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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

trug sie ein schönes warmes Pelzjäckchen, und dann ... 
dann besann ich mich auch, dass ich mal in Mimis Ge 
sellschaft . . . eben damals vor sechs Jahren ... bei einer 
Burgunderbowle einen ganz besonders wohlgelungenen 
Abend verbracht hatte. — Nun versicherte sie treuherzig, 
die neuen Kompositionen Golschowskis würden unfehlbar 
jetzt in der Nacht, wenn die rote Lampe auf dem Flügel 
stiincle, den einzig richtigen, den beabsichtigten Eindruck 
machen. „Denke bloss den Walzer für den zweiten Act 
schluss!" ereiferte sie sich. „Soll den vielleicht der Herr 
Professor morgen früh nüchtern zu sich nehmen?" Hierauf 
lud mich Golschowski zum Abendessen ein. 
Und da sassen wir denn alsbald in seinem Musik 
atelier. Sitzplätze giebt es in diesem Gemache eigentlich 
nur zwei, auf dem Sopha, — es war also nur natürlich, 
dass Golschowski uns, seinen beiden Gästen, diese Plätze 
anbot. Für sich selbst hatte er den Klaviersessel heran 
geholt, und hockte, augenscheinlich nicht sehr bequem, 
uns gegenüber. Die vorhandene Cervelatwurst war aus 
gezeichnet. Ich habe mir die Braunschweiger Adresse 
aufgeschrieben, Lise." 
Damit griff Peter in das Billettäschchen seines Rocks 
und brachte zwei flüchtig zusammengefaltete Papierchen 
zum Vorschein. Er schlug eines davon auseinander — 
die abgerissene Ecke eines vergilbten Notenblattes war 
es, auf dem Rande standen einige Worte mit Bleistift 
geschrieben - dieses Blättchen legte Peter mit einer ge 
wissen cynischen Pietät vor sich auf den Tisch, dann über 
reichte er das zweite seiner Frau. Es war eine Visiten 
karte von Golschowski und enthielt die Wurstadresse. 
„Was steht auf dem andern Zettel?" wollte Frau 
Lise wissen. 
«Einen Augenblick! Soweit sind wir noch nicht. 
Also wir sassen und tranken Burgunderbowle. Golschowski 
und ich aus Wassergläsern. Er besitzt nur ein Weinglas. 
Und — man trinkt unwillkürlich etwas mehr, wenn man 
ein grösseres Gemäss vor sich hat. Ungefähr um die 
Zeit, wo die erste Flasche zur Neige ging, kam mir ein 
Gedanke, . . . ein unmoralischer Gedanke, für den ich 
mich natürlich nicht etwa verantwortlich fühlte. Ich 
hatte ihn nicht gerufen. Dieser Gedanke muss durch irgend 
eine Fluidumverbindung, durch Sympathie zwischen mir 
und Miini dem Mädchen bewusst geworden sein. Es 
giebt wirklich auf diesem Gebiet noch so mancherlei, 
was keineswegs aufgeklärt ist. — Kurz und gut: ich hatte 
die Zwangsvorstellung, dass ich Mimi, wenn Golschowski 
jetzt nicht da wäre, umarmen oder vielleicht ihren Mund 
küssen würde, — ich weiss nicht mehr so genau, was 
ich mir vorstellte — und in demselben Augenblicke — 
Golschowski war wohl mit dem Aufkorken beschäftigt — 
berührte die Spitze von Mimis kleinem Finger meine 
rechte Hand, die unthätig auf dem Tische lag. Das war 
nun gerade so, als ob sie auf einen elektrischen Knopf 
gedrückt hätte, es klingelte in mir. Und — mit meiner 
Willensfreiheit war es jetzt ganz und gar vorbei. Von 
jetzt an beherrschte mich die Absicht, Mimi für heute 
zu entführen. Ja, es war mir eine ausgesprochen un 
angenehme Gewissheit, dass mich Golschowski in spätestens 
einem Stündchen mehr oder minder höflich hinauswerfen 
und also meinWille voraussichtlich unrealisierbar sein würde. 
Mimi hatte sich in ihre Sophaecke zurückgelegt und 
sang — sie singt garnicht übel: 
»Noch amol, noch amol, noch amoool 
Singt ihr Lied die Nachtigoool." 
Damit hatte sich der ahnungslose Golschowski auf 
seinem Sessel heru.mgedreht und begleitete die Sirene auf 
seinen prachtvollen Steinway. Vielleicht war das Mimis 
hinterlistiger Nebenzweck gewesen, denn so musste er 
uns ja den Rücken zudrehen — ich fühlte, das ihre 
Blicke brennend heiss über mein Gesicht glitten. 
