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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

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War das ein Wagnis, war das ein Mut! 
Aber am Ende ging es doch gut. 
Etwas gebangt, etwas geschwankt, 
Aber es glückte, Gott sei gedankt! 
Wie es gekommen, weiss ich noch kaum. 
Zwischen mir und Mama ein Raum, 
Und sie lockte — ich mass die Bahn — 
Und der erste Schritt war gethan! 
Und die Mama, die schaute so gross, 
Barg meine Augen in ihrem Schoss, 
Küsste mich dann, ich konnte versteh’n: 
Eine schöne Kunst ist das Geh’n! — 
Wie das Ereignis eben geschah, 
Sagt noch heute für mich der Papa — 
Werd’ ich geübter im Sprechen sein, 
Bin ich ein Fräulein und sag’ es allein! 
Prag, Friedrich Adler. 
Huf dem Gründe der Hiebe. 
Von Marie Stona. 
H On y revient’ tonj^urs . . 
*(&) 
J ls Kinder lernten sie sicli kennen. Er war in einer 
Kadettenanstalt und trug weisse, breite Epauletten, 
auf die sie eines Abends heimlich zwei kleine Vergiss- 
meinnichtsträusschen stickte, zum Entsetzen seiner Vor 
gesetzten. Vom ersten Blick hatten sie eine Zärtlichkeit 
lür einander und liebten sich ohne Arg, mit der Keusch 
heit der Jugend. Eines Tages umschlangen sich ihre Arme 
im Spiele; erstaunt sahen sie sich an und lachten .... 
Sie war eine bleiche junge Frau geworden, als der 
junge Leutnant sie wiedersah. Mit der alten Vertraulich 
keit war es vorbei, sie verkehrten jetzt förmlich mit ein 
ander. Einmal nur fragte er sie, ob sie der alten Zeiten 
gedenke? „Wissen Sie noch, wie lieb wir uns hatten 
als Kinder?" 
Sie nickte. 
„Wie wir fangen spielten?. .“ 
„Ach lassen Sie die alten Erinnerungen!" bat sie und 
trat an ein Tischchen, auf dem Photographien standen. 
„Da — sehen sie meine Freundin — ist sie nicht reizend?“ 
„Ja — sehr — sehr reizend!“ flüsterte er, aber seine 
Augen tranken nur die zarten Linien ihres Hauptes. 
Das Bild entfiel ihrer hebenden Hand, und da sich 
beide dann bückten, berührten sich unvermutet ihre 
Wangen. In jähem Erschrecken wichen sie zurück, und 
ihre Blicke mieden sich von nun an. . . 
Jahre waren vergangen. Er glaubte, sie habe ihn ver 
gessen, und sie meinte, er denke längst nicht mehr an sie. 
Da kam sie einmal auf einer Reise in eine fremde Stadt 
und hörte, dass er in ihr lebe; und er erfuhr zufällig von 
ihrer Ankunft. Zur gleichen Stunde schrieben sie ein 
ander. Er bat um die Erlaubnis, sie besuchen zu dürfen, 
und sie lud ihn freudig ein. 
Stürmisch pochte sein Herz, als er die Treppe zu ihr 
hinaufcilte. Ihre Kammeifrau meldete ihn, und schon 
stand er in der Thür in seiner blitzenden Uniform, stark, 
kraftvoll, ein ganzer Mann. Mit heller, freudiger Ueber- 
raschung sah er sie an. Ja, das war sie selbst, genau so 
zart, so schlank wie einst, mit den lachenden Lippen und 
dem zärtlichen Blick. Er musste an sich halten, um sie 
nicht zu umfangen aus blosser Freude des Wiedersehens 
und weil er kein blöder Junge mehr war, der zitterte, 
wenn ein Weib ihn ansah. Nein — er zitterte nicht 
meh r. 
Lachend tauschten sie die ersten Worte. 
„Wie stattlich Sie geworden sind!“ rief sie, und wie 
hübsch! dachte sie und reichte ihm beide Hände. 
„Und Sie — Sie sind die Gleiche geblieben!“ Seine 
weissen gesunden Zähne blitzten. Wie tüchtig die 
beissen mögen! fuhr es ihr durch den Kopf. 
Und nun sassen sie da und sahen einander tief in 
die Augen. Sie studierte jede Linie seines Gesichts. 
Welche knabenhafte Frische lag in seinen Zügen. Auch 
auf seine Hände sah sie. Sie hatte gelernt, den Menschen 
nach ihnen zu beurteilen. 
