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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

sich in letzterer Hinsicht ganz besonders aus. 
Seine persönlichen Mittel unterstützen den Grafen 
Hohenthal hierbei in ausserordentlicher Weise. 
Sein Geschlecht, das seinen Ursprung auf den 
reichen Leipziger Handelsherrn Peter Holtmann 
zurückführt, der 1717 den Adel und das Prädikat 
„von Hohenthal“ erhielt, ist eins der begütertsten 
des Königreichs Sachsen. Den Beinamen „von 
Bergen“ erhielten der Gesandte und sein Bruder 
von ihrer Mutter, Freiin Karoline von Berlepsch, 
welche in erster Ehe mit dem Kurfürsten Wilhelm II 
von Hessen, als dessen dritte Frau, morganatisch 
verheirathet und zur „Gräfin von Bergen“ erhoben 
worden war. Seit 1882 ist der Graf Hohenthal mitder 
Gräfin Therese Vitzthum von Eckstädt (in erster Ehe 
verwittweter Frau von Haugk) vermählt (s. d. Bild), 
einer Schwester des sächsischen Oberhofmarschalls 
Grafen Vitzthum und der Frau von Sabourow, 
der Gemahlin des ehemaligen russischen Botschafters 
am deutschen Kaiserhofe. Unser Kaiser ist dem 
Grafen Hohenthal wegen seines jovialen und 
offenen Wesens sehr freundschaftlich zugethan 
und hat die Gewohnheit, in jedem Winter einmal 
bei ihm das Diner einzunehmen. Bei diesen Ge 
legenheiten macht die Gräfin dem Monarchen mit 
dem vollendeten Takte der geborenen grande 
dame die Honneurs ihres prächtigen Heims. 
Das Grossherzogthum Baden ist in Berlin durch 
Herrn Dr. von Jagemann vertreten, der sich im 
Verein mit seiner Gemahlin und seinen schlanken 
Töchtern (s. d. Bild) ebenfalls auf dem Berliner 
Boden schnell akklimatisirt hat. Frau von Jage- 
rnann’s Namen hat der Leser gewiss schon oft in 
den Zeitungen gelesen, wenn es sich um ein 
Werk öffentlicher W^ohlthätigkeit handelte. Ihre 
Töchter haben bei den Dilettanten-Aufführungen 
der Berliner Hofgesellschaft dieses Winters ein 
hübsches, ansprechendes Talent gezeigt. Wenn 
wir die Teilnahme der Damen unserer Hofkreise 
an derartigen Veranstaltungen, Bazaren, Konzerten, 
Theatervorstellungen des Oefteren hervorheben, so 
geschieht dies nicht nur, weil es ihnen zur Ehre 
gereicht, ihre Kräfte oder auch nur ihre weibliche 
Anmut in den Dienst guter Werke zu steilen. 
Diese noch nicht gar so lange bei uns in die Mode 
gekommenen Feste zu Gunsten irgend welcher 
Nothleidender scheinen uns aber auch noch eine 
andere erfreuliche Seite zu haben: sie sind fast 
die einzigen Gelegenheiten, bei denen die einzelnen 
Sphären der Berliner Gesellschaft mit einander in 
Berührung kommen und einander kennen lernen. 
Die strenge Absonderung der einzelnen Stände 
unter einander ist heutzutage, da der Militärstaat 
Preussen in der Grossmacht Deutschland, die mehr 
und mehr zu einem Industriestaate wird, auf 
gegangen ist, nicht mehr durchführbar. Statt 
mühsam aufrecht erhalten zu werden, sollten diese 
Schranken von den Beteiligten selbst möglichst 
beseitigt werden, wie dies in andern Weltstädten 
längst geschehen ist. Es ist doch ein höchst be 
dauerlicher Zustand, dass es in unserem Vaterlande 
thatsächlich noch Menschen giebt — sie sind zum 
Glück nicht allzu zahlreich —, welche dem Kauf 
mannsstande, von dem man ohne Uebertreibung 
sagen kann, dass er heutzutage die Welt beherrscht, 
mit einem sozialen Vorurteile begegnen. Nirgends 
fallen solche Vorurteile so gründlich fort, als wenn 
die verschiedenen Milieus, welche zusammen das 
ausmachen, was man die „Gesellschaft“ nennt, 
sich zu einem gemeinschaftlichen mildthätigen 
Zwecke vereinigen. Hier tritt vorübergehend ge- 
wissermassen eine Demokratisierung aller Be 
teiligten ein, die nur nützlich und unter Umständen 
„wohlthätiger“ wirken kann als das finanzielle 
Ergebniss solcher Veranstaltungen. 
Kehren wir, nach dieser kleinen Abschweifung, 
zu unserer Bilderreihe zurück, so begegnen wir 
weiterhin dem Portrait des braunschweigischen 
Gesandten, Freiherrn von C ramm-Burgdorf, 
einem der interessantesten Köpfe des Berliner 
diplomatischen Corps. Baron Cramm, der erst 
im preussischen Justizdienste stand, dann den 
Hofhalt des Fürsten Reuss jüngerer Linie als 
Hofmarschall leitete, bis er in sein jetziges Amt 
rückte, ist ein ausserordentlich vielseitig gebildeter 
Diplomat, der ausserdem zwei wichtigen Faktoren 
des modernen öffentlichen Lebens, der Bühne und 
der Presse Interesse und — was mehr ist — 
Sympathie entgegenbringt. Er hat sich auf diesem 
Gebiete mannigfache Verdienste erworben, deren 
Darlegung wir uns an dieser Stelle aber leider 
versagen müssen. Excgllenz von Cramm, dessen 
Geschlecht zu den ältesten Braunschweigs gehört, 
lebt in glücklichster Ehe mit seiner Gemahlin, 
Baronin Margarethe von Cramm (s. d. Bild), 
geborenen von Tschirschky und Bögendorff, deren 
Wiege im schönen Schlesierlande stand. 
Herr Fortunat von Oertzen (s. d. Bild), 
dem die Interessen der beiden mecklenburgischen 
Grossherzogthümer in Berlin anvertraut sind, war 
früher als Rat im Schweriner Ministerium thätig, bis 
er 1889 an die Stelle des Herrn von Prollius trat. 
Seine Gemahlin, Frau Adele von Oertzen 
(s. d. Bild), eine geborene Gräfin von Bassewitz, 
hat ihm vier Kinder geschenkt, deren zweites, das 
liebliche blonde Fräulein Helene von Oertzen, 
der Leser in einem äusserst gelungenen Portrait 
zur Seite der Eltern erblickt. 
Zwei hohe Beamte des preussischen Staates 
sind in diesem Hefte ferner im Bilde wieder 
gegeben: der Präsident des Kammergerichts 
Drenkmann, einer unserer hervorragendsten 
praktischen Juristen, dem Niemand seine 74 Jahre 
ansieht, und Excellenz de la Croix, der früher 
im Kultus-Ministerium das Unterrichts wesen leitete 
und sich namentlich um die Volksschulen verdient 
gemacht hat. Als Wirklicher Geheimer Rat und 
Mitglied des Staatsrates ruht er jetzt von einer 
langen arbeitsreichen Thätig u sit aus. 
L. v. Nordegg.
        
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