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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

sowie der FÜRST PLESS, der mit seiner schönen Gattin und anmuthigen Tochter 
jedem Sport zugcneigt ist und in der Rennsaison zu Baden-Baden durch die Eleganz 
seiner Gespanne allgemeine Bewunderung erregt. 
Sehr häufig erscheint der Kaiser als Jagdgast bei dem Amtsrath VON DIETZE- 
BARBY, dem hochbetagten früheren freikonservativen Abgeordneten, dessen Feld 
kulturen die schönsten der Provinz Sachsen sind. Hierher kommen englische und fran 
zösische Landwirthe, um auf den Musterwirtschaften zu studiren und die Resultate 
deutscher Landbaukunde und deutscher landwirtschaftlicher Ingenieurkunst nach 
Albion und Frankreich zu verpflanzen. In Herrn von Dietze’s Jagdrevieren giebt es 
notorisch die fettesten Hasen, da die gefrässigen Sprösslinge der Familie Lampe hier 
an dem Kraute der Zuckerrüben ein wahres Mastfutter finden — die Gourmands aller 
dings ziehen die kleinen, zarten Tigelhäslein vor. Ehe Kaiser Wilhelm beim Amtsrath 
von Dietze eintrifft, lässt dieser seine vom Dampfpfluge aufgerissenen Latifundien für 
den Jagdpfad seines fürstlichen Gastes durch eine Walze ebnen und erzielt dadurch 
nicht nur einen bequemen Weg für die Jagdgesellschaft, sondern auch das schussbare 
Wild zieht es vor, diesen Weg leicht „anzunehmen.“ Die Hasenjagden beim Amtsrath 
von Dietze stehen in ihrem Wildreichthum, in der Ausdehnung des Terrains und in 
der grossartigen Gastfreundschaft ihres Besitzers einzig da. Durch den kaiserlichen 
Besuch wird ferner der Kammerherr und Schlosshauptmann FREIHERR VON 
ALVENSLEBEN-NEU-GATTERSLEBEN vielfach ausgezeichnet. Hier hat der Kaiser 
wiederholt Schiessresultate erzielt, die in den Annalen des deutschen Waidmannthums 
einzig dastehen. Freiherr von Alvensleben ist bekannt als sicherster Four-in-hand- 
Fahrer, dessen Vierergespanne an die Dressur der ungarischen Czikos-Posten erinnern 
und der, anstatt die unbequeme und langweilige Eisenbahn zu benutzen, oft von den 
von ihm besuchten Trabrennen — er ist im Vorstand des Trabrennvereins — mit 
seinen Viererzügen nach Hause fährt. 
Der feierliche Moment der neuen Verleihung und Weihe der Fahnen, welchem 
der Kaiser am Neujahrstage des neuen Jahrhunderts im Lichthofe des Zeughauses 
beiwohnte, ist von uns in einem Vollbilde festgehalten worden. Es lag eine erhebende 
Weihestimmung über der militärischen Versammlung, als der Kaiser mit tiefgesenktem 
Haupte zum Herrn der Heerschaaren betete und die betreffenden Mannschaften auf 
die Kniee sanken. Die ganze kaiserliche Familie, auch die kleine Prinzessin, hat dem 
religiösen Akte beigewohnt. 
Zwei verschiedene Meister der bildenden Künste zeigen wir unseren Lesern aut 
den folgenden Blättern: PETER BREUER, den Schöpfer der Johann Sigismund- 
Gruppe in der Sieges-Allee und des herrlichen Bildwerkes „Adam und Eva“, 
welches eine der reifsten Früchte deutscher Skulptur, eine Zierde der Pariser Aus 
stellung werden wird. Auf dem einen Blatte sehen wir das Atelier des Bildhauers, 
auf dem anderen erscheint das kraftvolle Kunstwerk selbst, das in der Harmonie der 
Formen und in der genialen Eigenart der Conception dem Künstler gewiss den ein 
stimmigen Beifall der internationalen Gesellschaft bringen wird, die sich im Frühjahr 
in Paris versammelt. Professor GUSTAV RICHTER, der hochbegabte Bildnissmaler, 
der treffliche Meister von Kaiserbildern und Darsteller feiner Frauenköpfe, sehen wir 
umgeben von den letzten Werken seiner anmuthigen Kunst, die ihm auch manche 
humoristische Charge, wie den bekannten flotten „Taxameter-Kopf“ gelingen lässt. 
Als interessante Aktualität aus dem Reiche der Palette geben wir einige Ausschnitte 
aus dem wohlgelungenen LUDWIG KNAUSS - FESTE im Künstlerhause, welches die 
populären Figuren aus den zahlreichen Genrebildern des liebenswürdigen Künstlers 
zu einem wahren Augenschmaus für einen Schönheitskenner, wie es Professor LUDWIG 
PIETSCH ist, gemacht haben. 
Aus der Welt des Theaters und der Musik enthält unsere Bilderreihe Aufnahmen 
der werthvollsten Novitäten der jüngsten Zeit. Die jüngste Direktorenfirma der Reichs 
hauptstadt, die Herren JEAN KREN und ALFRED SCHÖNFELD, haben mit ihrer 
von wirklicher Heiterkeit durchströmten Gesangsposse „Im Himmelhof“ die Kunst 
gezeigt, das seit Jahren verödete Thalia-Theater allabendlich mit dem besten Berliner 
Publikum zu füllen und durch den Geschmack ihrer Ausstattung und den reizenden 
Trick der lebenden Ansichtspostkarten verdienten und andauernden Erfolg erzielt. Ein 
anderer Hof, das humorvolle Lustspiel „Der Tugendhof“ von RICHARD SKO- 
WRONNEK hat dem Lessingtheater wieder einmal einen Kassenmagneten gegeben 
und eine Reihe auswärtiger Bühnen, wie Hamburg, Breslau u. s. w., beeilte sich, das 
erfolgreiche Stück dieses stets seine eigenen Wege gehenden Bühnenpoeten zu erwerben, 
wie ja auch seine früheren tiefgründigen dramatischen Arbeiten, „Palastrevolution“, 
„Im Forsthause“, „Waidwund“, breite Spuren im Repertoire der deutschen Bühnen 
hinterlassen haben. 
