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Full text: Berliner Leben Issue 3.1900

Die musikalische Excellenz. 
Humoreske. 
Freiherr von Schlicht. 
(Nachdruck verboten.) 
e. Excellenz der kommandierende Herr General hatte, 
so unglaublich es auch klingt, in einem Alter, in 
dem andere Leute schon an das Sterben denken und ihren 
Lebenswandel demgemäss einrichten, noch angefangen, 
das Waldhorn zu blasen, ausgerechnet das Waldhorn, 
das doch eine sehr gute Lunge und eine noch bessere 
Puste erfordert. Für das Waldhorn hatte er geschwärmt, 
so lang er denken konnte, ohne sich das „warum" recht 
klar zu machen, und von jeher war es sein Lieblings 
wunsch gewesen, dieses Instrument zu erlernen. Andere 
verschieben ihr Vorhaben von einem Tag zum andern, 
Excellenz hatte es von einer Charge zur andern ver 
schieben müssen. Als Leutnant hatte er keine Zeit gehabt, 
denn wenn der Königliche Dienst ihn nicht beschäftigte, 
hatte die mit Recht so beliebte Frau Minne ihn in An 
spruch genommen. Ein Hauptmann hat keine Zeit, Neben 
dinge zu betreiben, als Stabsoffizier hatte er genug zu 
thun gehabt, um General zu werden und als er diese 
hohe Stellung erreicht hatte, musste er unter chikanöseti 
Vorgesetzten so viel leiden, dass ihm beinahe täglich die 
Augen übergingen, na, und mit übergegangenen Augen 
kann kein Mensch Noten lesen, nicht einmal eine Excellenz. 
Jetzt aber war er der Höchstkommandierende in 
seinem Armeekorps, jetzt liess ersieh nicht mehr ärgern, 
sondern ärgerte nur noch andere, jetzt richtete er sich 
seinen Dienst so ein, wie es ihm passte, jetzt hatte er 
Zeit, und in seinen freien Stunden blies er das Horn. 
Schön blL-s er nicht. Selbst Waldmann, der krumm 
beinige Teckel, der seinen Herrn abgöttisch liebte, zog 
sich in die äusserste Ecke seines Korbes zurück, sobald 
das Horn ertönte. Er bellte und winselte nicht, dazu 
war er viel zu gut erzogen, aber er machte ein todes 
trauriges Gesicht, das da zu sagen schien: „Muss 
das sein?" 
Der Lehrer Sr. Excellenz dachte nicht viel anders. 
Hätte er nicht für die Stunde ein Honorar von 10 Mark 
erhalten, so würde er seinem Schüler schon lange zu- 
gerufen haben: „Geben sie es auf, es hat wirklich keinen 
Zweck." So aber hielt er aus auf seinem Posten. 
Unter dem Vorwände beständiger Zahnschmerzen packte 
er sich ungeheure Quantitäten Watte in seine grossen 
Ohren und wenn, dank diesem genialen Einfall, ein 
gellend falscher Ton von ihm nicht gehört wurde, sprach 
er sogar von sehr erfreulichen und nicht unbedeutenden 
Fortschritten. 
Dann freute sich Excellenz wie ein kleines Kind, 
das belobt wird. Dass er in seinen Jahren kein grosser 
Künstler mehr werden könnte, wusste er, so ehrgeizig 
war er auch garnicht, er wollte ganz zufrieden sein, 
wenn es ihm im Laufe der Zeit gelang die National 
hymne, den Sang an Aegir, das niederländische Dank 
gebet und einige andere derartige patriotische Lieder rein 
und tadellos zu blasen. 
In den Stunden, in denen Excellenz das Horn blies, 
lag das grosse Gebäude, das als Sitz des General 
kommandos diente, völlig öde und verlassen da; wer 
von den Adjutanten, Schreibern, Ordonnanzen und Stall 
burschen nicht durch mehr als wichtige Arbeiten ge 
bunden war, schnallte sich sein Schwert um und machte 
sich so schnell wie möglich davon. Selbst die Disciplin 
und die Subordination vermochten die Untergebenen 
nicht zurückzuhalten, wohl aber verhinderten diese beiden 
militärischen Tugenden, dass die Unterthanen sich in 
der Oeffentlichkeit über ihren Herrn lustig machten. 
Das gab es nicht, im Gegenteil, man lobte die Fällig 
keiten des hohen Herrn über Gebühr und es dauerte nicht 
lange, da wusste es im Armeekorps Jedermann, dass der 
Kommandierende, der in Wirklichkeit keine Tonleiter 
richtig blasen konnte, ungewöhnlich musikalisch beanlagt 
und zugleich ein Meister auf dem Waldhorn sei. 
