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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

W aidmannsheil! — Der fröhliche Jagdruf erklingt in dem Herzen jedes 
Hohenzollersprossen und nur wenige unter diesen waren, die sich vom 
edlen Waidwerk abwandten. Unser Kaiser ist Waidmann mit Leib und 
Seele, keine Jagd ist ihm zu schwierig, keine körperliche Anstrengung 
ist ihm zu gross, andererseits ist ihm kein Wild zu klein oder zu unerheblich, um es 
nicht als Jagdobject zu schätzen. Ob Kaiser Wilhelm in den thüringischen Wäldern 
als Gast der Sächsischen Herzoge von Weimar oder Meiningen auf die Auerhahnjagd 
o-eht ob er im heimischen Grunewalde die edlen Hirsche und capitalen Rehböcke aufs 
Visir nimmt, ob er ein Treibjagen auf Hasen oder nach Federwild jagt, er ist ein 
Nimrod vom Scheitel bis zur Sohle. Die Liebe zur schönen Natur, die zähe Energie 
seines Wollens, sein scharfes Auge und seine durchdringenden Kenntnisse der 
einzelnen Schusswaffen machen Kaiser Wilhelm zu einem Jäger seltener Art, der ja 
bekanntlich seiner Vorliebe für das Waidwerk dadurch Ausdruck gegeben hat, dass 
er vor einigen Jahren einen St. Hubertus-Orden gestiftet hat, dessen Inhabern eine 
eigene Jagduniform verliehen wurde. Der bekannte Jagdschriftsteller Wilhelm Jäger 
hat uns in dem Prachtwerke „Am Hofe Kaiser Wilhelm’s“ (Neuer Verlag, Berlin) 
eine ein°-ehende Schilderung von Kaiser Wilhelm’s Vorliebe für die Grünröcke ge 
geben die manche bisher unbekannte interessante Einzelheit seiner Jagdfreuden und 
Jao-dfreunde berichtet. Das Schiessbuch des Kaisers, der bereits vor zwei Jahren 
sein 25jähriges Jägerjubiläum feiern konnte, ist eine überaus inhaltreiche Chronik der 
kaiserlichen Jagderfolge. Seit jenem ersten Tage, da er als fünfzehnjähriger Prinz 
seinen ersten Fasan schoss — welche reiche Beute an Edelwild, welche an manchem 
seltenen Gethier und welche geradezu verblüffende Zahlen als Schiesserfolge! Neidlos 
erkennen selbst ältere, erfahrene Jäger den hohen Grad von Sicherheit und Kaltblütig 
keit an, die Kaiser Wilhelm auf der Jagd eignen und ob er selbst Jagdherr ist oder 
als Jao-'dgast erscheint, überallhin begleiten ihn die reichsten Erfolge. 
J \Vir bringen als erstes Bild ein Portrait des kaiserlichen Jagdherrn von der 
lelzten Hofja°d in der Göhrde im Hannoverschen und dann die Portraits seiner nächsten 
la^dfreunde.° Ein Augenzeuge schildert den Kaiser auf der Jagd folgendermaassen: 
J ° Die Jagdleidenschaft scheint dann sein ganzes Wesen noch mehr zu stählen. 
Die sonst meist blasse Gesichtsfarbe verschwindet und macht einem frischen Roth 
Platz' die nervige Rechte umspannt den Zügel des Rosses — wenn er sich bei der 
Hube'rtus-Jagd an die Spitze des rothen Feldes gesetzt hat, — mit mächtigen Sätzen 
eilt er allen" Jagdtheilnehmern voraus und unbekümmert um Hindernisse, wie ein 
Wild o-atter, giebt er dem Plerde die Sporen und springt mit einem mächtigen Satze, 
unbeachtet d°es schwierigen Terrains, über den mannshohen Zaun hinweg. . . .“ 
° J)as Göhrder Jagdschloss ist entzückend im Walde gelegen und geniesst seit 
längerer Zeit den Ruf eines der besten Jagdpunkte, da das wellige Haideterrain Ge 
lebenheit zum Abhalten aussergewöhnlich schöner Jagden giebt. Dort ist der Kaiser 
stets bei köstlicher Laune, seine Frische, sein angeborener Humor und seine fesselnde 
Liebenswürdigkeit bieten neben dem Jagdvergnügen selbst nicht geringen Genuss für 
die fürstlichen Jagdgäste, die aus der Nachbarschaft eingeladenen Grundbesitzer und 
die intimen kaiserlichen Freunde der Hofgesellschaft. 
