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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

vor nunmehr genau siebenzig Jahren ereignet 
auch hiess der betreffende Inhaber des Portefeuilles des 
Innern nicht von M , sondern von Sch . . . .! 
Diese etwas genaue Exzellenz nun sah sich in der 
«Hochsaison' 1 1829 oder 1830 durch konventionelle 
Rücksichten, oder durch die ebenso tyrannische Amts 
pflicht gezwungen, in seinem «Hotel" eine grössere Ball 
festlichkeit zu veranstalten, wie denn dies ja auch in 
unserer modernen Zeit das Schicksal von Ministern und 
anderen, nicht kabinetsbefähigten Sterblichen zu sein pflegt. 
Aber die Sch . . . .'sehen Ballfeste genossen — aus 
den oben beregten «charakteristischen“ Ursachen keines 
erfreulichen Rufes in der preussischen Hauptstadt. Und 
wenn auch die «Stimmen der Presse“ (— sie bestand da 
mals wohl nur aus der „Vossischen" und der „Spenerschen 
Zeitung“ und dem «Beobachter an der Spree" —) in 
dieser Beziehung in tiefem Schweigen verharrten, die 
«Oeffentliche Meinung“ fand doch ihr Organ — und 
zwar ein fast noch wirksameres als die Feder: den Stift 
des Karikaturisten! 
Bereits acht Tage vor dem Fest in Rede erschien 
— irre ich nicht: von Theodor Hosemanns Künstler 
hand entworfen — ein buntes Bildchen, welches das 
Ministerhotel darstellte, und an der Thür desselben eine 
-- Menschenfalle, einer mächtig grossen Mäusefalle 
ähnlich, darin die Gäste für die mehrberegte Feier 
lichkeit eingefangen werden sollten. Das Publikum je 
doch, Damen und Herren — letztere in Zivil und 
Uniform — flüchtete, durch frühere Erfahrungen ge 
witzigt, in weiten Bogen um die gefahrdrohende Fang 
maschine herum und verschwand gesträubten Haares 
und mit entsetzten Mienen um die nächstgelegenen 
Strassenecken. 
Ein paar Tage nach der ominösen Festlichkeit 
aber kam’s noch grausamer! 
Als «fliegendes Blatt" erschien eine Satire von so 
durchschlagender komischer Kraft, dass alsbald in der 
«guten“ und — schlechten Gesellschaft Berlins diese 
zündenden parodistischen Verse von Mund zu Munde 
gingen. 
Der Verfasser waren — so viel verlautete — zwei; 
doch ihre Namen blieben wohlweislich in Dunkel gehüllt. 
Im Verdacht ihrer einer zu sein, stand allerdings 
lange Zeit Adolf Glassbrenner, der, wie eingangs 
erwähnt, eben damals begann in Spreeathen die Geissei 
des Witzes zu schwingen. Mir gegenüber, der ich 
freilich erst manche Jahrzehnte später mit ihm innig be 
freundet und vertraut wurde, hat Glassbrenner die 
Vaterschaft an diesem prächtigen Opuskulum nie ein 
geräumt. 
Die Bekanntschaft des Gedichtes hatte ich im Laufe 
der fünfziger Jahre — also noch als Junge im elterlichen 
Hause gemacht, und zwar auf dem Wege mündlicher 
Ueberlieferung. Trotzdem hoffe ich, dass mir bei dem 
erst jüngst erfolgten Wiederzusammenkehren der einzelnen 
Bruchstücke aus dunklen Gedächtsnisswinkeln, nichts 
Wesentliches in den bekannten «grossen Spalt“ des 
Vergessens entfallen ist! 
Zauberfest beim Minister Sch 
von zweien 
durch Einladung Geschädigten geschildert. 
„Wer wagt, es bei solcher Finsterniss 
Zu tanzen in diesem Saal? 
