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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

„zum Auswärtigen Amt kommandiert“ zugeteilt. 
Thatsächlich sind die Funktionen des Grafen 
Schönborn, der seines Amtes mit vornehmer 
Liebenswürdigkeit waltet, diejenigen eines Adju 
tanten, zugleich auch die eines Hofmarschalls. 
Dass die Wahl gerade auf den Grafen Schönborn 
fiel, hatte seine Ursache darin, dass Dieser, wie 
der Reichskanzler selbst, Bayer von Geburt ist — 
er trat erst aus bayrischen Diensten in diejenigen 
Preussens Uber — und zu Demselben dadurch in 
verwandtschaftlichen Beziehungen steht, dass sein 
älterer Bruder, der regierende Graf Arthur von 
Schönborn -Wiesentheid (die Grafen Schönborn 
sind ein mediatisiertes, ehemals reichsunmittelbares 
Geschlecht) mit der ältesten Tochter des Fürsten 
Hohenlohe, der Prinzessin Stephanie, vermählt war, 
welche den Ihrigen in der Blüte der Jahre durch 
einen frühen Tod entrissen ward und auf dem 
Familien - Friedhofe des väterlichen Schlosses 
Schillingsfürst ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. 
Die Gemahlin des Grafen Schönborn, Gräfin 
Maria - Rosaria Schönborn (s. d. Bild), eine 
Tochter des schlesischen Grafen Welczeck, ist eine 
der graziösesten und vornehmsten Erscheinungen 
unserer Hofgesellschaft. 
Während der Eintritt zu dieser, wie der 
Leser weiss, Damen bürgerlichen Standes sonst 
verschlossen ist, macht die Etikette eine Ausnahme 
für die Minister-Frauen. Die Gattin des Kultus 
ministers Studt, deren sympathisches Antlitz unser 
Bild neben dem ihres Gemahls wiedergiebt, hat 
es in der kurzen Zeit, die seit ihrer Uebersiedelung 
aus dem Oberpräsidialgebäude in Münster in das 
Ministerhotel, Unter den Linden 4, vergangen ist, 
verstanden, sich schnell allgemeine Sympathieen 
zu erwerben. Sie ist darin fast glücklicher ge 
wesen, wie Minister Studt selbst, der das Loos 
der meisten neuen Kultusminister erfahren hat, 
dass das Publikum von ihnen alle möglichen und oft 
auch unmöglichen Reformen auf allen Gebieten ver 
langt und erhofft und es sehr übel vermerkt, wenn 
diese Wünsche nicht sofortige Erfüllung finden. 
Dass der Ministersessel, das Ziel so mancher 
ehrgeizigen Träume, keine Ruhebank,, sondern 
eher ein Sorgenstuhl ist, hat auch Herr von 
Thielen, der Minister der öffentlichen Arbeiten 
(s. d. Bild), oft genug erfahren, wenn Parlament 
und Presse den erfahrenen Leiter unseres Eisen 
bahnwesens persönlich dafür verantwortlich machen 
wollten, dass irgendwo in Hinterpommern eine 
Rangiermaschine entgleiste oder ein Weichensteller 
aus Ermüdung seine Pflicht versäumte. Herr von 
Thielen, — das „von“ schmückt seinen Namen erst 
seit kurzem — hatte bald nach seiner Ernennung 
zum Minister den Schmerz, seine Gemahlin durch 
den Tod zu verlieren. Er hat seitdem eine neue 
Ehe mit der Wittwe eines reichen rheinischen 
Industriellen, Namens Wichelhaus, geschlossen, 
deren Portrait wir hier bringen. 
Der Minister des Innern, Freiherr Georg 
von Rh ein haben (s. d. Bild), blickt auf eine 
glänzende Laufbahn zurück, die ihn in kurzer 
Zeit — er ist erst 44 Jahre alt — auf seinen 
jetzigen Posten führte. Verbindlich in den Um 
gangsformen, ist er von Charakter energisch und 
kein Mann von vielen Worten. Das bewies sein 
Verhalten bei dem jüngsten Streik der Berliner 
Strassenbahn-Angestellten — sein erstes politisches 
Debüt — mit aller wünschenswerten Deutlichkeit. 
