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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

warte, das Palais des Prinzen Karl, die Thorgebäude neben dem Brandenburger 
und die dorischen Tempeln ähnlichen Gebäude am Potsdamer Thor u. a. geschaffen 
hat. Ein Schinkel ebenbürtiger genialer Bildhauer war CHRISTIAN DANIEL 
RAUCH (1777—1857), der Schöpfer eines der edelsten Werke Berliner Kunst, des 
Grabdenkmals für die Königin Luise und der herrlichen Reiterstatue Friedrichs des 
Grossen mit dem figurenreichen Sockel. In anderer Weise ist Daniel Chodowiecki 
der Typus seiner Zeit, des achtzehnten Jahrhunderts, der im Kleinen gross, eine 
Culturgeschichte in Bildern, Kupfern und Zeichnungen speciell von Berliner Typen 
hinter-lassen hat. Das Blatt der Modekupfer von seiner Hand, welches den seiner Zeit 
überaus beliebten, alljährlich zu Dutzenden erscheinenden Taschenkalendern entstammt, 
zeigt uns, dass die Höhe und der phantastische Aufputz von Damenhüten und Damen 
frisuren, der Aufwand von Federn, bunten seidenen Bändern, von Spitzen und Rüschen, 
wie er uns heute als Betrachter theils ergötzt, theils zum Spott herausfordert, als bezahlen 
müssenden Freund oder Ehegatten aber nicht wenig in Harnisch bringt, auch schon vor 
hundert Jahren üblich und beliebt gewesen ist. Eine knorrige originelle Künstlernatur war 
der Bildhauer JOHANN GOTTFRIED SCHADOW (1764—1850), einer der fleissigsten 
Künstler seiner Zeit. Sein Denkmal des Grafen von der Mark in der hiesigen Dorotheen 
städtischen Kirche zeigt ihn beijeits in der strengen Formengebpng der Antike. Sein 
Werk ist die Quadriga auf dem Brandenburger Thor, deren Zurückführung nach Berlin 
unser letztes Bild lebendig darstellt. Seine Statue des Generals von Zieten auf dem 
Wilhelmsplatze ist die erste historisch-realistische Portraitstatue der neueren Kunst, 
unsere Leser finden sie nebst den anderen Typen der Generale Friedrichs des Grossen 
auf dem vorletzten Blatte. Von dem Kleinmeister FRIEDRICH WILHELM GUBITZ 
(I786—1870), der die bei uns fast in Vergessenheit gerathene Kunst des künstlerischen 
Holzschnittes wieder zu hohen Ehren brachte und bereits als Neunzehnjähriger einen 
Lehrstuhl in der Akademie der Künste erhielt, bringen wir einige der damals modischen 
bunt verzierten Visitenkärtchen und Entreebillets — wie nüchtern sind dagegen unsere 
heutigen! — Sonderbar, wie Spielfiguren für Kinder, muthen uns die Soldatentypen 
mit den Uniformen der Berliner Regimenter aus dem Jahre 1800 an und doch sind 
es die Träger dieser Uniformen, die die Befreiungskriege geschlagen haben, die die 
Schlacht bei Leipzig gewonnen haben — es sind eben unsere wackeren märkischen 
blauen Jungen, die wir hier, nur in den Paradeformen ihrer Zeit, gleichsam maskirt für 
unsere Augen, Wiedersehen. 
Auf einem Blatt vereinigt finden wir drei seitdem verschwundene Berliner Kirchen. 
