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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

sicti nach dem während der Mahlzeit genossenen Rot 
wein richtete. 
Mit dem Glockenschlag 6 ging es zu dem Nach 
mittagsschoppen, der bis um 8 Uhr dauerte und mit 
dem Glockenschlag 8 nahm der Abendschoppen seinen 
Anfang. Da sass er zusammen mit den Offizieren seines 
Bataillons und den Honoratioren der kleinen Stadt, dem 
Herrn Bürgermeister und dem Apotheker, dem Doktor 
und dem Herrn Notar. Man sprach wenig, aber man 
trank desto mehr, denn etwas soll der Mensch ja nun 
thun, wenn er sonst nichts thut. 
Mit dem Glockenschlag 11 erhob sich der Herr 
Major — das war manchmal mit einigen Schwierigkeiten 
verbunden, denn von dem langen Sitzen wird man leicht 
steif. Ging es garnicht, dann halfen freundliche Hände. 
Zuweilen geleitete sein Adjutant ihn auch nach Haus — 
bis zur Hausthür liess der hohe Herr sich dies auch immer 
ruhig gefallen, aber sobald der Schlüssel im Schlüsselloch 
steckte, wurde er grob. 
„Sagen Sie, bitte“, fuhr er dann seinen Begleiter an, 
„wer sind Sie eigentlich? Was wollen Sic denn hier? 
Wie kommen Sie dazu, mit mir zu gehen, ohne dass 
ich Sie dazu aufgefordert habe? Was denken Sie sich 
eigentlich dabei?“ 
„Dass Du keine Ahnung hast von dem, was Du 
redest“, dachte der Adjutant. 
Aber während die Vorgesetzten ihre Meinung stets 
laut äussern, behalten die Untergebenen ihre Ansicht für 
sich — hieraus den Schluss ziehen zu wollen, dass die 
Untergebenen klüger sind als die Vorgesetzten, wäre 
ganz lalsch. 
Beim Militär heisst es in erster Linie: Subordination, 
und hierunter versteht man bekanntlich das Bestreben, 
stets dümmer zu erscheinen, als der Vorgesetzte 
wirklich ist. 
Der Adjutant kümmerte sich nicht im geringsten 
um das, was sein Herr sagte. Er schob ihn in das Haus 
hinein und liess den Burschen dann für das Weitere 
sorgen. Der hatte die Pflicht, seinen Herrn zu Bett zu 
bringen und darauf zu achten, dass die Nachtruhe in 
keiner Weise gestört würde. Zuweilen kam es vor, 
dass Nachts dienstliche Telegramme einliefen, die den 
Vermerk trugen „eilt“, aber die trotz alledem von einer 
geradezu wclterschütternden Gleichgültigkeit waren. 
Beim Militär „eilt“ bekanntlich alles — man sagt, 
es läge daran, dass die hohen Vorgesetzten, die heut zu 
Tage häufig mit einem Helm zu Bett gehen und mit 
einem Cylinder erwachen, nicht wüssten, ob sie ohne 
das Wort „eilt" noch das Ende und den Ausgang der 
Angelegenheit erleben würden. 
ln der ersten Zeit, als der Herr Major sein Bataillon 
führte, war auch er auf das Wort „eilt“ oft genug hin- 
eingefallen, bis er sich eines Tages schwor: „Nie wieder“ 
und darum hatte er seinem Burschen bei Androhung 
von sieben Tagen strengem Arrest und sofortiger Ab 
lösung verboten, ihn jemals während der Nacht aus 
irgend welchem Grunde zu wecken. 
Wachte der 1 Ierr Major des Morgens auf, so klingelte 
er nach dem Burschen und fragte: „Was giebt es Neues?“ 
Die Antwort lautete stets: „Nichts, Herr Major, 
wenigstens weiss ich nichts.“ 
Und das entsprach der Wahrheit: Der Diener schlief 
fast ebenso lange wie sein Herr; wie sollte er es da 
wissen, wenn sich während der Nacht wirklich etwas im 
Städtchen ereignet haben sollte. 
So vergingen Tage, Wochen, Monate. 
„Was giebt es Neues?“ fragte der Major da eines 
schönen Morgens, als er nach langem, kräftigem und 
erquickendem Schlummer zu recht später Stunde er 
wachte. 
Auf die Antwort war er garnicht begierig, die kannte 
er ja schon im Voraus —• aber er irrte sich, dieses Mal 
gab es doch etwas Neues. 
