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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

Berlin im Jahre isoo 
D as „Zeitalter des Verkehrs" war für die preussische Hauptstadt noch nicht 
angebrochen, als man die beiden Nullen zuletzt schrieb, die nun in wenigen 
Tagen wieder officiell werden sollen — 1900. Im Gegentheil, durch Stacltthore mit 
wirklichen Thorflügeln, die Abends geschlossen wurden, durch eng umschliessende 
Stadtmauern wurden die etwa 140000 Einwohner Berlins auf Haus und Hof, durch Polizei 
stunde und allerlei vorsintfluthiiche Verbote eingeengt auf ein kleinbürgerliches, be 
scheidenes Mittelmaass in Handel und Wandel, in Verkehr und Vergnügungen. Be 
trachten wir den Stadtplan des Berlin von 1800, so bemerken wir, dass die bebaute 
Fläche mit den seliliessenden Thoren zu Ende ist, ja selbst innerhalb der Mauern dehnen 
sich noch weite, unbebaute Strecken aus, im Südosten das Köpcnicker Feld, im Osten 
die Stralauer Vorstadt, die nur wenige bebaute Gässchen und Verkehrswege aufweist, 
im Norden ist die Berliner Stadtherrlichkeit hinter dem Oranienburger-, Rosenthaler- 
und Königsthor zu Ende, und der ganze Westen, der herrliche Westen, ist eitel Thier 
garten, fast Urwald. Vor dem Brandenburger und Potsdamer Thor sehen wir noch 
einige zierliche Anlagen, darunter den heute noch bestehenden „Philosophenweg“, und 
dann hat der Zeichner des Berliner Stadtplans seinen Stift hingelegt, weil er Nichts 
mehr des Zeichnens werth gefunden hat. Was wir heute nur noch dämmerig und 
unbewusst empfinden, fast kaum mehr sprechen, die Eintheilung Berlins in mehrere 
Städte oder Viertel, die in sich wieder gewissermaassen ein abgeschlossenes Leben 
führten, steht mit grossen Buchstaben auf dem Plan verzeichnet. Wir sprechen auch 
wohl noch von der Luisenstadt oder vom Potsdamer Viertel — hier sind aber noch 
genau die Namen der einzelnen Städte, die heute nur noch officiell als Wahlbezirke 
auftauclien — angegeben: Berlin, Alt-Cöln, Neu-Cöln, Friedrichstadt, Neustadt, Spandauer- 
und Köpenicker Viertel, Königstadt, Stralauer Vorstadt. Gab es doch erst wenige An 
länge zu einer Hausnumerirung — die erst im Beginn des neuen Jahrhunderts all 
gemeiner eingeführt zu werden begann — sodass die damaligen Berliner Adresskalender 
(der erste erschien 1706 noch als eine Art Staatshandbuch) sehr sonderbare Wohnungs 
bezeichnungen haben, etwa so: „Hr. Buchhändler Nicolai wohnt in der Brüderstrasse im 
eigenen Hause;“ der Schuhmacher Päpke „wohnt in der letzten Strasse (heute Dorotheen 
strasse) in des Apothekers Wilmsen Hause"; „Hr. Johann Benjamin Glasbach wohnt an 
der langen Brücke"; „Hr. Lorenz Haff, Formschneider, wohnt in der breiten Strasse im 
Aberdalischen Hause“ u. s. w. — Am conservativsten erhalten aus jener Zeit hat sich, 
was die Strassenzüge anbetrifft, die Friedrichsstadt. Wir erkennen sofort, ohne die 
Namen zu lesen, in den westlich und etwas südwestlich gelegenen Plätzen den Pariser 
und Potsdamer Platz (das „Viereck“ und „Achteck“), wir sehen noch heute vom 
„Rondeei“ (dem Belle-Alliance-Platz) die Wilhelms-, die Friedrichs- und die Linden 
strasse ausgehen; nicht umsonst ist der eigentliche Begründer dieses Stadtviertels 
Friedrich der Grosse gewesen, der mit genialem Vorblick seinen verdienten Beamten 
hier Baustellen schenkte und die Baufluchtlinien dieser Strassenzüge feststcllte. 
