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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

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von Bildern, unter denen sich naturgemäss auch eine Menge minderwerthiger Arbeiten 
befinden müssen, sondern die wenigen ausgestellten Kunstwerke sind mit wirklichem 
Geschmack vertheilt und gruppirt, so dass das Auge des Beschauers mit ruhigem 
Behagen sich ihnen widmen kann. Unter den etwa dreihundert Kunstwerken, welche 
in der neuen Ausstellung vereinigt sind, finden sich nicht blos Bilder von Berliner 
Sezessionisten — dazu war die Zeit der Vorbereitung doch zu knapp — sondern alle 
deutschen Modernen, darunter auch Böcklin und Leibi, sind mit sorgsam ausgewählten 
Schöpfungen vertreten. 
Gleichsam zur Ergänzung unserer Ansichten von den Innenräumen der neuen 
Ausstellung haben wir diesmal auch einige hervorragende Führer der deutschen 
Sezessionisten auf einem Bilde vereinigt. Den Mittelpunkt bildet Professor MAX 
LIEBERMANN in seinem Atelier. Max Liebermann, der schon vor Jahrzehnten als 
erster den neuen, aus Paris herüberwehenden künstlerischen Anregungen folgt, ist für 
die Berliner Sezession der Rufer im Streit geworden und als solcher leitete er auch 
den officiellen Eröffnungsact der Ausstellung. Der Grösste unter den „Jungen“ ist freilich 
noch immer ARNOLD BÖCKLIN, der auf der neuen Ausstellung durch einige Porträts 
und sein wundervolles Bild „Nessus und Deianira" vertreten ist. FRANZ STUCK, der 
sogar dem Reichstagsabgeordneten Dr. Lieber zu einem gewissen Nachruhm verhelfen 
wird, FRITZ v. UHDE und' FRANZ SKARBINA sind gleichfalls in würdiger Weise 
vertreten. Franz Stuck bringen wir als Coriolan, wie er auf einem Münchener Künstler 
fest sich aufnehmen Hess. 
Auf unseren Wanderungen durch die Berliner Ateliers sind wir diesmal bei 
dem Bildhauer AUGUST KRAUS angelangt,, der draussen in der Villencolonie 
Grunewald schafft und arbeitet. Kraus, der aus der Schule von Reinhold Begas 
hervorgegangen ist, hat eine Statue „Heinrich das Kind“ vollendet, die in der Sieges 
allee Aufstellung finden und auch auf die Pariser Weltausstellung geschickt werden soll. 
Das prächtige Bildwerk würde vor Kurzem auch von dem Kaiser und der Kaiserin 
mit besonderem Interesse besichtigt. ® 
LUDWIG FULDA hat mit seinem liebenswürdigen, graeiösen und formsichern 
Talent der deutschen Bühne schon eine ganze Reihe werthvoller Dichtungen geschaffen, 
von denen sein „Talisman“ eine bleibende Stätte in unserer Litteratur finden dürfte. 
Unser Bild zeigt den Dichter in seiner Häuslichkeit mit seiner Gattin, die als Fräu 
lein Theumcr auch der Bühne angehört hat. Aus dem aufgeschlagenen Buche liesst 
Fulda der gespannt lauschenden Gattin etwas vor, — vermuthlich sein neues Stück, 
das in der nächsten Saison zur Aufführung gelangen wird. 
ARTHUR VOLLMER konnte im vorigen Monat auf eine fünfundzwanzigjährige 
Thätigkeit am königlichen Schauspielhause zurückblicken und das Berliner Publikum 
hat diesen Tag mit ebenso freudiger Antheilnahme gefeiert, wie die Leitung der Hof 
bühne und des Künstlers Collegen es thaten. Arthur Vollmer ist einer jener wenigen 
Künstler, die nur durch die innere Kraft ihres Könnens zu wirken bemüht sind und 
deren schlichtes, natürliches Wesen jeden Neid ausschliesst und jede Intrigue, wie sie 
sonst hinter den Coulissen so üppig gedeihen. Als ganz junger Mensch ist Arthur 
Vollmer nach Berlin gekommen, wo er dann nach Dörings Tode rasch in einen immer 
umfassenderen und bedeutsameren Rollenkreis hineinwuchs. Was Vollmer dem 
Schauspielhause im modernen Lustspiel sowohl, als auch in. den Gestalten Shake 
speares, Molieres und der anderen Grossen geworden ist, weiss jeder Berliner. 