Die Gertraudten-Kirche, auch Spittelkirche genannt, hat bis in unsere Tage auf 
dem Spittelmarkt gestanden. Sie war eine der ältesten Berlins, mit einer geringen 
Aenderung hat sie so bis zu ihrem Abbruch bestanden, als sie und die um sie herum 
sitzenden Fischweiber mit ihren wassergefüllten grossen „Tienen“ dem modernen Ver 
kehr weichen musste. Die Petri-Kirche wird schon im Jahre 1319 vom Bischof 
Johann von Brandenburg als eine Pfründe erwähnt. Friedrich Wilhelm I., der Soldaten 
könig, der Freund der „langen Kerls' 1 , liess sie erneuern und mit einem Thurme ver 
sehen. Dieser war schon an dreihundert Fuss hochgeführt, als am 29. Mai 1730 ein 
Blitz hineinfuhr und nicht nur das alte Kirchlein, sondern die nahe gelegene Schule 
und noch vierzig Häuser dazu verzehrte. Die alte Dom- und Schlosskirche, die 
am 6. September 1750 eingeweiht wurde, hat erst seit einigen Jahren dem neuen 
prächtigen Kirchenbau weichen müssen. Neben der Schlosskirche befand sich früher 
die nach einer alten Abbildung wiedergegebene Börse, das Profanste neben dem 
Heiligsten — im Lustgarten „an der Pomeranzenbrücke.“ Das alte Berliner Rathhaus 
befand sich in der Königstrasse No. 15 und das Neue Exercierhaus in der Leipziger 
strasse hinter der Porzellanfabrik, die Windmühle etwa auf dem Johannistisch, dem 
jetzigen Planufer gegenüber. Die Ansichten von der Hasenhaide, die damals noch 
wirklich eine Haide war (Louis Angely dichtete darauf einen oft gespielten sehr 
lustigen Schwank „Die Hasen in der Hasenhaide“) und die Blicke auf Berlin von den 
Rollbergen aus — der Name Rollkrug vor dem Kottbuser Thor existirt heute noch — 
und vom Tempelhofer Berg aus, jetzt Kreuzberg geheissen — lassen das Berlin fast 
wie eine Gartenstadt erscheinen. Zwei besonders interessante Ansichten, die sich aus 
Alt-Berlin fröhlich erhalten haben, sind das alte Pagenhaus in der Holzgartenstrasse, 
in welchem ehemals ein Pagengouverneur mit 2 Hofmeistern, 2 Leib- und 6 Hotpagen 
wohnte und Kranzlers Ecke. Letztere ist trotz aller modernen Cafds immer noch 
der populärste Aufenthalt für unsere vornehme Gesellschaft, und kann, wie das Nachbar 
haus von GEROLD, auf eine lange ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken. Neben 
der Oper nahm das Neue Schauspielhaus in Berlin den ersten Rang der Beliebt 
heit ein. Im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses stand AUGUST WILHELM 
IM 1 LAND (1759—1814), der seit 1796 Direktor des Theaters war, ein Darsteller von 
Kraft, Leidenschaft und Würde, auch im bürgerlichen, „rührenden“ Schauspiel ein 
Dramatiker, der seine Zeit zu treffen verstand. In Mannheim, von wo aus er nach 
Berlin kam, war er der erste Franz Moor gewesen, in welcher Rolle er hier im Bilde 
erscheint, ebenso als „Luther“ in dem Wernerschen Drama „Die Weihe der Kraft“. 
