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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

„Fledermaus“ gastirte neulich Fräulein FRITZI SCHEFF im Neuen kgl. Opern-Theater. 
Die noch , sehr jugendliche Künstlerin ist eine Tochter von Anna Jäger, der ausgezeich 
neten dramatischen Sängerin der Oper in Frankfurt a. M. Fräulein Scheff, die bisher 
in München thätig war, gefiel sehr durch ihre pikante Erscheinung und ihren zierlichen 
Gesang und dürfte bald dauernd unserer Oper angehören. — Fräulein IRENE TRIESCH, 
die vor ein paar Jahren als blutjunge Anfängerin nach Berlin kam, hat sich inzwischen 
in München und Frankfurt a. M. zu einer Schauspielerin von starker Eigenart ent 
wickelt. Sie gastirte in Zola's „Therese Raquin“ noch kurz vor dem Schluss der Spiel 
zeit im Lessing Theater. — GUSTAV v. MOSER hat mit seinem Schwank „Auf 
Strafurlaub“ nach längerer Pause wieder einmal den Weg ins königliche Schauspiel 
haus gefunden; EDUARD STRAUSS, der Bruder des todten Walzerkönigs Johann, 
gastirt mit seiner Kapelle in der Brauerei Friedrichshain und Meister LEIBL ist eigent 
lich stets so aktuell, dass es kaum noch des Hinweises auf seine wundervollen Studien 
köpfe und Bilder bedarf, die in der Ausstellung der Sezession die allgemeinste 
Bewunderung erregen. 
Frau SIGRID ARNOLDSON ist aufs Neue der gern gesehene Gast unseres 
königlichen Opernhauses gewesen und ihre prachtvoll geschulte Stimme und ihre zier 
liche Anmuth hat namentlich in „Mignon“ und im „Barbier von Sevilla“ das. Publikum 
aufs Neue erfreut. Unsere Aufnahmen stellen sic,, ausser als „Mignon“, als Nedda in den 
„Pagliacci“, als Julia in „Romeo und Julie“ und als Baueis in „Philcrnon und Baucis“ dar. 
PAUL BULSS beherrscht, seitdem Franz Betz in den Ruhestand getreten ist, 
das Reich des ersten Barytons an unserer königlichen Oper. Seine schöne, nament 
lich in der Höhe sich mächtig entfaltende Stimme, sein bedeutendes Darstellungs 
talent und seihe geschmeidige, vornehme Erscheinung befähigen ihn dazu in hervor 
ragendstem Maasse. Die letzte Neuschöpfung grossen Stils, mit der er vor das Publikum 
trat, war der Don Quixote in Kienzl’s gleichnamiger Oper, und es lag wahrlich nicht 
an Paul Bulss’ Leistung, dass die Oper so rasch wieder vom Spielplan verschwand. 
Unser Bild stellt den Künstler als Alfis und als Zampa dar. Ausserhalb der Bühne ist 
PAUL BULSS vor allen Dingen ein leidenschaftlicher Verehrer des Fahrsports. Mit 
seinem russischen Trabergespann hat er nicht nur schon manche bedeutende Dauerfahrt 
gemacht, sondern er blieb mit ihm auch fast immer Sieger, wenn er bei sportlichen 
Veranstaltungen mit ihm konkurrirte. 
JOSEF JARNO, der augenblicklich das Neue Theater gepachtet hat, um darin 
den von ihm gemeinsam mit Herrn GUSTAV RICKELT verfassten Schwank „DIE 
WAHRSAGERIN“ aufzuführen, hat sich damit in erster Linie das Verdienst erworben, 
dass er FIANSI NIESE zum zweiten Male nach Berlin gebracht hat. Hansi Niese 
ist eine Soubrette, wie sie seit der Pepi Gailmeyer nicht mehr auf den Brettern ge 
standen hat. Sie kann ganz eminent viel und vielerlei und, auch wenn sie eine Rolle noch 
so derb anfasst, wirkt sie nicht blqs komisch, sondern sie bleibt auch stets liebenswürdig. 
Und wenn Hansi Niese auch Wienerin ist, so ist sie heute doch die einzige Soubrette, 
um die herum sich ein Berliner Possentheater gründen Hesse. Ihr in allererster Reihe 
ist denn auch der Erfolg der „Wahrsagerin“ zu danken, für die auch GUIDO 
TII1ELSCHER sein volles komisches Können eingesetzt hat. Neben den Bildern der 
beiden Autoren und ihrer beiden hervorragendsten Darsteller bringen wir auch noch 
die Porträts von Clara Wenck, Johanna Junker-Schatz und Georg Wander, die in dem 
Schwank gleichfalls in grösseren Rollen beschäftigt sind. 