Seine Gemahlin, Freifrau Hedwig von Rhein 
baben, geb. Freiin von Liliencron (s. d. Bild), 
ist eine Tochter des um die Wissenschaft hoch 
verdienten Freiherrn Rochus von Liliencron, des 
vortrefflichen Kenners und Pflegers des deutschen 
Volksliedes. 
Das Sonntagskind unter unseren Ministern 
möchte man den Staats-Sekretär des Auswärtigen 
Amtes, Grafen Bernhard von Btilow (s. d. Bild) 
nennen, der, seitdem er die Fäden unserer aus 
wärtigen Politik in seinen wohlgepflegten Fingern 
hält, eine ungewöhnlich glückliche Hand bewiesen 
und mit allen Parteien im Frieden zu leben ver 
standen hat. Er ist zwar ein Jünger Bismarcks, 
der von seinen Fähigkeiten eine hohe Meinung 
hatte, dabei aber doch ein ganz moderner Diplomat, 
welcher die in den letzten Jahrzehnten durch die 
koloniale Entwicklung der europäischen Staaten so 
gründlich veränderte Weltlage mit klarem Blicke 
erkannt hat und in diesem Sinne den viel cilierten 
und viel befehdeten Ausspruch unseres Kaisers: 
„Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ gewiss 
unterschreiben würde. Graf Bülow ist seit 1886 
mit einer Dame der italienischen Aristokratie ver 
mählt, deren Portrait wir ebenfalls bringen, Donna 
Maria Beccadelli, Marchesa d’Altavilla, Tochter des 
verstorbenen Fürsten von Camporeale, Herzogs 
von Aldragna. In erster Ehe war die Gräfin, eine 
immer noch jugendliche, echt südländische Er 
scheinung, mit dem derzeitigen preussischen Ge 
sandten in Dresden, Grafen Karl Denhoff, verheiratet, 
dem sie, ausser einem Sohne, eine Tochter, die 
Gemahlin des deutschen Gesandten in Stockholm, 
Grafen Wallwitz, geschenkt hat. Die Gräfin Bülow 
bringt der Litteratur und Kunst ein lebhaftes, 
warmes Interesse entgegen und ist selbst eine 
Meisterin in der bei uns in Deutschland so seltenen 
Kunst geistvollen Plauderns — vielleicht ein Erb 
teil ihrer Mutter, Donna Laura, die — aus zweiter 
Ehe — die Wittwe des berühmten italienischen 
Politikers Minghetti ist und oft bei ihrem Schwieger 
söhne im Palais in der Wilhelmstrasse als gern 
gesehener Gast einkehrt. 
Kammerherr Georg von Hülsen gehört der 
Berliner Gesellschaft, wenn ihn seine Stellung als 
Intendant des königlichen Theaters in Wiesbaden 
auch der Reichshauptstadt fern hält, doch durch 
Geburt und Familienbeziehungen an und wird 
vielleicht in nicht allzu langer Zeit ganz in ihren 
Schoss zurückkehren, vorausgesetzt, dass diejenigen 
Recht behalten, welche in ihm den künftigen 
Nachfolger des Grafen Hochberg sehen. Seine 
eigenen hervorragenden Fähigkeiten und die Gunst 
des Kaisers, deren er sich erfreut, haben ihn in 
die Lage gesetzt, die ihm unterstellte Provinz- 
Bühne zu einer ungeahnten Blüthe zu bringen 
und namentlich die Wiesbadener Festspiele, über 
deren künstlerischen Wert die Meinungen aller 
dings nicht ungeteilt sind, haben unter seiner 
Leitung fast einen Weltruf erworben, und das 
Wiesbadener Theater, nebenbei bemerkt, auch zu 
einem finanziell sehr einträglichen Institute gemacht. 
L. v. Nord egg.
        
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