„König Drosselbart“, die heitere Märchenoper von GUSTAV KULEN- 
KAMPFF hat sich bereits einen festen Platz im Spielplan des Königlichen Opern 
hauses erobert und das Lustspiel „Der Vielgeprüfte“ von WILHELM MEYER 
FÖRSTER macht im Deutschen Theater volle Häuser und zeigt den eifrig strebenden 
Autor des kraftvollen Dramas „Kriemhild“ sehr glücklich in einer humoristischen Arbeit. 
Einen naheliegenden, aber vortrefflichen Gedanken hat AXEL DELMAR ins 
Werk gesetzt, der sich bereits in eigenen Stücken, Opern texten und feinfühligen Re- 
censionen als ein guter Kenner des Theaterwesens erwiesen hat. Das verflossene 
Jahrhundert in seinen Haupt-Merk- und Lichtpunkten je durch ein charakteristisches 
Bühnenspiel darzustellen, sich dazu der geeigneten Autoren zu versichern, war ein 
glücklicher Einfall und der Erfolg des Einaktercyklus „Das deutsche Jahrhundert“ 
im Berliner Theater hat diesen Einfall als gut beglaubigt. Es kam dazu, dass der 
neue kluge Direktor dieser vielgeprüften Bühne, Paul Lindau, der frühere Intendant 
des Meininger Hoftheaters und intime Kenner des Theaters vor und hinter den 
Coulissen, seine reiche Regiekunst in den Dienst dieser dramatischen Säcularfeier 
stellte. So hat hierin ERNST WICFIERT, der mit seinem vielgegebenen Lustspiel 
„Ein Schritt vom Wege“ sich in die Reihe der begehrtesten Bühnenautoren stellte, 
dieses Mal mit dem einaktigen Lustspiel „Weimar“, in welchem Goethe auf die 
Scene tritt, einen freundlichen, ditterarischen Erfolg erzielt. In dem zweiten Stücke 
„Vorwärts“ zeichnete JOSEF LAUFF, der Dichter der schmetternden Hohenzollern- 
dramen, mit feiner, geschickter Hand eine knappe, aber äusserst wirkungsvolle Episode 
aus der Schlacht bei Waterloo, in welcher sich namentlich Albert Bassermann, als 
Blücher, durch meisterhafte Darstellung des volksthtimlichen Helden auszeichnete. Ein 
heisser dramatischer Puls pochte in GEORG ENGEL’s 1848er Revolutionsdrama 
„Sturmglocken" und die packenden Kriegsscencn aus dem französischen Feldzuge, 
die LUDWIG VON OMPTEDA, der gern gelesene Romanschriftsteller, unter dem Titel 
„Wörth“ herausbrachte, zeichneten in Ernst und Scherz Momente aus dem Soldaten- 
lebcn mit vielleicht ein wenig zu breitem Pinsel. Den Schluss des Abends bildete 
dann die interessante sociale Fanfare „Arbeit“ von LUDWIG JACOBOWSKI, der 
sich in seinem Drama „Diyab, der Narr“ und in seinem Roman „Loki“ als einer der 
kräftigsten und gedankenreichsten unter den jüngeren Poeten erwiesen hat. Von zweien 
der erfolgreichen Einakter geben wir die markantesten Scenen wieder. Die Bilder 
von GUSTAV KADELBURG, dem liebenswürdigen Schauspieler und Lustspielpoeten 
und von ADOLPH L’ARRONGE mit kluger Gattin und anmuthiger Tochter in seinem 
schönen Pleim, zeigen zwei geistesverwandte Schriftsteller, die sich neuerdings die 
Bühne des Königlichen Schauspielhauses siegreich erobert haben. — Das musi 
kalische Brüderpaar HEINRICH und ALFRED GRÜNFELD hat erst vor Kurzem 
wieder in einem Concert mit seinen süssen Weisen die Herzen aller Hörer gefangen 
genommen und der letztere sogar den losen Spötter Oskar Blumenthal zu einer 
Vershymne begeistert. — Nach dem grossen Erfolge des APOLLO -THEATERS mit 
dem Ausstattungsstück'„Aus dem Reiche des Indra“ bringen wir die pikanten und 
reizenden Darstellerinnen der Hauptrollen in den wohlgetroffenen Portraits ihrer 
eleganten Erscheinung. — Von jenseits der Vogesen herüber leuchtet das Schelmen 
gesicht von GEORGES FEYDEAU, der mit seinen etwas saftigen Spässen „Monsieur 
cliasse“, „Systeme Ribadier“ u. s. w. in unserem Residenztheater schnell heimisch ge 
worden ist, und nun mit der tollen Posse „Die Dame von Maxim“ den höchsten 
Record an humoristischer Erotik erreicht hat. Derartige Lachstürme, wie sie RICHARD 
ALEXANDER jetzt im Residenztheater als Petypon hervorruft, sind wohl geeignet, 
uns eine Weile lang dies Leben im rosigsten Lichte erscheinen zu lassen, alle Mühen 
des Alltagslebens zu vergessen und sich nur noch an den schönen Frauenköpfen zu 
begeistern, die das „Berliner Leben“ hier und in der Wirklichkeit angenehm machen. 
Gotthilf Weisstein.
        
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