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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Die Stadt „ s 
Von Johannes Söhlaf. 
Also nun geht’s wieder in die Stadt, in die Gross 
stadt, die - Weltstadt! — 
Wie sich das ausnimmt: die Weltstadt! — 
Es ist Abend. Der Zug rollt durch ein einziges, 
weites Grau. Dicke, schwarze Wolken schieben sich am 
Himmel hin; graue Schichten breiten sich darunter, von 
denen lange Streifen schräg herniederpeitschen. Es regnet. 
Durch das ein wenig geöffnete Coupefenster sprüht ein 
kühler Dunst herein. Es riecht nach Steinkohlendampf und 
Regenfeuchte. Und das Pfauchen, Rattern, Dröhnen, 
Stampfen und Klirren des Zuges. Und das graue, flache 
Gelände vorüberhuschend mit Bäumen, mit Gewässern, 
die durch die endlos dunstende Feuchte mit einem matten 
Bleiglanz blinken, mit trübem Buschwerk, schwarzragender 
Waldung, mit Gehöften, Gräben, Wegen und Dörfern. 
Man sitzt in seiner Coupeecke, raucht seine Cigarre 
und träumt halb betäubt in die verhangene Landschaft 
hinein. 
Aber wie alles Linie ist, Fläche und Masse; und — 
Grau! — Das endlose, feuchte Gelände in dem trüben 
Abenddunkel; und die endlose, finsterwuchtende Last der 
Himmelsmassen! Die grossen dicken Wolkenungetüme, 
die, wenn sie sich langsam heraufwälzen, das Dunkel für 
Augenblicke noch zu vertiefen scheinen; oder, wenn sie 
wieder vorüber sind, dieses etwas hellere, aber fahle und 
unangenehme Licht über der Landschaft, das von den 
Seeflächen ausgeht, an denen wir vorüberrollen, und von 
den unheimlich grauen starren Dunstschichten und den 
hässlichen, dicken gelben Wolken, die in der Mitte 
schmutzig-dunkelgrau sind und von deren Rändern 
weisse Fetzen herabhängen. 
Und nun in all der weiten Triibnis die Seele des 
Lebens, in all der gigantischen Schwermut dieses Grau! 
die Seele des organischen Lebens über die dunkel 
brütenden Flächen hin! Die Kiefernforste, ganz fern 
als starre schwarze Streifen am Horizonte, näher und ins 
deutlichere rückend mit verdunkelter Masse am Seeufer 
hin, und vertraulicher mit den Geheimnissen seiner 
Dämmerungen bis dicht an die Böschungen des Bahn 
wegs heran, mit dem schwarzgrün der regungslosen 
Wipfelmasse und mit dem stumpfen Rotbraun der schlanken 
Stammsäulen; hier und dort, fast erschreckend in dieser 
Abendtrübe, weisse Birkenstämme davor, die wie plötz 
liche Sinnestäuschungen vorüberhasten. Das Buschwerk 
im flachen Gefild, beieinander hockend, an Bach- und 
Grabenrändern lang hingereiht, einsam starrend mit 
seinem wunderlich beseelten, schon halb entblätterten 
Reisigwerk. Letzte Feldfrüchte, mit grauverschleiertem 
Grün aus dem Schwarzbraun der Ackerkrume hervor 
blickend; das trübe, vergilbte Gras der Wegränder und 
Wiesenflächen; die Bahnwärterhäuschen ; der vertraulichere 
Anblick eines Dörfchens mit seiner Kirchturmspitze, seinen 
Obstbäumen, seinen hellgetünchten Häusern und braun 
roten Dächern. 
Wie klein, mühselig und scheu-verdrossen, gedrückt 
und bedrückt vom allmächtigen Bann dieses Grau; wie 
zwerghaft, und doch, allüberall über die Weite hin mit 
stummer Zähheit auf Licht harrend und Lust! — 
Man fährt den zweiten Tag; man ist übernächtigt 
und fühlt sich unbehaglich. Den Mantelkragen. auf 
geschlagen, die Hände in die Taschen gepfropft, liegt 
man in seiner Ecke. 
Die Gasflamme blitzt auf in ihrer gläsernen Halbkugel 
oben in der Decke des Coupes. Ihr schläfriges Halb 
licht liegt auf den grauen Polstern und auf den fahlen, 
stumpfsinnig-verdriesslichen Gesichtern der Passagiere. 