Den Meisten war diese, die Welt in ihren Grund 
festen erschütternde Thatsache, ganz gleichgültig, — 
einige aber gerieten, als sie die Kunde vernahmen, in 
eine nicht unbedeutende Aufregung. Das waren die Herren 
Regimentskapellmeister, die Tambourmajore, die Herren 
Regimentskommandeure und die Herren Adjutanten, die 
zwar nicht die musikalische Befähigkeit, wohl aber den 
Befehl hatten, das Uebcn der Spielleute zu beaufsichtigen. 
Es liegt viel Wahres in dem Wort: in welcher Ver 
fassung sich ein Regiment befindet, kann man an den 
Spielleuten sehen, machen die ihre Sache gut, dann ist 
auch im ganzen übrigen Regiment Schneid, oder wie es 
Viele nennen „Schnitt". Das wissen auch die Herren 
Regimentskommandeure und deshalb wird die Frau 
Musika auch überall nach allen Regeln der Kunst ge- 
bimmst und gebummsen. Ganz besonders war dies bei 
dem Infanterie-Regiment Franz Heinrich der Fall, das 
den Vorzug hatte, auf seinen Achselstücken einen 
Namenszug tragen zu dürfen und das zwar nicht ganz, 
aber doch beinahe „Garde" war. Der Herr Oberst ver 
stand von der Musik absolut garnichts und in Folge dessen 
war er mit den Leistungen der Spielleute und Hornisten 
nie zufrieden, es musste immer noch besser werden und 
dies war erst recht der Fall, als man von den Künsten 
Seiner Excellenz erfuhr. 
Geistig bedeutend, wie der Kommandeur war, sagte 
er sich: „Wenn ich nicht zufrieden bin, wird Excellenz 
es erst recht nicht sein, folglich müssen wir noch mehr 
drillen als bisher." 
Das geschah, und der Erfolg blieb nicht aus: Der 
Tambourmajor des ersten Bataillons warf seinen Tambour 
stock in die Luft, fing ihn nicht wieder auf und erklärte 
kategorisch: „Ich kapituliere nicht weiter, ich gehe ins 
Civil.“ 
Und da seine kontraktmässige Dienstzeit an einen 
der nächsten Tage abgelaufen war, ging er. 
Weg war er, und der Oberst ärgerte sich nicht wenig, 
damit aber bekam er keinen neuen Tanibourmajor. Er 
that das Klügste, was er thun konnte, und inserierte in 
dem Militär-Wochenblatt. Da er die Annoncen nicht 
aus der eigenen Tasche, sondern aus der Staatskasse be 
zahlte, gab er ein gewaltig grosses Inserat auf und die 
Folge war, dass sich zahllose Bewerber meldeten. 
Wer die Wahl hat, hat die Qual; endlich, endlich 
war ein neuer Tambourmajor da, und wenn nicht alle 
Anzeichen trügen, konnte man mit der neuen Acquisition 
mehr als zufrieden sein: er war ein Riese von Gestalt, 
tadellos gewachsen, mit einem hübschen, männlichen 
Gesicht. Ein dichter schwarzer Schnurrbart zierte die 
Oberlippe und keck und verwegen blickten die grossen 
schwarzen Augen. Die Zeugnisse, die er mitbrachte, 
waren hervorragend und als der neue Tambourmajor 
dem Herrn Oberst zum ersten Mal etwas vormarschierte, 
war dieser mehr als zufrieden gewesen. 
Am Vormittag hatte der neue Tambourmajor die 
Kapitulationsverhandlung unterschrieben, am Nachmittag 
rückte er schon mit seinen Spielleuten nach dem Uebungs- 
platz. Als die Leute zum ersten Mal ihren neuen Vor 
gesetzten sahen, mit dem allem Anscheine nach nicht sehr 
gut Kirschen essen war, stöhnten sie laut auf, aber das 
nicht allein, selbst die Instrumente gaben einen dumpfen, 
klagenden Laut von sich - auch sie zitterten vor dem 
Kommenden. 
Und sie zitterten nicht vergebens, es begann ein ge 
waltiger Drill und die ältesten Trommeln und Signal 
hörner konnten sich nicht entsinnen, jemals so bearbeitet 
worden zu sein. 
Die Spielleute stöhnten und bereuten bitter die 
Stunde, in der sie so dumm gewesen waren, sich frei 
willig zum „Federvieh" zu melden. Es ist eine alte 
Geschichte, das Leid der Untergebenen ist die Freude 
der Vorgesetzten und so strahlte denn der Herr Oberst 
vor Vergnügen, wenn er seinen Tambourmajor nur von 
Weitem sah. Die Spielleute des Regiments waren in 
Ordnung, Se. Excellenz konnte ruhig kommen.
        
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