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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

dem Kreuzberg Aufstellung gefunden hat. In den anmuthigen, von dem zierlichen 
Wasserfall durchrauschten Parkanlagen konnten die Bildnisse von den sechs Dichtern 
und Sängern aus den Befreiungskriegen Theodor v. Körner, Ludwig Uhland, Friedrich 
Rückert, Ernst Moritz Arndt, Heinrich v. Kleist und Max v. Schenkcndorf sehr stim 
mungsvoll wirken, wenn man ihnen nicht gerade die Form von Hermen gegeben hätte. 
Die Herme hat eine Berechtigung, sobald der Säulenstumpf nur dem bis zum Brust 
ansatz gemeisselten Kopf zur Stütze dient. Hat man aber, wie hier, den ganzen Ober 
körper mit den Armen und in der Gewandung der Zeit herausgearbeitet, so muss der 
kahle Stumpf, in den der lebendig bewegte Körper ausläuft, todt und unnatürlich wirken. 
Davon abgesehen haben die Schöpfer der einzelnen Bildwerke, die Herren M. Kruse- 
Lietzenburg, Hans Latt, Ferdinand Lepke, E. Wenk, Carl Pracht und Alfred Reichel, 
ganz vortreffliche und mit künstlerischer Feinheit durchgeführte Leistungen geboten. 
Aus der musikalischen Chronik des verflossenen Monats haben wir eine Anzahl 
Charakterköpfe zusammcngestcllt, unter denen das Bild Professor JOSEF JOACIIIM’S 
in erster Reihe das Interesse auf sich lenkt. Der Geigerkönig hat im April sein fünfzig 
jähriges Künstlerjubiläum gefeiert und bei dem Festconeert in der Philharmonie brachte 
das ganze musikalische Berlin seine Huldigungen dem Manne dar, dem noch heute 
kein anderer Geiger Beethovens herrliches Violinenconcert nachzuspielen vermag. 
Technisch mag ihm ja der eine oder der andere von den Jüngeren „über“ sein, an 
geistiger Klarheit und Tiefe kommt keiner dem klassischen Geiger gleich, der als 
Künstler und als Mensch dem Musikleben Berlins seihe kraftvolle -Prägung' aufgedrückt' 
hat. Auch der Franzose FERNAND LE BORNE dürfte nicht fehlen, dessen Oper 
„Mudärra“ im königlichen Opernhause mit freundlichem Erfolge.in Scene gegangen ist. 
Es war das erste Mal, dass das Werk eines französischen Componistcn seine allererste: 
Aufführung in der Berliner Hofoper erlebte, und der Gastfreundschaft, die der Kaiser 
damit in seinem Hause dem. Fremden gewährte, gab der Monarch-noch eine höhere • 
Bedeutung dadurch, dass .er Herrn. Le Borne durch die Verleihung des Kronenordens: 
auszeichnetc. Dr. FRANZ WÜLLNER, der geistvolle Liedersänger, die .Cellovirtuosin • 
ELSA RÜGER, die erst kürzlich in einem Ho.fconeert mitwirkte, und. die Geigerin. 
IRMA SAENGER-SETH vervollständigen die Reihe dieser musikalischen Charaktcrküpl'e. 
Nach ihrem Gatten, den wir in unserer vorigen Nummer im Bilde'vorführten, 
bringen wir heute das Portrait von FRAU. PROFESSOR KONER, die selbst eine, 
sehr bedeutende Malerin ist und die ihr Können durchaus, unabhängig .von'dem. Wirken 
ihres Gatten bethätigt. 
Den armen verwaisten. Kindern nicht nur Obdach, Nahrung, und Kleidung zu 
gewähren, sondern sie auch vergessen z.ü machen, wie einsam und hilflos sie in der 
Welt dastchcn, das ist die schöne Pflicht der Humanität, die von der Verwaltung 
unserer städtischen Waisenhäuser gern und willig geübt wird. Unser Bild aus dem 
Friedrichs-Waisenhause in Ru mrnelsburg zeigt, dass man den Kindern dort 
ausser der kargen Nothw.endigkeit auch die kleinen Freuden des Lebens zu bieten sucht. 
In lustigem Spiel tummeln sich die Zöglinge der Anstalt auf dem Hofe und auf dem 
See üben sie im Rudern ihre Kräfte. So werden sie im Waisenhause nicht nur. für 
einen praktischen Beruf vorbereitet, sondern man fördert auch ihre körperliche Gesund 
heit, damit sie sich später den Anforderungen des Lebens gewachsen zeigen. 
