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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

S taatssekretär Graf VON BÜLOW, der Leiter unserer auswärtigen Angelegenheiten, 
erfreut sich bei unserem Kaiser der grössten Beliebtheit wegen der taktvollen, 
zugleich klugen und energischen Art, mit der er die deutschen Interessen 
überall zu vertreten weiss. Die Erhebung des Herrn von Biilow in den Grafen 
stand war ein Akt kaiserlicher Gnade für das grosse Verdienst, welches sich der Staats 
sekretär durch den Abschluss des Vertrages mit Spanien erworben hat,, wonach die 
Karolinen- und Palao-Inseln in den Besitz des Deutschen Reiches übergingen. Die ver 
bindliche Art und Weise, mit welcher der Staatssekretär die Genehmigung des Reichs 
tages für seine politische Aktion zu gewinnen wusste, fand dieselbe ungetheilte Aner 
kennung, wie sie sich bisher noch bei jeder neuen Fhat des geschickten Diplomaten 
gezeigt hat. Durch seinen Vortrag versteht Graf von Bülow die Zuhörer stets zu 
fesseln, und es ist nicht nur der wichtige, politische Inhalt seiner Reden, welcher diesen 
Eindruck hervorruft, sondern seine knappe Art, die Situation zu charakterisiren, und 
vor allem der prächtige Humor, mit welchem er seine politischen Berichte zu durch 
würzen und die Angriffe seiner Gegner abzuschlagen versteht. Dass der Gral durch 
die erwähnten Eigenschaften eine der hervorragendsten und liebenswürdigsten Figuren 
der Berliner Gesellschaft ist, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Welcher 
Beliebtheit sich der Staatssekretär und seine schöne, geistvolle Gemahlin, die Tochter 
des Dichters Minghetti, erfreuen, konnte man bei Gelegenheit eines Wohlthätigkeits- 
festes für die Kinderhospize an den Seeküsten beobachten, welches in dem schattigen 
Garten des Auswärtigen Amtes stattfand. Von dem Fest, welches durch den Besuch 
der Kaiserin beehrt wurde und bei welchem sich unsere vornehmste Gesellschaft ein 
Rendez-vous gab, bringen wir einige Abbildungen. 
Das Titelblatt dieser Nummer zeigt uns das Porträt von WALTHER SCHOTT 
dem genialen Vertreter der modernen Skulptur. Wenn sich aus der Physiognomie 
Rückschlüsse auf geistige Fähigkeiten ziehen lassen, lügt dieses Gesicht nicht. Die 
mächtig vorgebaute Stirn verräth Gedankenreichthum und energischen Willen. Das 
schwermüthige und doch so muthig blickende Auge möchte eine ganze Welt umfassen, 
um nur das Schönste vom Schönen in sich aufzunehmen. Die kühngeschwungene 
Nase, das markige Kinn, der emporstrebende Bart ergänzen den Typus des muthigen 
Eroberers, der jedes Hinderniss zu überwinden versteht. Welche I 1 ülle lieblicher und 
hehrer Gestalten hat der Künstler bereits dem widerstrebenden Marmor entlockt! 
Durch die Gunst des Kaisers ganz besonders ausgezeichnet, ist er mehr wie einmal 
Interpret kaiserlicher Gedanken gewesen. Wie mit einzelnen Gruppen der Sieges 
allee ist er auch mit der Schaffung des grossen Kriegerdenkmals für St. Privat betraut 
worden, zu welchem der erste Entwurf von des Kaisers eigener Hand herrührt. Im 
Atelier des Künstlers warf der Kaiser auf ein abgerissenes Blatt Papier in raschen 
Zügen die Skizze, die wir neben dem Bilde des fertigen Denkmals veröffentlichen. Es 
ist sehr interessant zu beobachten, wie Walther Schott den Gedanken des Kaisers weiter 
entwickelt hat. Die düstere, gewaltige Gestalt des Kriegs- und Todesengels ist in ihrem 
Grundcharakter unangetastet geblieben, aber durch kleine, unauffällige Aenderungen 
ist ihre Haltung noch einfacher, dominirender und überzeugender geworden. Das 
prächtige Kunstwerk wird am 18. August, am Jahrestage der. Schlacht von St. Privat, 
feierlich enthüllt werden. Das Denkmal ist in der Bildgiesserei Aktiengesellschaft 
vorm. H. Gladenbeck & Sohn gegossen worden. 
KARL SALTZMANN, der auch diesmal wieder als Gast des Kaisers die Nord 
landreise an Bord der „Hohenzollern“ mitgemacht hat, führen wir unseren Lesern in 
seinem Atelier vor,, wo er gerade an seinem neuen, für die Pariser Weltausstellung 
bestimmten Bilde arbeitet. Karl Saltzmann, der ursprünglich ein Schüler Eschke’s war, hat 
sich durch die Energie seiner Darstellung rasch zu einem Marinemaler von scharf geprägter 
Eigenart entwickelt. Schon als er den Prinzen Heinrich auf seiner Reise um die Welt 
begleitete, fand er Gelegenheit zu den interessantesten Studien, die er jetzt bei jeder 
Nordlandreise unseres Kaisers stattlich vermehrt. Auch Güssfeldt’s Buch, das diese 
Nordlandfahrten beschreibt, ist von Karl Saltzmann illustrirt worden. 
Neben Paul Bulss,. dessen Bild unser voriges Heft brachte, hat sich BAPTIST 
PIOI'FMANN als Baryton unserer königlichen Oper mit seiner prachtvollen Stimme sehr 
rasch in die Gunst des Publikums hineingesungen. Herr Hoffmann, der vorher in Köln 
und Plamburg künstlerisch thätig war, erfreut namentlich durch den weichen und warmen 
limbre seines umfangreichen Organs. Als Odysseus in dem Bungert’schen Musikdrama 
und als Wolfram von Eschenbach im „Tannhäuser“, in welchen Rollen ihn unser Bild 
darstellt, weiss er diese Vorzüge mit besonderem Eindruck zur Geltung zu bringen. 
Der ZOOLOGISCHE GARTEN ist jetzt, nachdem Herr Direktor Heck seine organi 
satorischen Pläne zur Geltung gebracht hat, einer durchgreifenden Umwandlung unter 
zogen worden. Diese Umwandlung, die in jeder Beziehung auch eine Verschönerung 
bedeutet, hat aus dem Zoologischen Garten jetzt wirklich ein weltstädtisches Etablissement 
gemacht, das. die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich lenken muss. Kinder und Er 
wachsene finden dort Alles, was sie wünschen, Belehrung, Zerstreuung und Unterhaltung. 
Wir beginnen in dieser Nummer mit einer Anzahl von Momentaufnahmen, auf 
denen allerlei interessante Typen aus dem Getriebe des Zoologischen Gartens fixirt 
sind, in erster Reihe natürlich Thiertypen. Die langhalsige, blasirt blickende Giraffe 
darf dabei ebenso wenig fehlen, wie das Elephantenhaus, der Löwenkäfig und allerlei 
exotisches Rindvieh, das zu fesselnden Vergleichen mit unseren einheimischen Ochsen 
geradezu herausfordert. Der Spielplatz der Kinder und die köstliche Centaurengruppe 
von Reinhold Begas mahnen uns daran, dass dem „Zoologischen" auch nichts Mensch
        
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