ln Einfachheit, patriarchalischem Familiensinn und bürgerlicher Sparsamkeit ging 
den Berlinern das Königspaar mit dem besten Beispiel voran. Nach seinem verschwen 
derischen Vorgänger war dessen Sohn FRIEDRICH WILHELM III (1797—1840) auf 
den 1 hron gelangt, und-der König und seine Gattin die' schöne, gütige, allem Edlen 
zugewandte Königin LUISE (Prinzessin von Mecklenburg - Strelitz) waren der Abgott 
der Berliner. Kaum ist vor ihm ein preussischer Monarch, kaum eine preussische 
Königin so viel von Dichtern besungen, von Künstlern nachgebildet worden, wie es mit 
diesem Fürstenpaar der Fall ist. Auf unserer Abbildung bringen wir zwei Gegenstücke, 
Meisterzeichnungen DANIEL CHODOWlECKI’s (1726—1801), zierliche Medaillons, die, 
nach anderen uns erhaltenen Abbildungen und Schilderungen von frappanter 
Aehnlichkeit sind. Bürgerlich, wie ihr Auftreten, war die Wohnung des König 
paares. Das Königliche Palais mit der uneleganten Fahrrampe vor dem Ein 
gang (nachmals das Palais des Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich) hat nichts 
Schlossartiges an sich, es macht den Eindruck, als wenn etwa ein vornehmer 
Privatmann hinter dieser schmucklosen Fa9ade .sein stilles Heim aufgeschlagen habe. 
In seinem Baustil sticht es kaum von dem Palais des Grafen Sacken oder des Fürsten 
Radziwill in der Wilhelmstrasse ab. Auch das „Neue Palais“ (das nachmalige etwas 
umgebaute Heim des alten Kaisers Wilhelm) bietet noch weniger äussere Eleganz und 
Schönheit des Baustils. Nüchtern und praktisch sticht es von gleichzeitigen Fürsten 
sitzen sächsischer, bairischer, österreichischer Monarchen erheblich ab. Wir bemerken 
von diesem „Palais“ aus, von wo die festliche Ausfährt des Königspaares stattfindet, 
offenbar um einen hohen fürstlichen Gast oder den willkommenen Gesandten einer 
einflussreichen befreundeten Macht officiell zu besuchen — gewöhnlich machte das 
Königspaar seine Ausfahrten in einer zweispännigen Stadtkutsche — wir bemerken 
im Hintergründe die Hedwigskirche, links vom Beschauer das noch heute „Apollini et 
Musis“ dienende Opernhaus und noch ein fensterreiches Haus neben der Hedwigskirche 
(jetzt die Prachtgebäude der Dresdener Bank): hier hauste einst die nachmalige Gräfin 
Lichtenau. Beide fürstlichen Gebäude haben eine interessante Vergangenheit. Das 
„Palais“ stammt aus der Zeit des Grossen Kurfürsten, der es für den Marschall von 
Schömberg erbauen Hess und nach dessen Dienstaustritt wurde es Gouvernements 
gebäude. Der König Friedrich Wilhelm III.. hatte es bereits als Kronprinz bewohnt, 
seine Zimmer befanden sich im Erdgeschosse, während die Königin Luise das obere 
Stockwerk inne hatte. Auf der rechten Seite befand sich der officielle Speisesaal, die 
Prachträume für Bälle und Cour, das Thronzimmer, ein Spiegelsaal und ein Tanzsaal. 
Das „Neue Palais“ war ursprünglich ein stattliches Haus, das der Markgraf Schwedt 
besass, worauf ein Herr von Bredow der Besitzer wurde. Von diesem er 
warb es der König. Eine eigenartige fürstliche Persönlichkeit ruft ung das Porträt 
medaillon des Prinzen LOUIS FERDINAND (1772—1806) in die Erinnerung. 
Ein Neffe Friedrichs des Grossen, wurde er von französischen Erziehern vor 
gebildet und zeigte neben geistreichem Spott Neigung zu excentrischem Wesen 
und galanten Abenteuern. Trotz wiederholter Rügen seitens seines königlichen 
Vetters lebte er toll drauf los, so dass der König ihn, gerade vor hundert Jahren, für 
einige Zeit in der Festung Mageburg zu interniren für gut fand. Nach kurzer Zeit 
freigelassen, erschien er am Berliner Flofe und entzückte Alles durch seinen Geist, 
seine Bildung und seine Liebenswürdigkeit, fand aber noch Zeit zu gründlicher mili 
tärischer Ausbildung. In dem unglücklichen Feldzuge des Jahres 1806 unternahm er 
es, trotz des Königlichen Verbotes, das ihm weit überlegene Corps des Fürsten von 
Hohenlohe anzugreifen: seine kleine Truppe wurde aufgerieben und Prinz Louis Fer 
dinand fand bei Saalfeld im Schlachtgetümmel den Heldentod. — Friedlichere Erinne 
rungen erweckt das Medaillon mit den beiden Kinderbildnissen, der Prinzen FRIEDRICH 
WILHEM und WILHELM, nachmals König Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm I. 
Es liegt ein eigener Reiz darin, sich in diese dicht an einander geschmiegten Kinder- 
gesichtchen zu vertiefen, um darin nach dem Ausdruck zu forschen, den die uns wohl 
bekannten Physiognomien der Männer mit diesen Porträts erlangt haben. Nicht 
ohne Rührung verweilt unser Blick auf den klaren Schriftzügen der Königin 
Luise, die hier dem Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719—1807) für einen 
poetischen, patriotischen Zuruf dankt. Gleim hatte durch seine „Kriegs- und Sieges
        
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