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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

lieder der Preussen“, seine „Preussische Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und I757“, 
die er unter der Maske eines preussischen Grenadiers mit ehrlicher Begeisterung für 
Friedrich den Grossen und die Seinen erst auf einzelnen Blättern in die Welt hinaus 
flattern liess, und die dann, zu einem Büchlein gesammelt, kein geringerer als Lessing 
in die Litteratur eingeführt hatte, seit sechs Dezennien seine Stimme für Preussens 
Vormacht in Deutschland erhoben. Indem Königin Luise in der letzten Zeile den „alten 
Grenadier“ als den Ossian der Hohenzollern feiert, erneuert sie das Andenken eines 
alten mythischen schottischen Barden und Ilcldensängers, für den ganz Deutschland 
in der Wertherzeit geschwärmt hat. 
Die Nachbildung eines reich von charakteristischer Staffage belebten seltenen 
Blattes von CARL FRIEDRICH SCHINKEL (1781 —1841) lässt uns einen freieren Blick 
auf das alte Königliche Opernhaus werfen. Wir sehen, dass zu jener Zeit auch 
an der der Königlichen Bibliothek zugewendeten Front des unter Friedrich dem Grossen 
von dem genialen Baumeister GEORG WENCESLAUS VON KNOBELSDORFF — 
dessen wohlgetroffenes Porträt auf einem späteren Blatte erscheint — erbauten Theater 
palastes sich eine Freitreppe befand, und nicht ohne Verwunderung gewahren wir im 
Vordergründe die auf einem plumpen Holzschaft aufragende einzige Laterne auf dem 
Opernplatze, die noch an der Freitreppe ein kümmerliches Gegenstück aufweist. Welch’ 
weiter Weg der Entwickelung von diesen Oellämpchen bis zu der heutigen elektrischen 
Lichtfluth vor dem Opernhause! Zur Carnevalszeit wurden im Opernhause auf könig 
liche Kosten und gegen freien Eintritt grosse italienische Opern, Ballets und Rcdouten, 
d. h. Kostüm- und Maskenfeste gegeben. Hierzu wurde dann der Fussboden des Parquets 
mit dem des Theaters durch ein Maschinenwerk auf gleiche Höhe gebracht, alle Coulissen 
weggeschafft, sodass das ganze grosse Gebäude einen mächtigen Tanz- und Festsaal 
bildete, der noch mehr Menschen aufnehmen konnte, als in der Gestalt des Theater 
saals. Im Carneval fanden im Ganzen acht Vorstellungen statt, aber nur zwei ver 
schiedene grosse italienische Opern mit reich ausgestatteten Ballets wurden gegeben. 
Später wurden dann noch vier Vorstellungen zum Besten der Armen gegeben, zu denen 
auch gegen bezahlte Billets der Andrang immer noch gewaltig war. Ueber die Carne- 
valslustbarkeiten des Jahres 1800, die am 20. Januar ihren Anfang nahmen, berichtet 
ein zeitgenössischer Chronist höchst naiv: „Es wurde die erste grosse italienische Oper 
Semiramis, nach Voltaire bearbeitet, vom Kapellmeister HIMMEL componirt, 
gegeben. Die Musik ist vorzüglich, in einzelnen Theilen sehr schön (!) und die Vor 
stellung im Ganzen verdiente viel Beifall. Die Dekorationen waren im Ganzen, wenn 
auch nicht immer richtig gezeichnet, doch schön und gross. Nach Beendigung der 
Oper wurde ein heroisch-pantomimisches Ballet Marpesia und Argabyses oder der 
Triumph der Liebe am Thermodon vom Herrn Balletmeister Lauchery gegeben, 
in welcher s;ch Madame Redwen Clauce als Königin .der Amazonen, Mlle. Engel 
als Venus, Madame Telle als Talestris und Herr Düponcelle als Argabyses aus 
zeichneten. Das Ballet selbst übrigens machte wenig Wirkung, weil die Handlung sich 
nicht ganz zu Pantomimen schickte und keiner vollständigen Versinnlichung fähig war ; 
ein Fehler, der die Ballete des Herrn Lauchery oft um ihre Wirkung bringt. Am 
folgenden Tage war im grossen Opernhause die erste Maskerade, welche zwar 
sehr zahlreich besucht wurde, und worauf selbst der Hof zugegen war, aber doch wegen 
der Nachlässigkeit in der Kleidung vieler Masken die königliche Verordnung nach sich 
zog, in welcher das Tragen runder Hüte in der Maskerade, unanständige Masken und 
Nachlässigkeit in Kleidungen untersagt wird." Man sieht, die kritische Nörgelsucht 
unserer lieben Berliner und die Salopperie in der Kleidung — man beachte unsere 
Premieren — hat sich in diesen letzten hundert Jahren wenig geändert. Als die Ver 
treter der guten Conzertmusik in Alt-Berlin führen wir zwei Porträts hervorragender 
Musiker vor. Die Singakademie wurde von CARL FRIEDRICH CHRISTIAN FASCH 
(1736—1800) im Jahre 1792 begründet und nach dessen Tode von CARL FRIEDRICH 
ZELTER (1758—1832) weitergeführt. Die Mitglieder der Singakademie bestanden aus 
Damen und Herren der Gesellschaft, die die entstehenden Kosten gemeinschaft 
lich trugen. Sie versammelten sich jeden Dienstag, um sich, „bloss aus Liebe 
zur Kunst“, im Singen zu üben, zu welchem Zwecke ausschliesslich solche Com- 
positionen gewählt wurden, welche nur der Begleitung eines Flügels bedürfen. 
