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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Jacques hatte Recht: die Büste verkörperte eine Frau 
mit regelmässigem Gesicht, die der Bewunderung der 
Beschauer einen üppigen Busen und prächtige Arme 
bot, die kaum von den reichlich aber nur auf dem 
Sockel angebrachten Draperien verhüllt wurden. 
Das Resultat, das man erzielte, war wunderbar! In 
zwanzig Minuten war Frau von Belleprestans warm! 
Jacques, der sich vor Lachen wälzte, war Fryleuse 
behilflich, sie ins Bett zu stecken, empfahl ihm noch 
einmal, sie bei Tagesanbruch wieder an ihren Standplatz 
zu befördern und legte sich wieder nieder. 
Fryleuse schlief schlecht; sein dumpfer und an 
strengender Schlummer wurde von fürchterlichem Alp 
drücken unterbrochen, dessen Heldin Frau von Belle 
prestans war. 
Plötzlich wurde er von heftigen Faustschlägen er 
weckt, die an seine Thür donnerten. 
»Fryleuse", rief Jacques, seine Stimme dämpfend, 
„haben Sie an die Wärmflasche gedacht?" 
„An die Wärmflasche? Was für eine Wärmflasche? 
Ach so . . . Nein, noch nicht . . . Wie spät ist es 
denn?" 
„IOV2 Uhr!" 
„Grosser Gott . . . ich werde sie schnell hinunter 
bringen lassen." 
„Nicht möglich; das ganze Haus ist in Bewegung; 
Sie müssen jetzt warten, bis man zu Tische geht." 
„Aber wenn man bemerkt?" 
„Ach, das ist nicht zu befürchten; sie steht ja in 
einer Ecke, an der niemand vorübergeht, und wenn nicht 
ein ungeheures Pech . . ." 
„Das wäre dumm . . ." 
„Allerdings von Seiten eines so korrekten Mannes 
wie Sie könnte es überraschen ..." 
II. 
Das Frühstück verging wunderbar. Die Hausfrau 
war in reizender Laune, und man war sehr heiter, mit 
Ausnahme von Fryleuse, der mehrmals Gelegenheit 
hatte, die Wahrheit an Jacques' Behauptung zu konstatieren. 
„Ich werde heut’ Abend eine Depesche vorschützen 
und verduften", dachte er, während er aufmerksam seinen 
Teller betrachtete, um dem feuchten Blick der Hausfrau, 
die ihn kaum mit den Augen verliess, nicht zu begegnen. 
Als man den Kaffee im Treibhause servierte, öffnete 
jeder die Zeitungen und Revuen, die der Briefträger 
gebracht hatte. 
„Sieh, sieh", sagte einer der Gäste, „das ist aber 
ein merkwürdiger Diebstahl!“ 
Und nun las er irgend eine Localnotiz vor, als 
Herr von Belleprestans ihn unterbrach. 
„Apropos, Diebstahl", sagte er, „da hat sich hier 
etwas sehr Merkwürdiges zugetragen." 
„Was denn?" 
Fryleuse fühlte, wie er blass wurde, während in 
Jacques eine schreckliche Lachlust aufstieg. 
„Denken Sie sich“, fuhr der Baron fort, „man hat 
eine Büste meiner Frau gestohlen, die am Fusse der 
Treppe stand, eine grosse und sehr schwere Terrakotta 
büste. ..“ 
„Wie denn?" 
„Ja wie! das weiss ich nicht! jedenfalls ist sie ver 
schwunden." 
Der Diener, der den Kaffee servierte, ergriff das 
Wort, indem er sagte: 
„Die Büste hat sich wiedergefunden, Herr Baron.“ 
„Ach ... wo denn?" 
„In dem... im Zimmer des Herrn Vicomte deFryleuse." 
„Wie", rief Frau von Belleprestans plötzlich; „die 
Büste war bei Herrn von Fryleuse?" 
Fryleuse, der sich von seinem ersten Schreck erholt 
hatte, vermochte jetzt die Worte zu stammeln: 
„Wirklich . .. diese Büste ... befand sich .. .?« 
„Na, er hat sie sicher nicht hineingeschleppt", er 
klärte Jacques frech. 
„Das ist jedenfalls ein Scherz der Kinder", sagte 
Herr von Belleprestans streng, indem er seinen Sohn 
und seinen Neffen ansah, diesofort ihre Unschuld beteuerten. 
