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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

jianz 
Die Uhr. 
Ein chronometrisches Capriccio 
von Jose Echegaray. 
“^^as war unser Held? Ein 
zierlicher, eleganter junger 
Mann, er war nicht sehr gelehrt, 
besass aber genügend Bildung, 
um unter denen, die noch 
weniger wussten, zu glänzen; 
zudem war er ein eifriger 
Freund des Vergnügens, des 
schönen Geschlechts, des 
Spieles und besonders in seiner 
letzteh Epoche auch des Weines. 
Was ist er augenblicklich? 
Ein geschickter Pump- und 
Fechtbruder, der seine Kunst 
auf Strassen und Plätzen, an 
der Thür der Wirtshäuser, der 
Theater und Kasinos ausübt; 
kurz und gut, ein unverbesser 
licher Bummler. 
Der Elegant hatte sich in 
einen Lumpen verwandelt; das 
Wenige, was noch übrig war, 
ging im Schlamm unter; seine 
feinen Manieren hatten sich in 
jammervoller Weise vergröbert, 
der Wein färbte seine Nase mit 
rötlichen Flammen, umränderte seine Augen und machte 
seine Kehle heiser. Er lebte in beständigem Alkohol 
rausch. Nur die Geschicklichkeit, der Instinkt oder die 
Kunst wie man es nennen will — seinen Freunden 
Geld herauszulocken, hatte sich erhalten. 
Aber auch in seinem letzten, edlen Beruf ging es 
mit ihm bergab. Er fing mit 100 Pesetas an; doch das 
dauerte nur sehr kurze Zeit; dann ging er auf einen 
Duro herunter; das währte ziemlich lange; darauf versank 
er in den Abgrund des Kupfergeldes und endlich kam 
ein Tag, an dem ihm ein alter Freund fünf Centimi gab; 
bei dieser Gelegenheit erfasste ihn eine Anwandlung von 
Würde und er fragte, während er kopfschüttelnd die in 
der hohlen Hand ruhende Kupfermünze betrachtete: 
»Ja, glaubst Du denn, ich bin der erste Beste?" Der 
Andere beachtete diese Worte gar nicht und ging seiner 
Goldes; der andere den 
düsteren des vernickelten Stahls. 
Die Uhr machte ihr Ticktack 
mit vollendeter Regelmässig 
keit; das waren Zeitatome, die 
in Nichts dahinschwanden. Der 
Revolver blieb stumm; im 
Hohlraum seines Laufes lauerte 
der Tod. 
»Darf ich wählen?" fragte 
der Fechtbruder. 
»Ich habe Dir ja schon 
einmal gesagt", bestätigte der 
junge Mann. »Entweder nimm 
die Uhr oder nimm den 
Revolver. Was Du nicht haben 
willst, behalte ich!" 
Ohne Zögern wählte der 
Bettler die prächtige goldene 
Uhr. 
»So ist's recht", sagte der 
Jüngling;.,»es ist wieder einmal 
das Gegenteil eingetroffen, wie 
die ganze Nacht hindurch. Jetzt 
werde ich mir eine Kugel vor 
den Kopf schiessen. Adieu!" 
Damit entfernte er sich. 
Der Bettler drückte die 
Hand, in der er die Uhr hielt, 
fest zusammen und murmelte 
lachend: 
»Es wird nicht so schlimm werden! Denselben Ge 
danken hatte ich auch in einer Nacht wie dieser; und 
was that ich? Ich verkaufte meinen Revolver und ver 
spielte die sechs Duros, die man mir für die sechs Schüsse 
gab; aber solch’ eingefleischter Spieler wie der da, war 
ich doch nicht. Luis war immer ein Dummkopf!" 
Darauf ging er zur nächsten Laterne und betrachtete 
die Uhr. Es war ein prächtiger Chronometer, der 
wenigstens 8000 Realen wert war; 4000 gab man ihm 
sicher dafür. 
Er wollte ihn in die rechte Hosentasche stecken, doch 
er besann sich eines andern, ln dieser schmutzigen und 
fettigen Tasche befanden sich einige armselige Kupfer 
münzen, und es war Sicherlich eine Profanation, das 
Gold dieses aristokratischen Chronometers mit dem ge- 
Wege. Der Fechtbruder behielt die fünf Centimi und 
murmelte mit tiefer Verachtung: 
„Nichts ist noch weniger!" 
Eine unbestreitbare mathematische Wahrheit! 
Eines Tages stand er vor der Thür eines Clubs, als 
ein eleganter junger Mann mit blassem Gesicht, brennenden 
Augen und zusammengepressten Zähnen heraustrat. 
Der Fechtbruder trat auf. ihn zu und fragte: 
„Giebst Du mir heut’ nichts?" 
Der junge Mann drehte sich um und sah ihn starr an: 
„Ach, Du bist es?" murmelte er mit dumpfer 
Stimme. „Sieh’ her, mir bleibt nichts weiter als dies." 
Dabei holte er mit einer Hand aus der Westentasche 
eine prachtvolle goldene Uhr und mit der anderen Hand 
aus der Hosentasche einen, wertvollen sechsläufigen 
Revolver. 
„Das letzte Spiel dieser Nacht!" fuhr er fort. „Aber 
auch der letzte Streich, den mir das Leben spielt. Wähle!“ 
Der Bummler betrachtete eifrig beide Gegenstände; beide 
glänzten im Scheine einer nahen Laterne; der eine zeigte den
        
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