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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

liches und nichts Künstlerisches fremd ist. Da Adlon & Dressei den Wirthschaftsbetrieb 
übernommen haben, ist das Menschliche durch das Künstlerische noch in anderer Weise 
berücksichtigt. 
Auch in der KUNST-AUSSTELLUNG greifen Berliner Kunst und Berliner Leben 
so innig in einander, dass man Beides nicht mehr streng auseinander halten kann. 
Drinnen in den Sälen reiht sich Bild an Bild, und die Künstler, die da im heissen 
Kampfe um die Palme oder vielmehr um die grosse oder kleine goldene Medaille ringen, 
haben einen mehr oder minder echten Abklang des draussen pulsirenden Lebens auf 
der Leinwand festgehalten. Und die Bildwerke in Erz und Marmor drängen sich bis 
hinaus, bis mitten unter die Lebendigen, die an ihnen vorüberziehen und die dann fast 
ausnahmslos die rauschende Musik dem stillen Bildwerk vorziehen. Für die Menge, 
die an schönen Nachmittagen und Abenden hinausströmt in den Park der Kunstaus 
stellung, ist ja die Ausstellung nicht der Hauptzweck, sondern nur eine Nummer mehr 
in dem Vergnügungsprogramm. Man schlendert plaudernd und lachend wohl auch 
eine halbe Stunde durch die Bildersäle, aber dann eilt man nur um so rascher wieder 
hinaus in den Park, denn im Cafe Bauer oder auf der Terrasse gegenüber dem zweiten 
Musikpavillon sitzt sich’s doch gar zu behaglich, und auch die warmen „Hefter’schen“ 
duften zu verführerisch und appetitlich. Der Spazierkorso an den beiden Militärkapellen 
vorüber bildet den Hauptreiz für alle, die hinausgekommen sind, um zu sehen und 
gesehen zu werden, um die neuen Sommertoiletten Revue passiren zu lassen, um zu 
flirten und zu kokettiren und um seine musikalischen Kenntnisse durch reizvolle Neu 
heiten, wie „Weisst Du. Mutterl, was i träumt hab’" oder das Intermezzo aus der 
„Cavalleria' 1 , zu bereichern. Sie alle kommen auf ihre Rechnung und finden, was sie 
suchen, und wenn gegen Mitternacht die elektrischen Lampen verlöschen, geht ein 
Jeder vergnügt nach Hause, denn Herr Anton Zweig, der treffliche Oekonom des 
Ausstellungsparks, sorgt stets dafür, dass auch dem Magen sein Recht wird. 
In der SOMMER OPER im THEATER DES WESTENS gastirte kürzlich die 
englische Sängerin THEA DORRE als Carmen mit ausgesprochenem Erfolge. Sie gehört 
zu den interessantesten Künstlerinnen, die der musikalische Verismus uns bescheert 
hat, und sie erinnert in manchen Zügen an die geniale Gemma Bellinzioni. Ihre Carmen 
erfreute besonders durch die scharfe und charakteristische Ausgestaltung alles Schau 
spielerischen, und diese Vorzüge sollen auch ihrer Mignon und ihrer Santuzza eigen 
sein, mit denen Frau Dorre ebenso wie mit ihrer Carmen schon in Amerika, Italien 
und London Aufsehen erregt hat. Nach ihrem gelungenen Debüt in Berlin gedenkt 
Frau Dorre eine grössere Tournee durch Deutschland zu unternehmen. 
Auch die ständigen Mitglieder dieser Sommeroper, die sich unter Herrn Direktor 
Max. Heinrich durch eine Aufführung der „Zauberflöte“ mit so schönem künstlerischem 
Erfolge in Berlin eingeführt hat, bringen wir diesmal in einem Gruppenbilde. Direktor 
Heinrich, der während des Winters das Lübecker Stadttheater leitet, hat eine stattliche 
Schaar von Künstlern aufgebracht, von denen namentlich der. Tenor Friedrich Carlen, 
der stimmgewaltige Bassist Robert Blass und die jugendlich - dramatische Sängerin 
Frau Cäcilie Rusche sofort Anklang fanden. t 
In den „TYPEN VOM SPREEUFER“ sehen wir ein Stück allermodernsten 
Berliner Lebens pulsiren. Wer von der Janowitzbrücke aus die Spree hinauffährt, der 
kann das arbeitende Berlin in seinen verschiedensten Formen so recht aus der Nähe 
beobachten. Da reiht sich Fabrik an Fabrik, Speicher an Speicher, da arbeiten die 
Dampfkrähne und schwer beladene Steinschilfe werden von keuchenden kleinen 
Schleppdampfern stromaufwärts geschleppt. Rauch- und dunstgeschwängert ist dort 
die Luft und es riecht durchaus nicht nach Veilchen uncDRosem Und doch lassen sich 
auch aus diesem Getriebe der Armuth anmuthende Genrebilder herausfinden, wenn 
man es nur mit theilnahmsvollen Augen betrachtet. Unser Bild bietet eine Reihe solcher 
kleiner Scenen, die dem Leben der Arbeiter abgelauscht sind. Frühstückende Arbeiter, 
eine Frau bei ihrem Mann, dem sie wohl eben die Suppe gebracht hat, ■ langsam und 
gebeugt dahinwandelnde Steinträger, der Dampfkrahn und das Ausladen eines Spree 
kahns — das sind so einzelne Momente, wie man sie am Ufer der Spree tagtäglich in 
reichster Fülle beobachten kann. 