Als ALMA FOIISTRÖM, die jetzige kaiserlich russische Hofopernsängerin, vor 
einer Reihe von Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, erregte sie durch den 
keuschen Timbre ihres Organs, durch ihre virtuose Coloratur und durch ihre liebliche, 
mädchenhafte Erscheinung fast dasselbe Aufsehen, wie einst Etelka Gerster. Die 
Künstlerin, die dann ..einige Zeit der Bühne fern blieb, ist jetzt als Gast im Theater des 
Westens zu uns zuriickgekelirt und hat wieder die „Traviata“, die „Dinorah“ und 
andere ihrer Glanzrollen gesungen. Alma Fohströms stimmliche Mittel zeigten sich 
dabei noch fast unversehrt und ihre Fertigkeit im Kunstgesang verblüfft heute wie 
damals unser Ohr. 
EMIL THOMAS ist beute unbestritten der kraftvollste und eigenartigste Vertreter 
des Berliner Humors. Er ist mehr als ein grosser Komiker, er ist ein wirklicher 
Schauspieler, ein Künstler, der zu chaiakterisiren und eine Gestalt aus dem Vollen 
zu schallen vermag. Sein Schmierendir.ector Stricsc im „Raub der Sabinerinnen“, der zu 
seinen Paraderollen gehört, ist eine komische Studie, die trotz ihrer grotesken Wirkung 
mit sehr sorgfältiger Kunst herausgearbeitet ist. Komisch ist Emil Thomas immer, 
selbst wenn er nur mit den landesüblichen Mittelchen, wie als Schneider Schiddebokl 
in „Sehiddebolds Engel“ zu wirken hat. Schauspielerisch ist er aus der Schule Heinrich 
Maries hervorgegangen und die fünfzehn Jahre, die er während der Glanzzeit des Ham 
burger Thalia-Theaters an dieser Bühne thätig war, haben ihn zum echten Künstler 
gemacht. Dass Emil Thomas sich später um des Gelderwerbs willen oft mit Aufgaben 
beschäftigen musste,di'e auch Kleinere hätten bewältigen können, brachte der unabweisbare 
Zwang des Lebens mit sich. Als er im vorigen Jahre in den Verband des Königlichen 
Schauspielhauses eintrat, konnte man die Hoffnung hegen, dass er sich dort einen 
Wirkungskreis schallen würde, der auch künstlerisch seiner würdig war. Emil Thomas 
wurde, denn auch dort, wie überall, sofort eine Zugkraft allerersten Ranges, aber 
Gründe, die der Kunst fernliegen, nöthigten ihn dann doch wieder, zur Berliner Posse 
zurückzukehren. Seien wir ihm jedoch dankbar, wo wir ihn auch sehen, denn er gehört 
zu den Wenigen, die uns mit einem. Blick, mit einer Ilandbewcgung nicht blos zum 
lauten Lachen, sondern auch zum leiseren Lächeln zu bringen vermögen. Und das 
können nur die ganz Grossen. 
In FIANSI NIESE, der Wiener Künstlerin, lernte Berlin vor Jahresfrist eine 
Soubrette kennen, die man, soweit bei eigenartigen Naturen überhaupt von Aehnlich- 
k ei teil gesprochen werden darf, wohl als die Nachfolgerin der Gailmeyer bezeichnen 
könnte. Es steckt ein Stück weiblicher Komiker in dieser Darstellerin, deren frische 
Natürlichkeit in Scherz und Ernst stets Töne findet, die uns direkt zu Herzen gehen. 
In diesem Sommer wird ITansi Niese wieder längere Zeit in. Josef Jarno's neuem 
Schwank „Die Wahrsagerin“ gastiren, für dessen Aufführungen der Verfasser das Neue 
Theater auf einige Monate gepachtet hat. Im Winter kehrt Fräulein Niese wieder nach 
Wien zurück, aber ist sie erst Frau Jarno, wird sie sich hoffentlich auch künstlerisch 
dauernd sesshaft in Berlin machen. 
ADA M1LAN1 und WILLI WALDEN, die zwei Soubretten des Apollo-Theaters 
sind den Berlinern schon von ihrem früheren Auftreten in. Berlin bekannt. Beide wirken 
jetzt zusammen in der neuen Operette „Frau Luna“, mit der diese Bühne den Sommer 
über ihr Publikum zu unterhalten gedenkt. Max sahoenau.
        
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