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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Fräulein Reichsberg, die im Vorjahre im 
Königlichen Operntheater eine verführerische Rosa 
linde in der „Fledermaus“ schuf, fesselte den Bei 
fall an ihr Auftreten, Herr Josephi brillierte gerade 
zu. Dem Künstler steht alles zur Verfügung, was 
einen solchen ungesucht zum Liebling des Publi 
kums macht, das er sich bei seinem Auftreten 
„spielend“ eroberte. Hoffentlich hat ihn. auch 
Berlin für immer erobert. Herr Streitmann se-, 
kundierte im Verein mit den übrigen Kräften auf 
das Vorzüglichste. Unter solchen Bedingungen 
ist es leicht, einem unternehmenden Direktor eine 
glückliche Saison zu prophezeien. 
Typen aus der Grossstadt. 
Aus dem vollen Strom des Menschenlebens 
der grossen Stadt greifen wir unsere Figuren. 
Dunkle Gesellen eröffnen heute den Reigen, der 
Kohlenträger und die Schornsteinfeger. Treppauf, 
treppab schleppt der Erste seinen Kasten mit den 
abgezählten hundert Presskohlen und sehen ver 
lässt ihn seine gute Laune, so wenig wie seinen 
schwärzeren Kollegen, den Schornsteinfeger. 
Wäscherinnen, zwar nicht von der Raschheit ihrer 
Wiener Rivalinnen, aber doch ebenso brave 
Menschenkinder wie jene jungen wohlbekannten 
Wäschermodelle, deren Ball eine Spezialität Wiens 
noch heute bildet, zeigt das zweite Bild des Blattes. 
Dann folgt ein Thierfreund. Ein Mann, der einen 
Theil der zahllosen Pferde der öffentlichen Fuhr 
werke Berlins zu tränken hat. Die braven Tiere 
kennen ihren Labsalspender und lenken von selbst 
ihre Schritte seinem Platze zu. Ihm folgt noch 
einer, der mit Wasser zu thun hat, der Fenster 
putzer. Glückliche Stadt, wo dem geplagten 
Mädchen auch diese Sorge abgenommen wird. 
Fremdlinge schliessen heute den Reigen. 
Italienische Figuriniverkäufer, die einen perma 
nenten Kampf mit den Pförtnern der sogenannten 
verschlossenen Häuser führen. Selten klingelt so 
ein armer Teufel an der Korridorthür; ihr Geschäft 
verweist sie unter einen rauheren Himmel, als es 
der ihrer vielbesungenen Heimath ist. 
Professoren der technischen Hochschule 
in Gharlottenburg. 
Dieses Blatt bildet ein Pendant zu dem ersten 
Cyklus von Bildern von Professoren der Charlotten 
burger technischen Hochschule im ersten Hefte, 
dieses Jahrganges. 
Oie Üauerballonfahrt. 
Der erste Aufstieg des Ballons für die wissen 
schaftliche Dauerfahrt in den Lüften fand am 
23. September dieses Jahres im Sportpark Friedenau 
statt. Ein interessantes Publikum belebte den 
Platz. Offiziere der Luftschifferabteilung, höhe 
Militärs, Männer der aeronautischen Wissenschaft 
aus aller Welt hatten sich zu dem bedeutungs 
vollen Experimente eingefunden, das leider infolge 
misslicher Winde und anderer unaufgeklärter Um 
stände resultatlos verlief. Der Ballon landete mit 
seinen Insassen, den Herren Meteorologen Berson 
und Dr. Süring, dem Ingenieur Zekcli und dem 
englischen Amateur Alexander noch an dem Abend 
des Aufstiegtages in der Umgebung des nahen 
Bernau. Gustav Jaeger. 
Jungfrau. 
Die Dächte bellen sieb. Der IDond beginnt zu wachsen. 
Dein Blut wird unruhig . . Du schwankst. 
Du fühlst in dir die dunklen Jluten wachsen . . 
Du bangst . . . 
Dein IDädchenherz lauscht einer Jünglingsstimme, 
Die bettelnd an sein Heben schlug, 
Du antwortest mit zitternder Stimme 
In Dächten, wenn ein träum dich trug. 
Du fühlst deine Bände voll Rosen, 
Uerbaltene UJünscbe werden in dir wach . . 
Deine Sehnsucht träumt von weissen Rosen, 
Und es sind rote — und du wirst wach. 
Franz Evers. 
Oer ]VIa™rbloek. 
Dies ist der Marmorblock, den ich ersehnt, 
Als ich noch schönheitsdürstend trunken war, 
Als noch Apoll, ans Saitenspiel gelehnt, 
Nach Leben schrie; seither schwand Jahr um Jahr! 
Doch, bin ich alt, so bin ich doch so jung, 
Dass ich den Gott noch aus dem Steine lock’, 
Und bin noch warm und voll Begeisterung: 
Heil dir, du schimmernd weisser Marmorblock! 
Ich geh ans Werk. Gott mit dem Saitenspiel? 
Und nur die Lust an Schönheit und Gestalt? 
Genügt mir’s noch? Mich dünkt, ich weiss zu viel! 
Mein Gott soll sprechen! Ich bin klug und_alt. 
Längst ist mein Gott nicht mehr der glatte Fant, 
Die geistgeword’ne Schönheit ist mein Gott! 
Weh mir! Der Meissei folgt nicht mehr der Hand. 
Dies wird nicht Schönheit, dies wird Witz und 
Spott. 
Weh mir und meiner Kunst 1 Hier stehe ich 
Und dacht, ein Künstler und ein Gott zu sein! 
Ich ging ans Werk, Apoll erfüllte mich, 
Und ein Thersites höhnt mich aus dem Steinl . . 
Hugo Salus.
        
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