Neben ihm stand FRIEDRICH FERDINAND FLECK (1757—1801), dessen Hauptfach 
kraftvolle Helden und Väter waren. Sein Wallenstein, dessen Bild wir bringen, sein 
Carl Moor waren berühmte Leistungen. Er hatte noch unter Direktor DÖBBELIN 
(1777—1793) gewirkt, dessen Theater sich etwa an der Stelle des heutigen Metropol 
theaters befand und der als der Schöpfer des modernen Berliner Theaterwesens an 
gesehen werden kann. In diesem Theater hat jene Ilamletvorstellung stattgefunden, 
deren Hauptscene Chodowiecki unter dem Titel „Die Mausefalle“ verewigt hat, und 
wo BROCKMANN den Hamlet spielte, Döbbelin den Geist, Döbbelin’s Tochter die 
Ophelia. Diese Vorstellung ist dadurch merkwürdig, dass hier zuerst, der Fall eintrat, 
dass ein Schauspieler, eben Brockmann-Hamlet, herausgerufen wurde. Fleck’s Gattin, 
LOUISE FLECK, geb. Mühl, war gleichfalls eine bedeutende, durch reiche Mittel unter 
stützte Künstlerin, deren Wahrheit in der Darstellung gerühmt wird. BESCHORT 
gehörte zu den ersten Künstlern der Berliner Bühne. Er hatte ein weiches Organ, 
einen edlen Anstand im Auftreten. Von Madame MEYER, deren Bildniss als Merope 
(von Voltaire) wir bringen, wird berichtet, dass sie besonders in der Mimik hervorragte 
und naive Landmädchen so gut spielte, wie tragische Heldinnen. MARGARETHE 
SCHICK war eine der bedeutendsten dramatischen Sängerinnen ihrer Zeit. FRIEDERIKE 
BE1HMANN, die später Madame Unzelmann wurde, gehörte zu den Lieblingen des 
Berliner Publikums. Der Umfang ihres Talents war so bewundernswürdig, schreibt ein 
Chronist, als die Kunst ihrer Darstellung. Als Orsina, Eboli, Gurli, Nina, Ophelia weiss 
sie die Zuschauer zu bezaubern und durch eine Illusion mit sich hinzureissen, die uns 
die Wirklichkeit vergessen lässt. Eine leichte Grazie schwebt um alle ihre Bewegungen 
und bildet den Hauptcharakter ihres Spiels. 
Aus dem weiteren Bilderschmuck des vorliegenden Säkularheftes greifen wir noch 
zwei charakteristische Bilder heraus. Mit so vielem Alten ist auch der Stralauer 
rischzug so ziemlich zu Ende gegangen. Damals war er, an jedem 24. August, 
wiederum ein neues Fest, ein Volksfest für ganz Berlin. Morgens um 5 Uhr wurde 
nach uralter Sitte unter Pauken- und Trompetenschall das Netz dreimal, für den 
Berliner Magistrat, für den Prediger und für den Aeltesten des Dorfes, ausgeworfen. 
Den ganzen Tag über war aber ein lustiges Treiben auf der Wiese, an der Spree und 
um die alte Kirche herum, wo lange Budenreihen mit Ess- und Trinkwaaren und aller 
lei Sehenswürdigkeiten aufgestellt waren. Unser altes Bild zeigt, wie Alt und Jung, 
Honoratioren und Volk sich an dem sommerlichen Vergnügen betheiligten, das sogar 
in jener Zeit vielfach dichterisch verwerthet worden ist. Ein Gegenstück hierzu 
bildet der alte Berliner Weihnachtsmarkt mit seinem Lichterglanz und Tannen 
duft, der seit dem Jahre 1750 nach der Breitenstrasse und der Umgebung des Schlosses 
verlegt wurde, von wo er auch längst hat weichen müssen. Vielfach besuchte der Hol 
die Budenreihen, die jungen Prinzen machten sich ein Vergnügen daraus, sich wohl 
riechendes Wasser, Parfüm, zu kaufen und damit die Berliner Schönen anzuspritzen. 
Friedrich Wilhelm 111. und Königin Luise besuchten den Weihnachtsmarkt mit Vor 
liebe und kauften gerne Kleiderstoffe für ihre Bediensteten und Spielzeug für ihre 
Kinder ein. 
Und mit diesem heiteren Bilde wollen wir das liebe Alt-Berlin verlassen und unsern 
Freunden im schönen neuen Berlin zurufen: Ein fröhliches neues Jahrhundert 1900! 
Gotthilf Weisstein. 
Die Originale der meisten hier mitgetheilten Abbildungen befinden sich in der 
Privatsammlung des Herrn Hofantiquars Max Mai.
        
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