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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

Tlieile die Sympathieen Deutschlands, die sich im letzten griechisch-türkischen Kriege 
trotz der Verschwägerung des deutschen Kaisers mit der griechischen Königsfamilie 
in so besonderer Weise bemerkbar machten. 
Am 1. November konnte das grosse Militär-Waisenhaus in Potsdam, die. 
Schöpfung Friedrich Wilhelms I., die Jubelfeier seines 175jährigen Bestehens 
feiern. Es hatte zu diesem Ehrentage das schönste Festgewand angelegt, Wappen, 
Schilde, mächtige Fahnengruppen, hohe Mastbäume mit wehenden Bannern, grüne 
Gewinde von Fenster zu Fenster, von Baum zu Baum, von Mast zu Mast. Der Platz 
für die neue Anstaltskapelle, deren Grundstein an demselben Tage gelegt wurde, 
liegt zwischen dem Garten und der Turnhalle und ist mit hohen Kastanien eingefasst. 
In der Mitte einer grossen Vertiefung erhob sich der bekränzte Grundstein, zu dem 
eine mit rothem Stoff bekleidete Treppe hinunterführte. Gegenüber dieser Treppe 
war das Kaiserzelt errichtet. An der Gartenseite war der Altar und vor demselben 
waren Gewehr- und Trommelpyramiden aufgebaut, während die Kanzel seitwärts stand. 
Grosses Wecken um sieben Uhr Morgens leitete den Tag ein. Um zehn Uhr begann 
die Aufstellung zur Feier. Die Zöglinge waren in Kompagniekolonne mit dem rechten 
Flügel an der Kanzel abgetreten, hinter dem Kaiserzelt standen die ehemaligen Zög 
linge der Anstalt. Um elf Uhr fuhr das Kaiserpaar an dem Portal in der Linden 
strasse vor, wo es von dem Kriegsminister und den übrigen offiziellen Persönlich 
keiten empfangen wurde. Ein Waisenmädchen aus Pretzsch begriisstc die Kaiserin 
mit einem Gedicht und überreichte der hohen Frau ein Bouquet. Im Vorübergehen 
begriisstc der Kaiser die Zöglinge mit einem „Guten Morgen", der aus den jugend 
lichen Kehlen donnernd erwidert wurde. Dann betrat das Kaiserpaar das Zelt, die 
Tambours schlugen zum Gebet an, der Chor sang: „Danket dem Herrn, denn er 
ist freundlich“, und die Gemeinde „Lobe den Herren, den mächtigen König der 
Ehren“. Pfarrer Flashar hielt die Festansprache, Oberst Clauson v. Kaas, der 
Direktor des Hauses, verlas die Urkunde, die unter dem Singen des Psalms „Jauchzet 
dem Herrn alle Welt“ in den Grundstein verlöthet wurde. Der Kaiser vollzog die 
ersten drei Hammerschläge. Nach der gottesdienstlichen Feier begab > sich das Kaiser 
paar in die Turnhalle, wo cs die Zeichnungen zum Kapellenbau besichtigte und dann 
erfolgte vor dem Kaiser der Parademarsch der Zöglinge in brillantester Form. Der 
Kaiser unterhielt sich auf’s Freundlichste mit zahlreichen Zöglingen, denen auch die 
Kaiserin die gütigste Theilnahme zuwandte. Ein Festessen, eine Festvorstellung im 
königlichen Theater in Potsdam, eine zweite im neuen Turnsaal, wo das von Pfarrer 
Flashar verfasste Festspiel „Unsere Fürsten“ zur Aufführung kam, Feuerwerk, Zapfen 
streich und Tanz beschlossen in angeregtester Weise den bedeutungsvollen Jubiläumstag. 
Der Namenstag Sankt Hubertus’, des Schutzpatrons von Allem, was die „grüne 
Farbe“ trägt, wird am 3. November alljährlich auch von unseren Nimrods, soweit sie 
den „upper ten“ angehören, durch die St. Iiubertus-Jagd gefeiert. Diese grosse 
Parforcejagd im Grunewald leitet in jedem Jahr die winterlichen Hofjagden ein und 
wenn nicht besondere Abhaltungen vorliegen, nimmt meist auch der Kaiser an ihr 
theil. Im rothen Rock geht es dann hoch zu Ross von Jagdschloss Grunewald aus 
hinter dem flüchtigen Keiler her, auf dessen Fährte der Oberpiqueur die wohldressirte 
Meute der lautjagenden Hunde angelegt hat. So geht die Jagd durchs Holz und 
über den Bahndamm, kein I linderniss wird gescheut, bis endlich das Wild gestellt 
und von den Hunden gedeckt ist. Das zuerst anlangende Mitglied der hohen Jagd 
gesellschaft hebt den Keiler aus und der Höchstgestellte giebt ihm den Fang. Die 
„Brüche“ werden vertheilt, den Hunden wird das Curee bereitet und mit Ilalalirut 
und Fanfarenklängen endet die Jagd, der dann noch das Frühstück in dem historischen 
Jagdschloss folgt. Aber auch die Berliner betrachten die Hubertusjagd stets als eine 
Art Volksfest. Zu Tausenden wandern sie an diesem Tage nach dem Grunewald 
hinaus und verfolgen alle Phasen der Jagd mit begeistertem und oft sehr lärmendem 
Interesse. In diesem Jahre nahm der Kaiser nicht an der Hubertus-Jagd theil, wohl 
aber Herzog Albrecht von Württemberg, Prinz Joachim Albrecht von Preussen, Prinz 
Bernhard Heinrich von Sachsen-Weimar, die Herzoge Heinrich und Adolf Friedrich 
zu Mecklenburg, Prinz Chlodwig von Hessen-Philippsthal, Generallieutcnant Prinz 
Eduard zu Salm-Horstmar und Rittmeister Prinz zu Ilohenlohe-Oehringen. Im Ganzen 
bestand das Feld diesmal aus mehr als vierzig Herren. 
