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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Als Hofdame der Herzogin Ernst Günther 
von Holstein rangiert auch das reizende kleine 
Fräulein Elisabeth von Schröder unter den 
jungen Frauen der Hofgesellschaft, deren Reihe 
ihr Bild heute bcschlicsst. L. v. N. 
Hagelung und Weihe neuer Fahnen. 
Zwei grosse militärische Schauspiele vollzogen 
sich kurz hintereinander: Am 30. August fand 
auf Befehl des Kaisers im Königlichen Zeughause 
die Nagelung und Weihe von 64 neuen Fahnen 
und Standarten statt, und am 1. September war 
die grosse Herbstparade. Die alten Feldzeichen 
hatten so siele Kriegsstürme erlebt, dass ihr Ersatz 
sich doch als eine Notwendigkeit ergab. Von 
manchen war nur die Stange noch und an dieser 
ein minimaler Fetzen des Tuches übrig: sie hatten 
bereits den tapferen Grenadieren des alten Fritz 
bei ihrem Siege vorangeschwebt. In Anwesenheit 
der beiden Majestäten, des Kronprinzen, wie der 
andern kaiserlichen Söhne, Mitglieder des König 
lichen Hauses und Hofes, Minister und zahlreicher 
Generäle wurden die Fahnen genagelt und feier 
lich eingesegnet. Unsere Bilder stellen die ein 
zelnen Phasen der grossen Geremonie dar: das eine 
die Ankunft des Kaisers vor dem Zeughause und 
Begrüssung durch die Generalität, das Vollbild die 
Weihe durch den Militär-Oberpfarrer, Konsistorial- 
rat Wülfing, dessen kernige Soldatenpredigt einen 
tiefen Eindruck machte. Nach dem Vaterunser, 
einem Gebet und dem Segen blies die Musik das 
Tedeum. Dann fand die Üeberführung der neuen 
Fahnen nach dem Palais des alten Kaisers statt. 
Die Leibcompagnie exekutierte den Parademarsch, 
den der Kaiser vor dem Zeughause stehend ab 
nahm. Unsere Abbildung veranschaulicht den 
Moment, wie die Feldzeichen, zu vier Gliedern 
formiert, am Kaiser vorbeigetragen werden. An 
den Flügeln des ersten Gliedes, das vorzugsweise 
die Feldzeichen der ostasiatischen Regimenter führt, 
schreiten der Kronprinz, dessen gute militärische 
Haltung allgemein auffiel, und sein Bruder Eitel 
Friedrich. Vom Lustgarten herüber sieht man 
den Rauch der Geschütze, die während des Segens 
einen Salut von tot Schuss abfeuerten. 
Halensee. 
Fast jeder Vorort von tBerlin hat seine Be 
deutung und seine Lokalhymne. Rixdorf und 
Pankow erfreuen sich nachgerade eines Weltrufs, 
Tempelhof hat seine Pol’ka, Rummelsburg, Wil 
mersdorf, Friedenau, Charlottenburg und Halensce 
haben ihre Eigenart. Im einen ist der Himmel 
blau und geht es sehr bunt zu, in Charlottenburg 
wohnt die bekannte Marie, in Rummelsburg und 
Tempelhof grassiert „Keilerei mit Tanzvergnügen“, 
in Wilmersdorf bei Schramm oder in Halensee 
muss jedes Berliner junge Mädchen mal gewalzt 
haben. Für so manches bedeutet Halensee aller 
dings eine Epoche in seinem Leben, und das ist — 
doch das gehört nicht hierher. Während an drei, 
vier Wochentagen des Abends das mehr oder 
weniger chic bekleidete Tanzbein geschwungen 
wird und noch Nachts von der Hermandäd hin 
und wieder gedämpfter Lärm und sündhaftes Ge 
lächter durch die vornehmstillen Strassen des 
freundlichen Villenortes schallt, nimmt der Sonn 
tag durch das Überwiegen des gutsituierten 
Publikums und des anständigen „kleinen Mannes“ 
mit Familie, die blos frische Luft „schnappen“ und 
etwas Gartenmusik hören will, dem populären 
Vorort die demimondaine Note. Vormittags zumal 
ist es ein Vergnügen für den stillen Beobachter, 
die lange ununterbrochene Reihe von Spazier 
gängern, die den Grunewald oder das Sport 
seebad, das uns eine besondere Illustration vor 
Augen führt, aufsuchen wollen, von Radfahrern, 
Sonntags- und besseren Reitern, Kremsern, Benzin- 
wie anderen Luxusgefahrten Revue passieren zu 
lassen. So einen Augenblick hat sich unser 
Photograph herausgegrillen, und man wird gestehen 
müssen, dass er das volle Menschenleben an einer 
interessanten Stelle gepackt hat. — 
Photographische Ausstellung. 