Wie er das merkte, verbarg er sie fächelnd, aber 
das hatte er gar nicht nötig, denn sie waren schön, 
schlank geformt, mit seltsam spitzen Fingern, die an 
Pantherkrallen erinnerten. Hände, die Zugriffen und fcst- 
hielten. 
Wie er wieder einmal schweigend vor ihr gesessen, 
die Augen mit der Linken bedeckend, erhob sie sich 
leise und ging an ihm vorüber, dass ihr Kleid ihn streifte. 
Da schauerte er zusammen, als hätte ihn Feuer be 
rührt, und sprang auf und begann rastlos auf und ab 
zugehen. Er stellte sich ans Fenster und versuchte 
hinabzublicken auf das Leben der Strasse. Er stützte 
den Kopf auf den vorgelegten Arm. Die Linien seiner 
geschmeidigen Gestalt hoben sich kraftvoll ab gegen den 
lichtgrauen Himmel. 
Sie sass in einem Fauteuil, zurückgelehnt, mit ge 
öffneten Lippen und sah ihn an. Immerfort. Er wandte 
das Haupt. Von ihrem Blick angezogen, kam er langsam 
zu ihr, wie ein Nachtwandler. Er blieb vor ihr stehen. 
Sie regte sich nicht. Da senkte sich seine Hand gegen 
sie nieder, so leise, so zart, bis sie wie ein Hauch ihr 
Haar berührte. Ein Frösteln überlief sie. Ohne auf- 
zuschaucn fühlte sie, dass jetzt er selbst sich zu ihr neigte, 
so langsam, so zart, so leise wie seine Hand zuvor. 
Immer tiefer — immer tiefer : — bis seine Lippen ihr 
Haar berührten. 
Ihr war, als sinke sie in sich zusammen. Doch sie 
regte sich nicht. 
Nun hob er sich empor und streckte die Arme aut 
wie in einem Krampf, als müsste eine Bürde auf sie 
niederfallen, die er jubelnd festhalten und an seine Brust 
drücken wollte. Aber die Arme blieben leer und sanken 
schlaff an ihm nieder. 
Mit grossen, verzweifelten Augen sah er sie an. Sie 
reichte ihm die Hand. Da brach er vor ihr zusammen 
und presste seine Lippen in wahnsinniger Leidenschaft 
auf ihre Finger. Sein Wesen strömte eine Wildheit 
aus, die sie berauschte. 
Sie versuchte zu lächeln. Wie irr starrte er sie an 
„Dieser Mund — dieser Mund!“ stammelte er. 
Da neigte sie sich zu ihm und küsste seine Stirn. 
Er blieb so still, als wäre alles Leben aus ihm gewichen. 
Nun erhob sie sich. „Du musst fort“, sagte sie. 
„Ja — ich muss fort!“ wiederholte er mechanisch. 
„Ich muss fort.“ Er blickte an ihr vorüber. „Darf 
ich —“ Er stotterte. „Darf ich noch einmal wieder 
kommen, gnädige Frau?“ 
„Ich weiss es nicht — nicht in diesem Augenblick. 
Ich werde Ihnen darüber schreiben.“ 
Traurig senkte er den Kopf und verliess das Zimmer. 
Des Abends sass sie und schrieb und schrieb. „Sie 
habe ich gewarnt? Wie thöricht! Mich hätte,ich warnen 
sollen . . . Ach, es würde alles so schön sein, wenn 
Sie blos lieb haben könnten! Aber Sie können nicht lieb 
haben. Sie sind wie der Sturm.“ 
Sic bat ihn, nicht wieder zu kommen. Es wäre besser, 
wenn sie sich nie mehr begegneten. Dann schloss sie 
den Brief und lehnte sich zurück in müder Abspannung. 
Sie hatte einen jener Siege über sich errungen, die so 
tief unglücklich machen. 
Am nächsten Morgen erwachte mit doppelter Gewalt 
ihre Sehnsucht, ihn noch einmal wiederzusehen. Nein, 
sie konnten so nicht scheiden. Aber nicht im schwülen 
Raum des Zimmers wollte sie ihn ein letztes Mal 
sprechen. Sie zerriss den Brief und schrieb ihm nur 
ein kurzes Billet, in dem sie ihn bat, sie um 4 Uhr zu 
einem kurzen Spaziergang abzuholen. Sie wolle ihn 
vor dem Hotel erwarten. 
Er kam pünktlich, sehr ernst, sehr förmlich. 
Sie wechselten mühsam einige Worte wie harmlose 
Bekannte und gingen einem grossen' Garten zu. 
Es war Herbst. Bunte Blätter wirbelten über den 
Weg. Schweigend schritten sie unter den mächtigen
        
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