ZELTER selbst war eine höchst originelle Persönlichkeit. Er war ursprünglich, dem 
Wunsche und dem Berufe seines Vaters folgend, Maurer geworden und trat erst als 
siebzehnjähriger Jüngling als Schüler von FASCH zur Musik über. Als Componist 
zahlreicher Lieder, auch vieler humoristischer, war er sehr beliebt; er gründete die 
Berliner Liedertafel und hat dann namentlich zahlreiche Lieder von GOETHE, mit dem 
ihn innige Freundschaft verband, auf Flügeln des Gesanges noch populärer gemacht. 
Zeugniss dieser Freundschaft ist sein in sechs starken Bänden vorliegender Brief 
wechsel mit Goethe, der als eine noch unausgeschöpfte Quelle zur Kunst-, Theater- 
und Literaturgeschichte Berlins einzig dastcht. Zelter musste dem Olympier über alle 
Vorgänge in Berlin ausführlich berichten und in seiner urwüchsigen, echt märkischen 
Art (er ist bei Potsdam geboren) nahm er in seinen Urthcilen und Anschauungen kein 
Blatt vor den Mund, was Goethe besonders schätzte. Dieser sagte einmal später: 
„Zelter kann bei der ersten Begegnung etwas sehr derb, ja sogar etwas roh erscheinen. 
Allein das ist nur äusserlich. Ich kenne kaum Jemand, der zugleich so zart wäre, wie 
Zelter. Und dabei muss man nicht vergessen, dass er über ein halbes Jahrhundert in 
Berlin zugebracht hat. Es lebt aber, wie ich an Allem merke, dort ein so verwegener 
Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern 
dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich 
über Wasser zu halten.“ Dies Urtheil des Altmeisters mag wohl zum Theil auch noch 
auf Neu-Berlin zutreffen. 
Eine grosse Zeit, die Zeit der patriotischen Erhebung steigt in unseren Gedanken 
auf, wenn wir das Bild des Philosophen und Patrioten JOHANN GOTTLIEB FICHTE 
(1762—1814) betrachten, der hier in Berlin seine berühmten „Reden an die deutsche Nation“ 
gehalten hat, die die vaterländische Begeisterung durch alle deutschen Marken getragen 
hat. Ein scharfer Denker wie Fichte, war ALEXANDER VON HUMBOLDT (1769—1859), 
der universellste der Naturforscher seiner Zeit, der in der Flora des mexikanischen 
Gebirges, wie in der Fauna des atlantischen Oceans Bescheid wusste, der der be 
schreibenden Naturforschung neue Bahnen wies und als eleganter Spötter in den 
Pariser Salons wie am Hofe des preussischen Königs gefürchtet war. Ein philosophischer 
Arzt war CHRISTIAN WILHELM HUFELAND (1762—-1836), der als Professor in Jena 
Schillers Freund und College war, und in Berlin des Königs Leibarzt wurde. Seine 
berühmte Makrobiotik, oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern, findet 
wohl auch heute noch gläubige Leser. Der freigeistige und feingeistige Theologe 
FRIEDRICH ERNST DANIEL SCHLEIERMACHER (1768-1834),'der Mitbegründer der 
Berliner Alma Mater, der durch die Romantiker in die Salons der Berliner „Schön 
geister“, wie man damals sagte, eingeführt worden war, namentlich bei Henriette Hertz, 
ist auch heute noch, nicht durch seine gelehrte und theologische Thätigkeit — seine 
Predigten in der Dreifaltigkeitskirche waren die besuchtesten Berlins — überaus populär. 
Schleiermacher war nämlich ein sehr geschickter und findiger Räthseldichter und 
viele der noch heute aufgegebenen Charaden und Räthsel rühren von ihm her. Er 
innert sei nur als Beispiel an die bekannten 
„Wir sind’s gewiss in vielen Dingen, 
In vielen andern sind wir’s nicht, 
Die sind’s, die wir zu Grabe bringen, 
Jedoch sie sind’s auch wieder nicht. 
Dieweil wir leben, sind wir’s eben 
■ Von Geist und auch von Angesicht, 
Dieweil wir leben, sind wir’s eben 
Zur Zeit noch nicht.“ 
Oder: „Ein Jeder hat’s, im Grabe ruht’s — der Herr befiehlt’s, der Kutscher thut’s.“ 
— Endlich: „In das Herz des grössten Weltbezwingers setz’ ein Du hinein, — Und es 
wird der grösste Leidensüberwinder gefunden sein.“ — Sehr belacht wurde seiner Zeit 
eine Karikatur auf Schleiermacher, der ein äusserst zierlicher kleiner Herr gewesen 
ist, und Henriette Hertz. Sie, eine grosse, junonische Gestalt, hielt in der Hand einen 
Strickbeutel oder Pompadour, der nichts anderes war, als der porträtähnlich getroffene 
puppenhafte Kopf des kleinen grossen Kanzelredners. In die Welt der bildenden Künste 
führt uns eine Reihe erster Namen. So der schon genannte grosse Architekt Schinkel, 
der dem Berlin Friedrich Wilhelms III. den Stempel seines von altklassischer Weihe 
erfüllten Genies aufgeprägt hat, der die Schlosswache, das Schauspielhaus, die Stern
        
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