Schon tönt die Musik ohne Hinderniss 
Und ruft die Tänzer zur Wahl! — 
Wer ist es, den so der Kitzel sticht, 
Dass er freiwillig den Hals hier bricht?!" — — — 
Und der Minister zum zweiten mal fragt: 
„Ist keiner, der den Tanz hier wagt?!" — 
Doch alles stumm bleibt wie zuvor 
Nur ein Leutenant, kühn und keck, 
Tritt aus der Gäste zagendem Chor; 
Und den Mantel wirft er, den Czacko weg — 
Und mit Erstaunen und mit Grauen 
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen. 
Da ergreift's ihm die Seele mit Eises Gewalt — 
Und es bebt ihm durch Herz und Sinn! 
Er eilt zu dem Fräulein von schöner Gestalt 
Und führt sie zum Tanze dahin — -- 
Sie haspeln herauf, sie haspeln hernieder, 
Um zu erwärmen die starren Glieder. 
Und der Minister winkt wieder — — 
Da speit das doppelt geöffnete Thor 
Einen Lohnlakaien auf einmal hervor, 
Der hört mit Schrecken, 
Er solle decken !— — — — — 
Ich bin, spricht jener, zum decken bereit, 
Und gält’ es das eigene Leben! 
Doch willst Du Gnade mir geben, 
So fleh’ ich Dich um drei Tage Zeit: 
Nur wenig Speise und Wein ist bereit — — 
Sähen's die Gäste, sie würden erbeben! — 
Die Fenster klaffen, die Thiiren ziehn, 
Der Sturmwind sauset im Saal dahin, 
Und treibt die Tänzer zu Paaren! 
Sie walzen und walzen mit Macht, mit Macht - 
Sie walzen hinein in die dunkle Nacht, 
Sich vor dem Frost zu bewahren! 
(Ein Bedienter meldet, dass ein Oast erfroren.) 
«Exzellenz, ich bringe die Schaudermähr: 
Es gab dort Einer das Leben her — 
Es verliess ihn zur selbigen Stunde. 
Ihm hat der letzte Galopp getönt — — 
Er war an ein wärmeres Klima gewöhnt!“ 
(Chor der Gäste.) 
Seht, da sitzt er, eine Leiche 
An dem Spieltisch da — 
Nach dem Ofen noch das bleiche, 
Stille Antlitz sah ! — — 
(Der Lohnlakai meldet, dass servirt sei.) 
«Horch, die Teller klappern dumpf zusammen 
Und der Diener hat vollbracht den Lauf — — 
Nun so sei's denn, nun in Gottes Namen, 
Theure Gäste, brecht zur Tafel auf!" — 
Da eilt, was Hunger hat, sich einzurichten, 
Es reget sich geschäftig Jung und Alt! 
Man sehnt nach Brod sich, eingemachten Früchten, 
Nach etwas Braten, warmem oder kalt . . . 
„Sehe jeder, wo er bleibe; 
Sehe jeder, wie er’s treibe, 
Und wer sitzt, dass er nicht falle — 
Essen ist nicht da für alle!" — 
(Chor der Gäste.) 
Nehmet Holz vom Fichtenstamme — 
Es ist lange nicht so zäh', 
Als — gedämpft an mässiger Flamme — 
Dieses alte Rindsfilet! — 
Wer sich die Schüssel wohl erkoren? 
Man wusste nicht, wohin sie kam — 
Und schnell war ihre Spur verloren, 
Noch eh’ ein Stück man von ihr nahm! — 
Dort erblick’ ich Rebenhügel 
Ewig jung und ewig grün 
Hätt' ich Schwingen, hätt' ich Flügel, 
Ach, nach Grünberg zog’ ich hin! - - 
(Schluss-Apotheose.) 
Und hungrig blieben alle Gäste 
Da nahte sich e i n sattes Paar — 
Das allereinzigste beim Feste, 
Weil es vorher bei Jagor*) war! 
* Heutzutage würde man »D res sei“ sagen!
        
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