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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Aber Exccllcnz kam nicht, er übte gerade eine Moll- 
tonleiter und verschob in Folge dessen die Besichtigungs 
reise von einem Tag auf den andern erst wollte er das 
Gis richtig blasen können, bevor er sich auf Reisen begab. 
Eines schönen Morgens aber erschien Excellenz doch, 
um das Regiment Franz Heinrich zu besichtigen. Der 
hohe Herr kam völlig überraschend in aller Herrgotts 
frühe, nicht mit dem planmässigen Schnellzug, sondern 
mit einem Güterzug, in den er sich seinen Salonwagen 
hatte einstellen lassen. Er ritt mit seinen Adjutanten zur 
Kaserne, alarmierte das Regiment und rückte dann mit 
der Truppe nach dem grossen Exerzierplatz. Wie immer 
auf dem Marsch durch die Stadt wollte die Musik ihre 
schönsten Weisen ertönen lassen, aber Excellenz winkte 
ab: „Lassen wir das, Herr Oberst, wenn eine Truppe 
alarmiert ist, hat sie so schnell wie möglich zu marschieren, 
um den Bestimmungsort zu erreichen; die Musik hält 
nur auf." 
Der Adjutant sprengte davon, um den Herrn Kapell 
meister davon zu benachrichtigen, dass Excellenz momentan 
auf jeden Kunstgenuss verzichte und im Geschwindschritt 
ging es nach dem grossen Platz, wo der lose Sand, den 
die Soldatenbeine feststampfen sollten, vorläufig mit dem 
Morgenwind noch eine kleine Luftpromenade machte. 
Excellenz war ein Mann der Tliat, mit einer langen 
Einleitung hielt er sich nicht erst auf und so begann das 
Exerzieren, als die erste Kommissstiefelsohle den Exerzier 
platz betrat. 
Dem Herrn Oberst war das nicht sehr angenehm, 
er hatte gehofft, erst würden die Spielleute besichtigt 
werden und das Ergebnis würde den hohen Herrn zur 
höchsten Milde stimmen, er hatte Excellenz unterwegs 
von seinem neuen Tambourmajor erzählt und den Mann 
nach Gebühr gelobt: „Der Mann ist sehr stramm im 
Dienst und ausserdem sehr musikalisch, er spielt das 
Waldhorn, soviel ich davon verstehe, ein sehr schwer 
zu erlernendes Instrument." 
Die letzten Worte sollten der Eitelkeit Sr. Excellenz 
schmeicheln, aber sie erreichten gerade das Gegenteil — 
der hohe Herr ärgerte sich und wurde grob: „Was hat 
der Mann das Waldhorn zu blasen? Das kann er später 
tliun, wenn er kommandirender General, ich meine 
natürlich, wenn er Civilbeamter ist, denn bis zur Excellenz 
wird er es wohl schwerlich bringen. Der Mann muss 
viel freie Zeit haben - mir wäre es lieber, er schlüge die 
Trommel und bliese Signale. Nun, wir werden ja sehen, 
was Ihr Mann kann." 
•Der Herr Oberst hob sich einen Augenblick in den 
Steigbügeln, er hatte so die Empfindung, als hätte er 
sich ganz scheusslich in die Brennnesseln gesetzt. 
Das Exerzieren nahm seinen Fortgang und erreichte sein 
Ende. „Gut, gut!" hatte der hohe Herr ein paar Mal gesagt 
und dankend hatte der Herr Oberst darüber quittiert. 
Das Gefecht begann und ein Spielmann trat, der 
Vorschrift gemäss, zu Excellenz, aber der war anderer 
Ansicht. „Der Tambourmajor des ersten Bataillons soll 
kommen und sich ein Signalhorn mitbringen." 
Der Gerufene erschien und prüfend musterte Excellenz 
den vor ihm Stehenden. „Schade, dass er das Waldhorn 
bläst", dachte der General, „sicher bläst er es besser als 
ich und das nimmt mich gegen ihn ein." Seine Stimme 
klang nicht allzu wohlwollend, als er nun fragte: „Können 
Sie blasen?" 
„Zu Befehl, Ew. Excellenz!" 
„Schön, blasen Sie: Offiziersruf." 
„Zu Befehl, Ew. Excellenz!" Das klang so stramm, 
so militärisch wie nur möglich und mit einer kurzen, 
exakten Bewegung führte er das Horn an den Mund. 
Voll Stolz und voller Freude blickte der Herr Oberst 
auf seinen Untergebenen: der wird die Sache schon 
machen, und wenn der Trompeter von Säkkingen in 
zahllosen Häusern hing, verdiente dieser erst recht 
photographiert und vervielfältigt zu werden. 
„Blasen Sie jetzt!" befahl Excellenz. 
