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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Laubkronen der Linden hin, die sich wie ein goldenci 
Baldachin über sie spannten. Bei jedem Lufthauch 
senkte sich eine Wolke gelber Blätter zu ihren Füssen 
nieder. 
Eigen durchschauerte sie’s. 
„Ich will Ihnen etwas gestehen, gnädige Frau. Ich 
hatte solche Angst, Sie wiederzusehen — bei aller Freude, 
denn ich fürchtete, dass Sie dick und hässlich geworden 
seien — das hätte mir so weh gethan . . . Aber nun wollt 
ich beinahe, Sie wären es geworden . . .“ 
„Das ist ja recht freundlich! Ich danke Ihnen . . ." 
„Ich halte es nicht aus, Sie so hüsch zu sehen — 
mit all den Erinnerungen. Nein — das halt ich nicht 
aus!“ 
„Um Gotteswillen — verlieben Sie sich nur nicht 
in mich . . .“ 
„Warum nicht?“ 
„Weil das ein Unsinn wäre. Wir sind keine Kinder 
mehr. Wir sind klüger geworden.“ 
„Ist das besser geworden?“ 
„Gewiss!“ 
„Ich glaubs nicht . . . Ich bin Ihnen übrigens böse . . .“ 
„Weshalb ?“ 
„Ich habe Ihnen vor sechs Jahren geschrieben, und 
Sie haben mir nicht geantwortet.“ 
„Wirklich? Ja, ja — ich entsinne mich — ich hatte 
die Absicht, es zu thun und habe es noch heute. Mein 
Gott, erst-sechs Jahre! So lange bleibe ich häufig Briefe 
schuldig. Werden Sie nur nicht ungeduldig!“ 
Er blickte auf ihre Lippen. „Dieser Mund — dieser 
Mund!“ flüsterte er leise, wie für sich selbst. „Unter 
Tausenden würd’ ich ihn wiedererkennen . . . Ach Frau 
Martha, wo sind nun all die Jahre hin? Wüssten Sie 
nur, wie verliebt ich in Sie war, wie toll verliebt!“ 
„Das ist ja nun glücklich alles überstanden“, sagte 
sie ein wenig tonlos und sprach von gleichgiltigen Dingen. 
Dann erhob sie sich. Die Audienz war zu Ende. Er ver 
stand, griff'nach seinen Handschuhen und fragte herzlich: 
„Darf ich noch einmal wiederkommen?“ 
„Weshalb nicht?“ 
„Morgen?“ 
„Nein. Morgen nicht. Auch übermorgen nicht. In 
drei Tagen.“ 
„So lange kann ich nicht warten!“ Gar so treuherzig 
flehten seine Blicke. 
Sie sann nach. „Also morgen denn —" 
Er kam und kam, und mit jedem Kommen breitete 
sich eine stille, erschlaffende Glut tiefer zwischen ihnen 
aus, dass die Lüfte schimmerten und sichtbar zu schwingen 
schienen vor ihren Augen. 
Oft sprachen sie minutenlang nichts Sie sahen sich 
kaum an, und doch fühlte jedes heiss die Nähe des Anderen. 
Zur Flucht fehlte ihnen die Kraft. Sie waren so müde, 
so müde, dass sie sich hilflos in die Arme hätten fallen 
mögen, nur um nicht vor Mattigkeit umzusinken. 
Der Weg ward einsam. Sie gingen immer weiter, 
als zöge die Sehnsucht sie fort zu der Stille der fernen 
blauen Berge. 
In Martha jagten die Gedanken hin. Mehr als je 
fühlte sie es, wie sehr sie ihn liebte, — wie sehr er sie 
liebte. Noch haben sie es einander mit keinem Wort 
gestanden und doch wissen es beide. Und nun sollen 
sie scheiden, heute noch, und die Welt wird sich 
zwischen sie drängen, und sie sehen sich vielleicht nie 
wieder. Und die Zeit wird vorübergehen . . . Ein 
namenloses Grauen erfasst sie vor den stillen Jahren, 
die da kommen werden, glücklos wie die bisherigen, 
langsam und schleichend, und ihr Leben hinwürgen —• 
und eine schluchzende Sehnsucht schreit in ihr auf. 
Ach einmal nur an pochender Brust zu ruhen im seligen 
Schauer der Liebe . . . 
Ihr Schritt schwankt. 
„Um Gotteswillen, was ist Ihnen?“ fragt er er 
schrocken. „Sie sind so bleich!“ 
„O nichts. Ich kann nur plötzlich nicht mehr 
weiter,“ klagte sie leise und stützt sich auf seinen Arm. 
Er geleitet sie zu einer Bank. Hier fasst er 
bekümmert ihre Hände. 
Der Schmerz überwältigt sie. „Ich werde Dich 
nie — nie Wiedersehen!“ stammelt sie und birgt den 
Kopf an seiner Brust. 
Da reisst er sie an sich. Seine schmalen Raubtier 
finger übergleiten ihren Rücken. In leidenschaftlicher 
Glut presst er seinen Mund auf den ihren. „Geliebte — 
Geliebte!“ 
Dann biegt er ihr Haupt zurück, und lautlos blicken 
sie sich an, lange, lange . . . Ein feuchter Schimmer 
drängt sich in ihre Augen, eine Trauer, so tief, so gross, 
und ihnen ist, als erschauten sie beide das unermess 
liche Leid und die Thränen auf dem Grunde der Liebe 
t?: 
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KZFJe-F 
Unterm Himmel wohn’ ich, unterm Dach, 
Oben in den Luken feines Sausen, 
Von den Strassen her ein leichtes Brausen, 
Wagenräderrollen dumpf und schwach . . . 
Noch hat sich der Tag nicht ausgekühlt, 
Noch kann ich des Nachbars Rosen sehen, 
Die gekränkt am harten Stocke stehen, 
Weil sie duften und es niemand fühlt. 
In die Nacht verkriecht sich Haus um Haus, 
Thür um Thür verschliesst sich ihrer Tücke, — 
Weithin gehn die unbestimmten Blicke 
Und mit jedem fliegt mein Herz hinaus. 
Ueber Häuser, die in Aengsten stehn, 
Ueber Tiefen, die in Nacht versinken, 
Zu den Sternen, die mir heimlich winken 
Und mir helfen in die Heimat sehn. 
Berlin. 
Ludwig Jacobozvski. 
ie Xummcrloffe 
Von Paul Scheerbart. 
■Nwie Morgensonne glühte in die Resedabüsche, die 
V/ vor Lottens Dachfenster blühten. 
9 Und sie sass still vor ihrer Nähmaschine und 
machte ein trauriges Gesicht. 
Die Lotte war sonst immer so glücklich gewesen — 
früher, als sie so wenig Geld verdiente und so oft nur 
Häringe zu Mittag ass. 
Früher war sic eigentlich stets so recht lustig ge 
wesen — so seelenvergnügt. 
Das war jetzt Alles ganz anders geworden. 
Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummer 
lotte geworden. 
Wie kam das? 
Die Nähmaschine stand seit drei Tagen still. 
Und das Unglück? 
Wie sah’s denn aus? 
Oh — es sah merkwürdig gut aus — das Unglück. 
Andere Menschen hätten das Unglück ein grosses Glück 
genannt. 
Die arme Lotte hatte geerbt — zwei Mal! 
Zwei Mal geerbt in drei Tagen! 
Von einem alten Grossonkel hatte sie zehntausend 
Thaler geerbt — und von einer Kousine dreihundert 
Thaler.
        
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