Nun ist die Dämmerung drausen zur Nacht geworden, 
die geheimnisvoll wie mit heimlichen Fingern an das 
Fenster pocht, wie die Regentropfen dagegen prickeln 
und klatschen, einzeln, oder in plötzlichen eiligen Huschen. 
Die Fahrt scheint endlos. Man rückt hin und her 
und stöhnt. Alle Geister der trüben regentriefenden 
Landschaft draussen sind im Coupe. 
Endlich — wie erlösend! — das lange, heisere 
Pfeifen der Locomotive; wie von fern, gedämpft vom 
Rollen, Klirren und Dröhnen der Räder, von Wind und 
Regenfeuchte, so angenehm belebend. Wir fahren in 
den Potsdamer Bahnhof ein. Der Aufenthalt ist einem 
in dem halb traumhaften Zustand, in dem man sich be 
findet, wie eine vielseitige Hallucination von halb 
verschleierten Lichtern, Farben, Gestalten und Lauten. 
Und das Trillern der Zugführerpfeifen, und weiter! 
Mit einem Presto, das einem eine leise, angenehme, auf 
atmende Unruhe suggeriert; die fernen, harrenden, ver 
trauten grossen Eindrücke der Weltstadt. 
Man träumt die dunkle mächtige Ebene mit ihrem 
grauen Halblicht; und unter dem trübroten Schein, den 
es im riesigen Halbbogen über die ganze Breite des 
Horizonts hin ausdünstet, das ungeheuere, seltsame 
Wesen von Stadt, wie ein gigantischer, trübgelblicher und 
grauer Polyp sich weit, weit über das Flache hinklammernd, 
in die einsame Weite der Ebene hineintastend wie mit 
mächtigen Fangarmen, brausend und dröhnend von den 
zahllosen Strömen ihres Lebensblutes, von der so 
wunderlich mannigfaltigen Seele ihres grossen Lebens; 
bis sich dieser mächtige Gesammteindruck vertraulicher 
hinüberspielt in all die Einzelheiten von hundert per 
sönlichen Beziehungen, täglichen Lebensgewohnheiten, 
Erinnerungen und Erwartungen, seinem intimst lebendigen 
Kern und Mittelpunkt. Und der Begriff „Saison“ beginnt 
einen gemach in das Gewebe seiner Interessen und Ein 
drücke zu ziehen. 
Endlich ein minutenlanger Pfiff, der wie ein erlöster 
Jubelruf ist, wie ein jauchzender Gruss, und langsam 
rauschen wir ein in das Licht und das fröhliche, grosse, 
lebendige Gewimmel und Gekribbel der gewaltigen Halle 
mit ihren hundert lichten Farben, ihren Lauten und 
Bewegungen. 
Die Coupethür fliegt auf und halb betäubt taucht 
man in den bunten, lichten Strom, mit so etwas wie einem 
halbwegs blasierten Grossstadtgesicht, das einem mit 
einen Mal wieder aufliegt und doch zufrieden, wieder 
zu Hause zu sein und in der unwillkürlichen, geschäftigen 
Unruhe mannigfacher Erwartungen von täglichen Ge 
schäften und gewohnten Vergnügungen. 
Eine Stunde drauf sitzt man mit seiner Cigarette 
in seinem gewohnten Cafe hinter einem Absinth und 
liest seine Zeitungen .... 
Eine „namenlose“ Satire 
aus dem älteren Berlin. 
Von Richard Schmidt-Cabanis. 
(jj)^ ur Zeit als der „Berliner Witz" anfing, den Flegel- 
jahren zu entwachsen und — durch Adolf 
^ '"“^’G lassbren ner — „gewaschen, gekämmt", 
dem Strassenjungenthum entrissen und seiner Iitterarischen 
Bedeutung entgegengeführt wurde - also ganz zu Ende 
der zwanziger oder ganz zu Anfang der dreissiger Jahre 
des neunzehnten Jahrhunderts, glänzte im preussischen 
Kabinet ein sehr befähigter, aber auch als überaus spar 
sam — oder sagen wir lieber „knauserig" bekannter 
Minister. 
Es ist hier von keinem Staatssekretär der Finanzen 
die Rede, und die Sache hat sich ja auch, wie gesagt,
        
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