Dieser Befehl war unnötig, denn der Tambourmajor 
blies schon seit einer halben Minute, er blies, dass ihm 
die Augen übergingen, dass die Backen aufschwollen wie 
ein mit Gas gefüllter Ballon, er blies, dass die Lungen 
schmerzten und dass die Brust zu zerspringen drohte, 
aber das Instrument blieb stumm. 
„Barmherziger Himmel", dachte der Tambourmajor, 
„nun habe ich ausgerechnet das Horn eines Reserve- 
Spielmanns erwischt. Die Leute können nur die Signale 
und damit sie bei den Märschen, wenn sie die Hörner 
pro forma an dem Mund haben, keinen Unsinn blasen, 
habe ich ihnen befohlen, Watte in das Instrument zu 
stecken. Die ist nun noch drinnen, das aber darf keiner 
wissen, heraus muss sie." 
Für den zehnten Bruchteil einer Sekunde schöpfte 
er neuen Atem, dann aber nahm er alle Kraft zusammen: 
der Wattepfropfen flog heraus, aber gleichzeitig gab das 
Instrument einen so grässlichen, durch Mark und Bein 
gehenden entsetzlichen und grausamen Ton von sich, 
dass nicht nur die Reiter sich vor Entsetzen wanden, 
sondern dass auch die Gäule sicli umwandten, um diesen 
Ort des Schreckens zu fliehen — es hätte nicht viel gefehlt 
und Excellenz hätte die Mutter Erde geküsst. 
Aber der Himmel half ihm, er blieb oben und von 
seiner Höhe herab sagte er: „Herr Oberst, Sie haben 
Recht mit Ihren Worten, die Sie vorhin sagten, der 
Mann ist ein grosser Künstler, denn so falsch blasen 
kann nicht jeder, das erfordert viel Uebung, viel Talent 
und viel Ausdauer. Sagen Sie mir bitte, wo haben Sie 
denn diesen militärischen Kuhhirten aufgetrieben?" 
Der Herr Oberst knickte zusammen, als würden 
ihm mit einem einzigen Ruck seine sämtlichen Zähne 
ausgezogen: „Kuhhirte" hatte Excellenz gesagt, „Kuh 
hirte" hatte er seinen Tambourmajor genannt, auf den 
er so stolz war. Schön war ja auch nach seiner Meinung 
der Ton nicht gewesen, den der Bataillonstambour seinem 
Instrument entlockt hatte, aber das Urteil war denn doch, 
entschieden zu hart. 
Excellenz \$ar so erschüttert, dass er auf das Gefecht 
verzichtete, er hatte von, dem was er gesehen und gehört 
mehr als genug. 
„Meine Herren," sagte er bei der Kritik, „ich weiss 
nicht, ob Ihnen bekannt ist, dass ich selbst sehr 
musikalisch bin und selbst musiciere. Da muss ich 
dringend, verstehen Sie mich wohl, dringend bitten, 
dass mir ein solches Geblase, wie ich es eben vernahm, 
erspart bleibt. Wenn der Tambourmajor so bläst, wie 
blasen da erst die Spielleute? Ich habe es zwar nicht 
gehört, aber sagen will ich es Ihnen trotzdem, wie die 
erwachsenen Ferkel, meine Herren, und solche Leistungen 
verbitte ich mir auf das Energischste. Ich habe keine 
Lust, mir durch ein derartiges hundsmiserabeles Getute 
die Freude an der Musik verderben zu lassen. Das sage 
ich Ihnen im Gufen — das nächste Mal werde ich grob, 
s ehr grob. Danke." 
Excellenz ritt davon, am Abend war er wieder zu 
Haus und als erstes holte er sein geliebtes Waldhorn 
hervor: „Wie kann man nur so falsch blasen?" dachte 
er, das ist ja furchtbar. 
Dann setzte er das Instrument an die Lippen und 
entlockte diesem, ohne dass sich in demselben ein 
Wattepfropfen befand, Töne, die so grausam waren, dass 
sein Teckel Waldmann sich einen Eid schwur, morgen 
früh seinem Herrn for ever zu entlaufen und sicli für 
keine ausgesetzte Belohnung wieder finden zu lassen. 
Excellenz aber ahnte nichts von den Gedanken dieser 
Hundeseele, er blies ruhig weiter und während er weiter 
blies, dachte er: „Es ist doch etwas Schönes um die 
Musik — vorausgesetzt, dass man sein Instrument be 
herrscht. Der Tambourmajor muss entlassen werden, 
der Mann ist ja im Stande, die ganze Musik in Miss 
kredit zu bringen." 
Am nächsten Tag lief Waldmann, seinem Schwur getreu, 
davon und wenig späterwanderte auch der Tambourmajor. 
— Excellenz aber blieb, denn bei einem musikalischen 
Wettstreit bleibt eben der Musikalischste der Sieger.
        
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