Die bildende Kunst ist in der vorliegenden Nummer, ausser durch Magnussens 
Kurfürstengruppe, noch durch zwei Bilder vertreten. Das eine führt uns in die 
historisch sehr interessante Büstengallerie in Schloss Monbijou, das andere 
in des Malers Albert Wirth Lehrklasse für Technik der Farben und der 
Malerei in die Kunstakademie. Anton v. Werner, der Direktor der Akademie, 
kam zuerst auf den Gedanken, diese technische Lehrklasse ins Leben zu rufen, denn 
er meinte sehr treffend: „Es ist nichts natürlicher, als dass Einer, der Maler werden 
will, wissen muss, womit und wie er malen soll.“ Seit Januar 1896 existirt nun eine 
solche Lehrklasse an der Berliner Akademie und Maler Albert Wirth hat ihre 
Leitung übernommen. Da werden die Farben gerieben, ihre chemischen Bestandtheile, 
ihre Mischfähigkeit und ihr Trockenvermögen in Vorträgen erklärt, Gründe zubereitet, 
Oele, Siccative, Firnisse, Malmittel bearbeitet und Malversuche gemacht. Im Sommer 
semester finden Uebungen in Leimfarben, Casein, Tempera-, Mineral- und Fresko- 
Malerei auf Mauerplatten und Wänden statt. Die Klasse ist eine Stätte, an der Jeder 
sich Rath holen und üben kann. Sie ist bis jetzt die erste und einzige ihrer Art und 
sie beweist, dass der Direktor der Akademie nicht nur auf das Theoretische, sondern 
auch auf das Praktische das gebührende Gewicht legt. 
FRIEDRICH IIAASE, der unermüdliche Wanderkünstler, scheint sich seit seinem 
letzten längeren Gastspiel am Berliner königlichen Schauspielhause wirklich dauernd 
in die wohlverdiente Ruhe zurückgezogen zu haben. Jahrzehnte lang hat er mit seiner 
fein und scharf charakterisirenden Kunst auf allen deutschen Bühnen die grössten 
Triumphe gefeiert und seine ganze Art ist namentlich in Typen eleganter Lebemänner 
vorbildlich geworden für eine ganze Generation von Charakterdarstellern. Der Siebzig 
jährige, dessen hoher, ungebeugter Gestalt man dies Alter freilich nicht im Geringsten 
ansieht, lebt jetzt in ruhigem Behagen in seinem vornehmen Heim in der Drakestrasse, 
in dessen Studirzimmer unser Bild den Künstler darstellt. 
NUSCHA BUTZE, die jetzt Frau Dr. Nuscha Beermann-Butze heisst, hat sich 
die Beliebtheit, die sie als ausgezeichnete Darstellerin bei dem Berliner Publikum 
genoss, auch als Direktorin des Neuen Theaters zu erhalten gewusst. Ihre Kunst 
strömte stets ein intimes, liebenswürdiges Behagen aus, und dies • Behagen weiss sie 
auch jetzt als Direktorin auf ihr Publikum zu übertragen. Selbstverständlich wirkt 
Frau Butze auf ihrer eigenen Bühne auch als ihre hervorragendste Schauspielerin und 
ihr bedeutendes Können hat dort auch schon manchem schwächeren Werke dauerndes 
Leben einzuflössen gewusst. 
Die Damen LEONIE TALIANSKY und GISELA JURBERG sind zwei unserer 
jüngsten Naiven, die am Neuen Theater und am Deutschen Theater mit ihrem frisch 
auftretenden Talent schon manchen freundlichen Erfolg errungen haben. 
Drei „Schöne Frauen“ fehlen auch in dieser Nummer nicht. Je mehr der 
Winter mit seiner Kälte naht, um so erfreulicher wirkt dies Zeichen auf uns ein, an 
dem unsere Phantasie sich erwärmen und begeistern kann. Max Sohoenou.
        
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