 habe ich 20 Centimi bekommen." 
Wenn er in die Kneipe trat, blickte er auf den. 
Chronometer und sagte: „Jetzt ist es 4 Uhr 7 Minuten. 
Um diese Zeit fange ich immer an, mich zu betrinken!“ 
Einige Stunden später, wenn er wieder anfing, zum 
Bewusstsein und zu Verstand zu kommen, befragte er 
von Neuein diesen prächtigen Zeitregler und seufzte 
matt: „Dieser Rausch hat 12 Stunden und 23 Minuten 
gedauert.“ 
Doch Ordnung verlangt immer mehr Ordnung, und 
da sein ohnehin nicht sehr kräftiges Gehirn sich mit 
der Berechnung der einzelnen Stunden sehr anstrengte, 
so beschloss er, sich ein Notizbuch und einen Bleistift 
zu kaufen, und von diesem Tage an schrieb er sich 
genau auf, wieviel er seinen Freunden abnahm und wie 
oft er sich betrank. 
Und als er schwarz auf weiss sah, was er gethan, 
schämte er sich vor sich selbst, namentlich aber vor 
seiner Uhr. Das war keine würdige Verwendung für 
diesen prachtvollen Chronometer! Wie! Diese voll 
kommene, vollendete, unübertreffliche Zeitmessungs 
maschine sollte nur dazu dienen, um solche Erbärmlich 
keiten zu berichten; das war doch ein wahrer Jammer! 
Dass dieses stets mit gleicher Regelmässigkeit gehende 
Werk nur der Kompass eines so unregelmässigen Lebens 
sein sollte, das war eine unbegreifliche Ungerechtigkeit! 
Dass diese eleganten, strengen Zeiger auf dem weissen 
Zifferblatt nur Almosen und Räusche markierten, das war 
doch wirklich eine Gemeinheit! 
Deshalb dachte er ernstlich daran, sich zu bessern! 
Aber eines Tages, als er gerade in einem Wirts 
hause seinen Durst löschte, beging er die Unklugheit, 
mehrere Male die Uhr hervorzuholen, um nachzusehen, 
wieviel Minuten von einem Glase bis zum andern ver 
flossen. Ein Geheimpolizist, der am Nebentische sass, 
glaubte, als er ein solches Wertstück bei einer solchen 
Persönlichkeit bemerkte, er habe es mit einem Spitz 
buben zu thun und nahm ihn fest. 
Nach Verlauf einiger Stunden nahmen sie ihm. den 
Chronometer fort und warfen den Besitzer in’s.Gefängnis.
        
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