Während der Monate August und September 
fand in den vornehmen Räumen des Künstler 
hauses in der Bellevuestrasse unter dem Protek 
torate Ihrer Majestät der Kaiserin eine photo 
graphische Ausstellung statt, die des Interessanten 
soviel bot, dass wir es uns nicht versagen mochten, 
unsern Lesern einiges Markante und Wertvolle 
daraus in der Reproduktion zu bieten. Von 
malerischer Wirkung und grossem künstlerischen 
Gehalt ist unleugbar der männliche Kopf des 
Fred. Boissonnas. Hier berühren sich die Grenzen 
von Malerei und Photographie. Eine mustergültige 
Aufnahme ist auch die des Malers Professor Max 
Liebermann vom Hofphotographen Nils Perscheid 
in Leipzig, der dafür und für die weiteren von 
ihm eingesandten Arbeiten den Ehrenpreis der 
Kaiserin, be.teilend in einer prachtvollen Porzellan- 
schale aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur, 
empfing. Der weibliche Akt von Erfurth-Dresden, 
die lesende Frau vom Hofphotographen Grundner 
sind gleichfalls prächtig gelungene Zeugnisse von 
den riesigen Fortschritten, die die Photographie 
in wenigen Jahren gemacht hat. Ohne Zweifel 
haben die Fachleute viel von dem naiven Kunst 
verstand der Amateure gelernt, und man bemüht 
sich seit einiger Zeit, Portraits zu fertigen, die den 
Charakter und die individuellen Gesichtszüge der 
Person nicht verwischen oder verschönern, sondern 
zum Ausdruck bringen. 
Friedrieh-Wilhelmstädtisehes Theater. 
Mitte September wird das erste und älteste 
Operettentheater Berlins unter der Leitung seines 
alten Direktors Julius Fritzsehe seine glänzend 
umgestalteten Pforten wieder eröffnen. Man sagt: 
die Operette ist tot, Fritzsche soll zeigen, wie man 
sie zu neuem Leben erweckt. Der Berliner hat 
Vertrauen zu ihm und erinnert sich gern der 
Zeiten, als der „Lustige Krieg“ und der „Bettel 
student“ in der Schumannstrasse, wo jetzt Brahm 
die Moderne kultiviert, mit den besten Kräften 
und einer Verve gespielt wurden, die jetzt selten 
mehr gefunden wird. Damals war das Gute neu. 
Heute noch zehrt man von diesem Guten. Und 
wenn Direktor Fritzsche nur die alte Tradition 
wieder herstellt und pflegt, hat er sich schon den 
Dank der Berliner verdient. Aber er wird viel 
Neues bringen. Die erste Novität heisst „Der 
Tugendring“. Die Musik stammt von dem beliebten 
Roth. Es ist eine Märchenoperette, pompös aus 
gestattet, mit Ballets und Aufzügen. So wills der 
Zug der Zeit. Einige Stützen des Ensembles, da 
runter die trefflichen Josephi und Streitmann, 
führen wir dem Leser in einem Tableau vor. — 
Äpollo-Theatep. 
Wenn die Theater die Wintersaison am 1. Sep 
tember eröffnen, locken auch die grossen Varietes 
durch „sensationelle“ Programme die Freunde der 
leichten Muse in ihre Tempel. Das Apollo-Theater 
hat sich mit den Stars des Septemberprogramms aus 
verkaufte Häuser gesichert. Nur einige davon können 
wir den Lesern vorführen. Da ist die formenschöne 
Erna Bertholdv, eine „Prima-Qualität Kontorsioni 
stin“, wie der Theehäusbesitzer in der Geisha sagen 
würde, der unfehlbar arbeitende Jongleur Mr. Vaudy 
und last but not least die Wiener Operettendiva 
Moraw, die durch eine hübsche Dosis Pikanterie 
besticht. —
	        
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