Das Ensemble des Deutschen Theaters gastirt augenblicklich im Raimund- 
Theater in Wien und auf unserm Bild haben wir all die Künstler zusammengruppirt, 
die an diesem interessanten Gastspiel theilnehmen — sollten. In letzter Stunde sind 
freilich noch einige der hervorragendsten Kräfte abgesprungen. Josef Kainz, Josef 
Jarno und Else Lehmann sind nicht mit nach Wien gegangen, Kainz vermuthlich, weil 
er ja im Herbst doch im Wiener Burgtheater auftritt, Jarno, weil seine direktorialen 
Pflichten ihn in Berlin festhalten, und Else Lehmann aus irgend welchen anderen 
Gründen, deren es ja in solchen Fällen stets die Hülle und Fülle giebt. Aber unter 
den Uebrigen befinden sich vortreffliche Künstler genug, um jenen Verlust verschmerzen 
zu lassen, und die Wiener werden sich überzeugen, dass auch unter dem jüngeren 
schauspielerischen Nachwuchs in Berlin sich sehr beachtenswerlhe Talente befinden. 
An die Stelle von Kainz tritt Rudolf Rittner, der nun den Oswald in den „Gespenstern“ 
spielen wird. Hermann Nissen und seine Gattin Gisela Schneider werden besonders 
in Björnsson's „Geographie und Liebe“ in den Vordergrund treten. Luise Dumont, 
Marie Eisinger, Max Reinhardt, Eduard von Winterstein, Paul Bicnsleldt und andere 
werden in Wien gleichfalls beweisen, mit welchem liebevollen Vcrrtändniss das Ensemble 
('es Deutschen Theaters sich gerade auf die Dichtungen des modernen Genres ein 
gespielt hat. 
Der Monat Juni bietet in Berlin alljährlich die Höhepunkte des Sports aut seinen 
verschiedensten Gebieten. Die Frühjahrsrennen in Iloppegarten und Cailshorst ver 
einigen dort draussen Alles, was in irgend einer Weise auf den grünen Rasen gehört, 
in Grünau ringen gleich darauf die verschiedenen Rudervereine um den Kaiserpreis 
und auch im Lawntennis werden um diese Zeit die bedeutsamsten Wettkämpfe ausge- 
fochten. In Hoppegarten zeigt unser Bild die Pferde am Start versammelt, wo es dem 
Starter mit der rothen Fahne nicht immer leicht fällt, ein geschlossenes Feld zum Ab 
lauf zu entlassen. Auf der weiten Fahrt bis zum Richterpfosten löst sich das Feld 
natürlich in eine lange Linie auf, bis der Sieger endlich das Ziel passirt. Des Graditzers 
„Gastfreund“ heiss erfochtenen Sieg über die stark favorisirte „Namonna" im dies 
jährigen „Union-Rennen“ zeigt ein anderes Bild. Der wackere Jockey Ballantine hatte 
in diesem „klassischen“ Rennen wieder einmal Gelegenheit, seine kaltblütige Reitkunst 
überlegen zur Geltung zu bringen. Als in Grünau in der Regatta um den Kaiserpreis 
der „Berliner Ruder-Klub“ nach heissestem Kampf um eine Achtelsekunde über die 
„Favorite-Hammonia“ gesiegt hatte, brach unter den Tausenden von Zuschauern 
stürmischer Jubel aus, und auch der Kaiser, der gleich darauf die siegreiche Mannschaft 
an Bord der „Alexandria“ empfing, gab seiner Freude über den Erfolg der Berliner 
lebhaften Ausdruck. Leutnant von GORDON, den wir gleichfalls im Bilde vorführen, 
ist der Gewinner der drei Meisterschaften im Berliner Lawntennis-Tournier. 
Ein Stück echtesten Berliner Lebens entfaltet sich in der Aufnahme, die uns. 
auf das Dach der Telephon-Centrale in der Oranienburgerstrasse führt; Berlin verfügt 
bekanntlich über das ausgedehnteste Telephonnetz der Welt und in diesem Gewirr 
von Drähten und Isolatoren erhält man mit verblüffender Anschaulichkeit einen Begriff' 
von der Gewaltigkeit unseres Telephonverkehrs. 
Das noch heute in seiner ursprünglichen Einrichtung erhaltene Zimmer 
FRIEDRICH WILHELM’S IV. in Schloss Monbijou und die KAISER--WILHELM- 
BRÜCKE mit dem Ausblick auf die renovirte Marienkirche umfassen in ihrem Neben 
einander ein halbes Jahrhundert der Geschichte Berlins und seiner Entwickelung. 
Mit einer Gruppe „Schöner Frauen“ vervollständigt sich der Inhalt der vor 
liegenden Nummer in der anmuthigsten und bestrickendsten Form. Wenn die Zahl- 
Sieben immer in solcher Gestalt au.'tiäte, würde sie bald das Vorurtheil besiegen, dass, 
sie stets eine böse Zahl sei. Max Schoonau.
        
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