Und nun, wo er einmal am Instrument sass, nun 
fing er an, aus der neuen Operette vorzuspielen, eine 
Musik, wieder ganz in seinem Genre, wohl nicht ganz 
klar in seinen Absichten, aber jedenfalls bestrickend, 
süsses Taumeln, Raserei. Ich muss das alles anführen, um 
Dir begreiflich zu machen, dass ich nunmehr sozusagen 
in einer moralischen Ohnmacht lag. Dass ich Mimi 
entführen würde, war mir jetzt ganz klar, mein Nach 
denken beschäftigte sich nur noch mit dem Wie, mit 
den Mitteln. Da holte sich das Mädchen von einem 
Notenstoss, der an der Erde lag,' eine schöne alte Opern 
partitur und riss, zu meinem Erstaunen, von einem Blatte 
derselben dieses Eckchen ab, — dieses da auf dem Tische." 
Lise griff nach dem Blättchen. „Und schrieb Dir 
darauf einen Liebesbrief?" 
„Ja, . . sie hatte einen Bleistift bei sich.“ 
„Darf ich das nun lesen ?" 
„Bitte." 
Auf dem Zettel stand : „Du kannst jetzt gehen. Warte 
an der Ecke. Ich komme in fünf Minuten." 
Als Frau Lisi das gelesen hatte, stieg ihr die Zornesröte 
ins Gesicht, sie fasste das Papierchen wie etwas Unappetit 
liches am äusserstenZipfel und gab esPeter zurück. „Du wirst 
es dir aufheben wollen," sagte sie bitter, „als — Andenken." 
Der Professor betrachtete seine Frau mit grosser 
Genugthuung. „Siehst Du 1 Warum hast Du mich vor 
hin „„Dummchen" " geschimpft." 
„Und dann? Und dann? drängte Frau Lise. „Was 
wurde dann ?" 
„Ja ja," hub Peter wieder an, das war nun psycho 
logisch sehr merkwürdig. Ich hatte den Zettel in die 
Tasche gesteckt. Golschowski raste den „Polnischen 
Walzer" verzückt zu Ende, — jetzt brauchte ich nun 
blos noch „Adieu" zu sagen, und . . . über ein kleines 
Weilchen würde ich Mimi am Arm führen, wohin ich 
Lust hätte. Die Hindernisse waren überwunden. Aber 
von diesem Augenblicke an . . . ja, sehr merkwürdig! 
Golschowski schloss mit einer rauschenden Kadenz und 
nun fragte er mich, ob so das Tempo flott genug ge 
wesen wäre. ..Ich antwortete ihm . . . irgend etwas, . . . 
Aktschluss könnte garnicht flott genug sein, . . . irgend 
eine Redensart. Was kümmerte mich sein Tempo! Ich 
hatte nur noch einen Gedanken: Wie sollte ich es 
machen, um jetzt Mimi — wieder los zu werden. Mein 
Verstand arbeitete fieberhaft. Alle Möglichkeiten, die 
ich in Betracht zog, musste ich verwerfen. Sollte ich 
die ganze Nacht bei Golschowski bleiben, einfach nicht 
fortgehen? Aber wie hätte ich das begründen wollen? 
Nein, das war ausgeschlossen. 
Also ich ging. Ich verabschiedete mich herzlich. 
Golschowski versuchte nicht, mich zurückzuhalten. Als 
ich nun auf der Strasse war, — an der Ecke, — stand 
ich vor der neuen Frage: Sollte ich jetzt weitergehen? 
Ausreissen? Nein, dazu hatte ich mich doch wohl vorhin 
zu entgegenkommend gezeigt. Ich wartete an der Ecke. 
Mit der Uhr in der Hand. »Fünf Minuten“ und keine 
Sekunde länger wollte ich warten. Glücklicherweise 
war eine DroSchkenstation an der bewussten Ecke . . . 
Aber Mimi hielt Wort. Weiss der Teufel, wie sie sich 
so schnell von Golschowski losgemacht hatte. In der 
vierten Minute kam sie. „Geliebter!" hauchte sie, „wenn 
das jetzt Deine Frau wüsste!" — Sie wagte es, von Dir 
zu sprechen! Und — der Zorn machte mich brutal. 
Ich schüttelte ihr die Hand. — hoffentlich hat sie sich 
etwas recht Passendes dabei gedacht, — und alsbald 
sass ich in der Droschke." 
„Allein, Peter?" 
„Allein." 
Da erhob Frau Lise mit einem stillen Lächeln 
ihr Glas. Sie stiessen an. „Mein Peter, Du bist ein 
Philister."
        
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