Damit war der Vorfall erledigt. 
Am Tage wurde ein Ausflug zu Wagen veranstaltet. 
Fryleuse machte den Vorwand geltend, er habe Briefe 
zu schreiben, um in Valfleury bleiben zu können. Er 
wollte ein näheres Zusammentreffen mit der Baronin ver 
meiden, seinen Fluchtplan entwerfen und einen plausiblen 
Grund zu suchen, um schon am nächsten Tage ver 
schwinden zu können. 
Er liess sich in dem besten Sessel der Bibliothek 
nieder, wählte sich einen Schmöker und fühlte sich so 
behaglich, dass er sich nicht einmal die Abfahrt der 
Wagen mit ansah. Nach und nach überkam ihn eine 
behagliche Wärme; eine Art Halbschlummer lullte ihn 
angenehm ein; alles um ihn her nahm frische, lachende 
Farben an; er sah hübsche Gesichter vorüberziehen; er 
träumte, er gewinne fortwährend im Spiel, und zum 
Schluss der Partie teilte ihm sein Vater den Tod seiner 
Tante in der Bretagne mit, die bis dahin hartnäckig 
am Leben geblieben war... 
Plötzlich hatte er eine seltsame Empfindung er; 
fühlte auf seinen geschlossenen Augen einen warmen 
und kräftigen Druck, der zwei bis drei Sekunden an 
dauerte. Dann veranlasste ihn das Rauschen eines Seiden 
kleides, den Kopf zu wenden; hinter ihm stand Frau 
von Belleprestans und betrachtete ihn lächelnd. 
„Sie schliefen?" sagte sie. 
Dann reichte sie ihm plötzlich die Hand: 
„Warum haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt?“ 
„Die Wahrheit?" wiederholte Fryleuse noch etwas schlaf 
trunken; „was für eine Wahrheit?" 
„Nun, heut’ Morgen... Sie wissen doch..." 
„Hätten Sie aufrichtig gesprochen“, fuhr die Baronin 
in sanftem Tone fort, „so wäre es viel besser gewesen." 
„O, Madame, das ... das hätte ich nie gewagt...“ 
„Und warum denn nicht, Sie Kind?" fragte sie und 
ergriff wieder seine Hand. 
„Aber, Madame, es giebt gewisse... Schwächen, die 
ein wohlerzogener Mann nicht eingestehen darf..., die 
er im Gegenteil sorgfältig verbirgt?" 
„Was hat denn die Erziehung damit zu thun? Sie 
hätten aufrichtig zu mir kommen und mir sagen sollen .." 
„O, Madame, auf keinen Fall hätte ich mir erlaubt, 
Ihnen ..." 
„Ach, Ihr seid doch alle gleich! Sie begreifen nicht, 
dass es einen Mangel an Respekt giebt, gegen den wir 
voll Nachsicht sind?... Sie begreifen das nicht?" 
Frau von Belleprestans hatte sich auf einen kleinen 
runden Sessel gesetzt, der fast zu Fryleuses Füssen stand 
und betrachtete ihn erstaunt, während sie diese Worte 
zu ihm sprach. Sie hatte ihr grüngraues Plüschkleid ab 
gelegt, um ein durchsichtiges, stark decolletiertes Peignoir 
mit kurzen Aermeln anzuziehen. Dieses in «betracht 
der Kälte recht seltsame Deshabille zog die Blicke 
Fryleuses auf sich, der sich der Bemerkung nicht er 
wehren konnte, die Dame wäre noch sehr gut conserviert. 
„Hätten Sie mir gleich gesagt, dass Sie mich liebten . . 
warum haben Sie das nur zu der Büste und nicht zu 
dem Original gesprochen, was Sie auf dem Herzen hatten?“ 
„Donnerwetter! Diese Auslegung hatte ich nicht 
vorhergesehen!" dachte Fryleuse, indem er sie mit halb 
geöffnetem Munde und verdutzter Miene anhörte; „die 
Situation ist grässlich, um so grässlicher, als ich nie 
wagen werde, ihr die Illusion zu rauben!“ 
Darum ist der schöne Fryleuse zur grossen Ver 
wunderung aller, die nicht wissen, wie sich die Sache zuge 
tragen hat, der augenblickliche „Freund" der Frau Baronin.
        
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