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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

D ie „Freie Bühne“, die jetzt gerade vor zehn Jahren, am 10. April 1889, in’s 
Leben gerufen wurde, besteht noch immer, aber sie bethätigt sich nur noch 
selten in der Oeffentlichkeit. Sie hat sich überlebt im besten Sinne, denn 
sie hat so ganz und gar ihren Zweck erfüllt, dass ihr eigentlich zu thun fast 
nichts mehr übrig bleibt. Als eine Waffe zu fröhlichem Kampf wurde die „Freie 
Bühne“ vor einem Dezennium von den zehn Männern gegründet, deren Bilder wir 
heute bringen. Sie sollte das scharfe Schwert sein, um das Unkraut verfilzten Vor- 
urtheils auszuroden, das dem Auf keimen einer neuen Richtung in der Litteratur 
hindernd und hemmend den Weg zum Licht versperrte. Was die deutsche Jugend 
von Ibsen, Zola und Tolstoi in sich aufgesogen hatte, das wollte sie nun bethätigen 
in eigenem Schaffen. Der Ruf nach Wahrheit hallte durch das Land, alle Fesseln der 
Konvention sollten abgeschüttelt werden, aber die kühnen Stürmer und Dränger stiessen 
zunächst überall gegen verschlossene Thüren. Die Theater, die in Berlin wie überall 
nur dem Erfolge nachlaufen, ihm aber nie die Wege öffnen, verschlossen sich skeptisch 
und ablehnend vor den neuen Dichtungen, und damit seine „Nora“ im Residenz- 
Theater aufgeführt wurde, musste sich selbst Henrik Ibsen dazu bequemen, den Schluss 
seiner Dichtung in „versöhnlichem“ Sinne zu vergewaltigen. In dieser Zeit der Noth 
wurde die „Freie Bühne“ gegründet, um dem Neuen ein Sprachrohr zu werden, damit es 
von dem Alten nicht einfach todtgeschwiegen würde. OTTO BRAHM, der heute Direktor 
des „Deutschen Theaters“ ist, PAUL SCHLENTHER, der jetzt das Wiener Burg 
theater leitet, MAXIMILIAN HARDEN, die Brüder HEINRICH und JULIUS HART, 
JULIUS STETTENHEIM, THEODOR WOLFF, heute der Pariser Korrespondent des 
Berliner Tageblatts“, GEORGE STOCKHAUSEN, Rechtsanwalt PAUL JONAS und 
der Verla»'sbuchhändler S. FISCHER gründeten den Verein „Freie Bühne“, der für 
seine Ziele durch Herausgabe einer Monatsschrift und zugleich durch die Veranstaltung 
dramatischer Aufführungen für die Vereinsmitglieder Propaganda zu machen suchte. 
Es ist bekannt, wie gewaltig der Erfolg des jungen Unternehmens sich gleich in den 
ersten Jahren ’ gestaltete. Wir lernten Ibsen's „Nora“ in ihrer ursprünglichen Form, 
Tolstoi’s Macht der Finsterniss“, Max Halbe und vor Allem Gerhart Hauptmann 
kennen der so recht eigentlich der Krystallisationskern der „Freien Bühne“ wurde. 
nachdem Theodor Fontane ihn zuerst entdeckt und die Anderen auf seine Bedeutung hin 
gewiesen hatte. Der Einfluss, den die „Freie Bühne“ in dieser Weise auf die Klärung 
des litterarischen Geschmacks in Deutschland ausübte, war ein ganz ausserordentlicher. 
Dem Guten und Bleibenden, was die neue Strömung an die Oberfläche gebracht hat 
und noch bringt, verschliesst sich heute kaum noch eine der grossen Berliner Bühnen, 
das Kleine und Vergängliche, das sich dazwischen drängte, ist von der Zeit selbst 
verständlich längst wieder weggeschwemmt worden. Als Otto Brahm die Leitung des 
„Deutschen Theaters“ übernahm, wurde die „Freie Bühne“ entbehrlich, denn nun 
öffnete das vornehmste Privattheater Berlins der neuen Kunst weit seine Thüren. 
Aber jetzt, an ihrem zehnten Gedenktage, muss der „Freien Bühne“ und ihrer Gründer 
mit ehrendster Anerkennung gedacht werden, denn sie hat nicht nur die neuere 
realistische Dichtung aus der Taufe gehoben, sondern damit auch die Schauspielkunst 
vor neue Aufgaben gestellt, an deren Hand sie den Weg zur Wahrheit und zur Ein 
fachheit der Natur zuriie^fand. 
Aus dem Prachtbau des Königlichen Schlosses, das in seinen wesentlichsten 
Theilen eine Schöpfung des genialen Schlüter ist, führen wir unseren Lesern heute 
den im wundervollsten Barockstil ausgeführten Thronsaal, der beiden grossen Fest 
lichkeiten des Hofes stets eine hervorragende Rolle spielt, vor. — In die Hofgesellschaft 
führt uns auch das daneben stehende Bild, das den bayrischen Gesandten Graf 
zu LERCHENFELD-KOEFERING, den sächsischen Gesandten Dr. Graf von LIOHEN- 
TLIAL und BERGEN, sowie die Herren Herzog von RATIBOR, Freiherr v. Ritter zu 
GRÜNSTEIN und Baron v. AXTER bei einem gemüthlichen kleinen Frühstück in dem 
zugleich vornehm und behaglich ausgestatteten Speisesaal der bayrischen Gesandschaft 
vereinigt zeigt. Die Grafen Lerchenfeld und Hohenthal gehören seit Jahren zu den 
besonders beliebten und sympathischen Mitgliedern unserer Hofgesellschaft. 
Das grösste Interesse dürften diesmal auch die Bilder von den hervorragendsten 
Mitgliedern der russischen Schauspielgesellschaft bilden, welche dieser Tage 
im Lessing-Theater ein längeres Gastspiel begonnen hat. Im Mittelpunkt dieser Truppe 
steht MARIA GABRILOWNA SAVINA vom kaiserlichen Alexandratheater in Petersburg, 
die seit Jahren als die hervorragendste Schauspielerin Russlands gilt. Frau Sawina ist
        
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