„Der Hansen, Herr Major, der Hornist von der 
ersten Compagnie ist heute Nacht plötzlich verrückt 
geworden, ganz plötzlich, gestern Abend war ich noch 
mit ihm zusammen und da war er noch ganz vernünftig.“ 
Den Herrn Major interessierte diese Neuigkeit absolut 
nicht, es giebt so viel Verrückte, dass es auf einen mehr 
oder weniger wirklich nicht ankommt; behaupten doch 
viele, die ganze Welt sei weiter nichts als ein grosses 
Irrenhaus. So sagte er denn nur: „Der Hansen is 
verrückt geworden? Was fällt dem Lümmel denn ein? 
Was hat er denn gemacht?“ 
„Denken der Herr Major sich nur“, gab der Bursche 
zur Antwort, „der Hansen hat sich heute Nacht auf die 
Strasse gerade vor unser Haus gestellt und hat immer 
geblasen und noch dazu etwas, was ich garnicht kannte. 
Wohl eine viertel Stunde hat er getutet, und dann ist er 
ganz schnell fortgelaufen.“ 
„Wenn der Kerl nicht wirklich verrückt ist, sperre 
ich ihn ein“, sagte der Major, „ich glaube eher, dass der 
Mensch betrunken war. Was hat er denn geblasen? 
Ein Lied?“ 
„Nein, Herr Major, ein Lied war es nicht, es klang 
beinahe wie ein Signal, es ging, so — na, wie war es 
doch noch — ja so richtig, so war es“ und vollständig 
richtig sang der Btirsch seinem Herrn die Melodie vor, 
die der Hornist geblasen hatte. 
Mit beiden Beinen gleichzeitig fuhr der Major aus 
dem Bett heraus: „Schafskopf infamer — das war ja 
ein Signal, das war ja Alarm!“ 
Der Bursche stand wie vernichtet, endlich sagte er: 
„Dann ist der Hansen ja vielleicht garnicht verrückt?“ 
„Du bist verrückt“, schrie ihn sein Herr an, „warum 
hast Du Esel mich denn nicht geweckt?“ 
„Teil durfte doch nicht“, gab der Bursche zur Ant 
wort. 
Aber der Major achtete garnicht auf die Antwort. 
„In fünf Minuten ist das Pferd gesattelt“, befahl er, 
„marsch, Galopp, das Weitere findet sieh.“ 
Wenig später ritt der Major trotz des entsetzlichen 
Strassenpflasters im sausenden Galopp zur Kaserne, um 
sich dort den wachthabenden Unterofficier zu „kaufen“. 
Wie kam der Mann dazu, ohne sein Wissen und ohne 
seine Erlaubnis Alarm blasen zu lassen? Irgend etwas 
musste passiert sein. 
„Zum Donnerwetter, so antworten Sie doch“ fuhr 
er den Unterofficier an, „was hat’s denn gegeben?“ 
„Der Herr General ist heute Morgen um vier Uhr 
hier angekommen und hat das Bataillon alarmiert“ lautete 
die Antwort. „Der Herr General ist mit dem Bataillon 
zu einer Felddienstübung abgerückt und noch nicht 
wieder zurückgekommen.“ 
Nicht nur der Herr Major, sondern auch dessen 
Pferd zitterte bei diesen Worten, die Sache war genuss 
reich, die konnte so bleiben; der General machte mit 
dem Bataillon eine Uebung, während der Herr Major im 
Bett lag und schlief. 
„Wohin ist die Truppe marschiert?“ wollte der Major 
den Unterofficier fragen, aber er fragte ihn nicht, denn 
in diesem Augenblick schlug der Klang der grossen 
Trommel an sein Ohr — mit klingendem Spiel kam das 
Bataillon zurück und an der Spitze der Truppe ritt der 
Herr General. 
Der Major galoppierte ihm entgegen, um sich zu 
entschuldigen, soweit dies überhaupt möglich war; aber 
bevor er noch ein Wort sagen konnte, fiel ihm der 
General schon von weitem zu: „Schon aufgestanden, 
Herr Major? Das thut mir Ihretwegen leid, denn jetzt 
brauche ich Sie nicht mehr. Reiten Sie nur ruhig nach 
Haus und legen Sic sich wieder schlafen. Gute Nacht.“ 
Da wandte der Herr Major sein Ross und ritt schwei 
gend von dannen, er wusste: das Lied war aus. Nun 
kam für ihn die lange Nacht als Civilist, nun konnte er 
ruhig schlafen bis an sein Lebensende. Nun machte kein 
Mensch mehr den Versuch ihn zu wecken — nicht ein 
mal ein verrückt gewordener Hornist.
        
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