Die AKTUALITÄTEN des Monats, die wir im Bilde berücksichtigen, führen uns 
diesmal auch stark in das Gebiet der Politik hinüber. FÜRST HERBERT VON BIS 
MARCK ist gelegentlich der Kieler Woche bedeutsam in den Vordergrund des Interesses 
gerückt worden. Man sprach von einer Audienz, die er in Travemünde beim Kaiser 
gehabt haben sollte, und wenn diese Nachricht offiziell auch nicht bestätigt wurde, so 
ist sie doch ebenso wenig dementirt worden. Natürlich fanden die Konjekturalpolitikcr 
darin sofort den Anlass zu den kühnsten Kombinationen. Die einen ernannten den 
Fürsten ohne Weiteres zum präsumptiven Reichskanzler, „.während die anderen sich 
begnügten, ihn mit dem Botschafterposten in St. Petersburg zu betrauen. Vorläufig 
hat sich weder das eine noch das andere bestätigt, aber man geht wohl nicht fehl, 
wenn man trotzdem den baldigen Wiedereintritt des Fürsten Herbert in die diplo 
matische Karriere für sehr wahrscheinlich hält. 
Von Herrn VON MIQUEL dagegen wollen einige kluge Leute, die das Gras 
wachsen hören, behaupten, dass er amtsmüde sei und den Ministersessel verlassen 
wolle. Wenn Herr von Miquel seine geschwächte Gesundheit durch den Badeaufenthalt 
wieder aufgefrischt haben wird, dann wird er wohl wieder den Beweis erbringen, wie 
man eine Kanalvorlage durchsetzt, ohne die anspruchsvollen Forderungen der Agrarier 
und des Centrums ganz zu erfüllen. In dem verstorbenen OBERPÄS1DENTEN VON 
ACHENBACH verlor der Staat einen treuen Diener, der wie selten einer durch das 
Vertrauen seines kaiserlichen Herrn ausgezeichnet worden ist. Beim Leichenbegängniss, 
von welchem wir mehrere Abbildungen bringen, kamen all’ die Sympathien zum Aus 
druck, deren sich der Hingeschiedene während seiner Lebenszeit in den weitesten 
Kreisen zu erfreuen hatte. 
Aus der Welt der Bretter sind ebenfalls einige Aktualitäten zu vermerken. Im 
Theater des Westens fand die Aufführung der „Versunkenen Glocke“ von Heinrich 
Zöllner statt, welche dem Komponisten zwar nicht den erhofften Erfolg brachte, dem 
berühmten Sohn eines berühmten Vaters aber genügend Anerkennung zu Theil werden 
liess, um ihn zur Lösung grösserer Aufgaben zu ermuthigen. Die Werke Zöllners, 
darunter eine frühere Oper „Das hölzerne Schwert“ erscheinen im Musikverlage von 
Breitkopf & Härtel in Leipzig, und der Anerkennungsbeweis dieser berühmten Firma 
ist für einen Musiker ziemlich dasselbe, was der Gothaische Almanach für den Adel. 
Frau EGLI, die tüchtige Künstlerin, verlässt unsere Hofbühne, nachdem sie ihrem 
Kollegen Knüpfer die Hand zum ewigen Bunde gereicht, um sich fortan häuslichen 
Pflichten zu widmen und nur hin und wieder auf Gastspielen ihre künstlerische 
Thätigkeit auszuüben. Für immer von der Bühne nahm RICHARD KAHLE Abschied 
und zwar ohne Sang und Klang, wie es von dem bescheidenen Künstler nicht anders 
zu erwarten war. Das anhängliche Publikum des Schauspielhauses wird dem ehrlich 
schaffenden Künstler ein gutes Andenken bewahren, trotzdem es keine Gelegenheit 
hatte, ihm durch ehrende Ovationen seine Sympathien auszudrücken. 
Unser Strassenbild versetzt uns in das Getriebe des Opernplatzes, wenn sich dort 
Mittags gegen ein Uhr die Menge zusammendrängt, um das „AUFZIEHEN DER HAUPT 
WACHE“ zu beobachten. Mit klingendem Spiel, ein hundert vielbeschäftigter Arbeits 
loser voran, kommt die Wachmannschaft die Südseite der Linden heruntermarschiert, 
um dann zur Hauptwache abzuschwenken. Es ist ein stehendes Ereigniss in dem 
öffentlichen Leben Berlins, dies kleine militärische Schauspiel, und so oft man es auch 
sieht, man hat doch immer wieder seine Freude daran. 
Das APOLLO-THEATER ist diesmal ausschliesslich durch Damen vertreten. 
PAULETTE DARTY, die wohl die bedeutendste Romanzensängerin ist, wird am 
1. September im Apollo-Theater debutiren, während die GESCHWISTER DE LA PRAZ, 
die brillanten Harfenvirtuosinnen, dort schon jetzt allabendlich reichen Beifall finden. 
Die jungen Damen stammen aus.einer vornehmen belgischen Familie und absolvirten 
als preisgekrönte Schülerinnen das Konservatorium in Brüssel. Fräulein BALLERINI 
ist eine charmante Trapezkünstlerin, deren Trics berechtigtes Aufsehen erregen. 
Dass es jedoch auch ausserhalb des Apollo-Theaters noch „SCHÖNE FRAUEN“ 
giebt, beweisen wir durch das Bild, auf dem wir drei weibliche Schönheiten zur Freude 
für alle Kenner zusammengestellt haben. 
Voni HOTEL KAISERHOF welches unter der vorzüglichen Leitung des Direktors 
Matthäi seit Jahren zu unseren ersten Hotels gehört, bringen wir einige Aufnahmen, 
aus welchen der vornehme Charakter des Etablissements ersichtlich ist. Einige 
Räume des Hotels besitzen durch den Aufenthalt berühmter Persönlichkeiten, sowie 
durch die diplomatischen Verhandlungen, die dort gepflogen wurden, eine historische 
Bedeutung. Max Schoenau.
        
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