Wahrheit und Natürlichkeit sind stets die ersten Grundbedingungen seiner Kunst 
geblieben, die von ursprünglichstem, stets aus dem Vollen schöpfendem Humor 
getragen wird. In demselben Schwank „Der verwunschene Prinz“ von Plötz, in 
welchem Vollmer vor einem Vicrteljahrhundert vor dem Berliner Publikum debiitirte, 
trat er auch an seinem Jubiläumstage auf die Bühne. Aus dem herzlichen, stürmischen 
Beifall, der ihm bei jedem Wort entgegentönte, wird der Künstler herausgehört haben, 
wie sehr die Berliner ihn lieben und verehren. 
PAULA CONRAD, die auch zu den Lieblingen des Abonnentenpublikums im 
königlichen Schauspielhau.se gehört, hat in ihrem künstlerischen Wesen viel Berührungs 
punkte mit ihrem Collegen Arthur Vollmer. Auch sie strebt vor allen Dingen nach 
Wahrheit und Natürlichkeit, und ihre Gestalten, denen sie stets ein charakteristisches 
Gepräge zu geben weiss, erhalten durch keck zugreifenden Humor ihre beste 
Würze. So wirkt Paula Conrad, die seit einigen Jahren die Gattin Paul Schlenthers 
ist, als Toinette in Molieres „Eingebildeten Kranken“ und als Franziska in „Minna 
von Barnhelm“ ebenso erfreulich, wie in den mancherlei modernen Aufgaben, die das 
Repertoir des Schauspielhauses ihr bringt. 
Die Künstler, die im Laufe des verflossenen Monats das öffentliche Interesse 
besonders auf sich lenkten, haben wir auf einem besonderen Bilde vereinigt. Da 
finden unsere Leser neben ROSA BRUCK, der französischen Schauspielerin, die 
kürzlich mit einem eigenen Ensemble hier gastirte. die geniale FRANZESCFIINA 
PREVÖSTI, die Sängerinnen MARCELLA LIND, vonDULONG und ADELE RUNDBERG- 
ALMATJ, NIKOLAUS ROTHMÜHL, den früheren Heldentenor der königlichen Oper, 
jetzt am Hoftheater in Stuttgart, den die Berliner auch als Gast im Theater des, Westens 
mit Freuden wieder begrüssten, GEORG DROESCHER, der sich als Conrad Bolz 
vom Bellealliance-Theater verabschiedete, dessen Direction er niederlegte, um an’s 
königliche Schauspielhaus als Dramaturg und Regisseur überzusiedeln, LUDWIG DOCZI, 
den Dichter des „Kuss“ und den Librettisten von Johann Strauss’ Oper „Ritter Paz- 
mann“, die im königlichen Opernhause neu einstudirt werden soll, MAX SCHILLINGS, 
den jugendlichen Componisten der Oper „Ingwelde“, die mit dem Ensemble der 
Schweriner Hofoper auch in unserem Opernhause einen so tiefgreifenden Erfolg er 
zielt hat, und endlich ANTON v. PERFALL, dessen Schauspiel „Die Krone“ im 
Hoftheater zur Aufführung gelangte. 
Die drei besten und schönsten Tänzerinnen des königlichen Opernhauses, die 
Damen DELL’ ERA, KIERSCFINER und URBANSKA werden das Interesse des 
Publikums ganz besonders auf sich lenken. Es gab eine Zeit, wo man über das ehr 
würdige Alter der Damen vom Ballet der Hofoper ganz berechtigte Scherze machen 
durfte. Dass heutzutage derartige Scherze absolut nicht mehr am Platze wären, 
beweisen die drei Damen, deren Anmuth, Schönheit und Jugend vollauf mit ihrer 
Kunst zu wetteifern vermögen. 
Im Apollo-Theater herrscht augenblicklich „Frau Luna“, die lustige, ein- 
actige Operette von Bolten-Bäckers, mit der prickelnden Musik von Paul Lincke. Die 
glänzende Ausstattung und die treffliche Darstellung des Werkes üben auf das 
Publikum die stärkste Anziehungskraft aus. 
Einige „Berliner Modelle" und eine allerliebste Babies-Conferenz auf einem 
Spielplatz im Thiergarten vervollständigen den Inhalt unserer heutigen Nummer, die 
also an Mannigfaltigkeit kaum etwas zu wünschen lässt. Max schoenau.
        
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