Eine der wichtigsten Persönlichkeiten bei den kaiserlichen Hofjagden ist 
Se. Excellenz VON HEINTZE, der Ober-Jägermeister vom Dienst, der die Jagd in- 
stallirt, die Piqueure mit ihrer Meute zu organisiren hat und namentlich in der An 
weisung der fürstlichen Jagdgäste auf ihre Plätze mitunter keine leichte Aufgabe zu 
lösen hat. Je näher die Plätze dem Standorte des Kaisers, der gewöhnlich auf einer 
sogenannten Kanzel steht, gelegen sind, für um so ehrenvoller gelten sie. Da heisst 
es für Excellenz Heintze genau und mit sicherem Takte die Reihenfolgen und Stufen 
der Mitglieder der Hofgesellschaft abwägen und inne halten, dass keine Verstimmung 
Platz greift und die Jagdetiquette gegen die feinfühligen Cavaliere nicht verletzt wird. 
Nächst dem Kaiser gilt sein Schwager, der PRINZ ADOLF VON SCHAUMBURG 
LIPPE als einer der besten Schützen, besonders im freihändigen Schuss ohne Auflage. 
Früher bei den Bonner Husaren aktiv, steht der Prinz, jetzt ä la suite des 7. preussi- 
schen Jägerbataillons und ist Besitzer des Schauenburger Waldes, einer der herrlichsten 
Hochwildjagden, die es auf deutschen Jagdgründen giebt. Hier lebt in den Tiefen 
der einsamen rauschenden Wälder eine merkwürdige Wildart, die sonst fast nirgends 
vorkommt, die schwarzen Rehböcke, die einer Gemse ähneln, aber im Ansetzen ihres 
Gehörnes durchaus das Gepräge des Rehbockes tragen. Auch die beiden Vertrauten 
des Kaisers, der GENERAL VON HAHNKE, der Chef des Militär-Cabinets, der ein 
flussreichste Mann in Deutschland in Bezug auf das Heerwesen und der Chef des 
Civil-Cabinets, Wirkl. Geheimrath Dr. VON LUCANUS, sind häufige Jagdgäste des 
Kaisers und eifrige Jäger. Von den Ministern werden der greise Reichskanzler, 
FÜRST CHLODWIG VON HOHENLOHE, der landwirthschaftliche Minister FREI 
HERR VON HAMMERSTEIN - LOXTEN und der frühere Staasminister und Minister- 
Präsident VON EULENBURG, der ehemalige Gegner des Grafen Caprivi, vielfach 
zu den Jagden vom Kaiser eingeladen. Aus seiner näheren Umgebung führen wir 
noch den General der Artillerie, General-Adjutanten des Kaisers, den FÜRSTEN 
RADZIWILL an, der in Russland grosse, ausgedehnte Besitzungen hat, einen liebens 
würdigen, stets zum Scherzen aufgelegten älteren Herrn, der erst vor Kurzem dem 
Monarchen seinen jüngsten Sohn als Lieutenant im 13. Hannoverschen Königs-Ulanen- 
Regiment vorstellen konnte. Auch die beiden Grafen Wedel, der Oberstallmeister 
GRAF WEDEL, der dem kaiserlichen Marstall vorsteht und die hervorragendsten Ver 
dienste um die Hebung der deutschen Vollblutzucht hat, sowie der Hausminister GRAF 
VON WEDEL-P1ESDORFF, der Verwalter der kaiserlichen Schatulle, vertauschen gern die 
steife Hofuniform mit dem bequemen Jagdrock. Von den schlesischen Magnaten sind 
besonders zwei als eifrige Nimrods hervorzuheben, der FÜRST VON LICHNOWSKY
        
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