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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

D ie brutalen Verstümmelungen, die von Bubenhand an einigen Büsten in der 
Sieges-AIlee verübt wurden, haben das Interesse des Kaisers an jenen Denk 
malsgruppen, die er als sein eigenstes Werk betrachten darf, nur noch ver 
mehrt. Und die allgemeine, einmütige Entrüstung, die nach jenem Schand- 
streich in der Oeffentlichkeit aufflaminte, wird den Kaiser überzeugt haben, dass sein 
Interesse an jenen marmornen Schöpfungen auch vom Volke getheilt wird. Jetzt, wo 
die weissleuchtenden Standbilder immer zahlreicher sich von den dunklen Baum 
gruppen des Thiergartens abheben, kann man sich bereits ein klares Bild von dem 
prachtvollen Anblick machen, den die Denkmalsstrasse nach ihrer Vollendung bieten 
muss. So ist es denn nur natürlich, dass der Kaiser mit nie rastendem Eifer auf die 
Vollendung der einzelnen Gruppen hindrängt und dass er jeder schon während ihres 
Wachsens und Werdens unter des Künstlers Hand die regste Theilnähme entgegen 
bringt. Wenige Tage, ehe der Kaiser seine Reise nach England antrat, besuchte er 
auch den Bildhauer Harro Magnussen in seinem Atelier. Magnussen, der bekanntlich 
der Schöpfer der wundervollen, auch in dieser Zeitschrift reproducirten Gruppe 
„Friedrichs des Grossen letzte Augenblicke“ ist, arbeitet augenblicklich an der Gruppe 
des Kurfürsten Joachim II. Hector für die Sieges-AIlee. Joachim II. ist namentlich da 
durch unvergesslich geblieben, dass er vier Jahre nach seinem Regierungsantritt als 
erster Kurfürst 1539 die lutherische Lehre annahm. Ausserdem sorgte er durch Erb 
verträge, die er mit den Herzogen in Schlesien und Preussen abschloss, fürsorglich 
für die Vergrösserung der brandenburgischen Lande. Im Uebrigen war er ein sehr 
prunkliebender, zur Verschwendung neigender Herr, und als er 1571 im Schlosse zu 
Köpenick starb, hinterliess er die Finanzen der Mark in ziemlich verworrenem Stande. 
Der Kaiser äusserte sein lebhaftes Gefallen an der Gruppe, deren Sockel und Bank 
anlage von dem Architekten Bodo Ebhardt neuerdings mehr in Renaissancemotiven 
ausgestaltet worden war. In Magnussens Atelier war auch der Photograph Anschütz 
zugegen, dem der Kaiser in liebenswürdiger Weise eine Aufnahme gestattete. Diese 
Aufnahme liegt unserm Bilde zu Grunde, auf dem der Monarch gerade vor dem 
Kurfürstenmodell steht. Als Herr Anschütz sich mit den Worten „Darf ich noch ein 
mal bitten, Majestät?“ an den Kaiser wandte, meinte dieser zu der Kaiserin und den 
übrigen Anwesenden. „Haben Sie schon mal einen Photographen gesehen, der mit 
einer Aufnahme zufrieden war?“ 
An den denkwürdigen Besuch des Zaren in Potsdam knüpfen unsere beiden 
grossen Bilder vom Kaiser NIKOLAUS II. und der Kaiserin ALEXANDRA 
FEODOROWNA von Russland an. Dieser Besuch, der gerade eine Woche vor der 
Abreise unseres Kaisers nach England erfolgte, war nicht bloss eine Form der Höf 
lichkeit und der Etikette, sondern er barg in sich auch eine ausgesprochene politische 
Bedeutung. Graf Murawjew, der Leiter der russischen Politik, begleitete seinen 
Monarchen und wurde in Gegenwart des Staatssekretärs Graf von Biilow auch von 
unserm Kaiser in längerer Audienz empfangen. Wie nachträglich verlautete, hat sich 
die Unterhaltung bei dieser Audienz ausschliesslich um die Transvaal frage gedreht 
und es scheinen bei dieser Gelegenheit zwischen den Herrschern der beiden mäch 
tigsten Reiche Europas ganz bestimmte Abmachungen über eventuelle Vermittelungs 
vorschläge des Zaren getroffen zu sein. Jedenfalls wurde gerade nach dem Besuch 
des Zaren immer wieder aufs Nachdrücklichste betont, dass die Reise unseres Kaisers 
nach England einen rein familiären Charakter trage, und auch gerade in jenen Tagen 
wurden alle Einladungen, die von englischen Behörden und offiziellen Körperschaften 
an Kaiser Wilhelm ergingen, höflich und dankend abgelehnt. Zar Nikolaus, der mit 
seiner schönen Gemahlin von unserm Kaiserpaar Vormittags um acht Uhr auf der 
Station Wildpark empfangen wurde, fuhr von dort direkt in das Neue Palais und 
Abends gab unser Kaiser seinen hohen Gästen noch bis zur Station Charlottcnburg 
das Geleit, wo die ersten Garde-Dragoner und das Alexander-Regiment Paradeauf- 
stellung genommen hatten. Die freundlichen und friedlichen Beziehungen zwischen 
Deutschland und Russland sind durch diesen Besuch des Zaren nur noch fester und 
inniger verknüpft worden. 
Der türkische Botschafter TEWFIK PASCHA, der als Nachfolger Galib 
Bcy’s die Interessen des türkischen Reiches am Berliner Hofe vertritt, wird von unserm 
Kaiser stets mit besonderem Wohlwollen ausgezeichnet. Es ist ja bekannt, welchen 
Werth Kaiser Wilhelm auf sein freundschaftliches Verhältniss zu Sultan Abdul Hamid 
legt und wie diese Freundschaft aus Anlass der Jerusalemreise unseres Kaiserpaares 
in Konstantinopcl aufs Neue zu beredtem Ausdruck kam. Erst kürzlich noch über 
reichte Excellenz Tewfik Pascha im Aufträge des Sultans unserm Kaiser als Geschenk 
zwei kostbare Gemälde, an denen Kaiser Wilhelm bei seinem letzten Aufenthalt am 
Bosporus Wohlgefallen gefunden hatte. Unsere Bilder zeigen den türkischen Bot 
schafter einmal in seinem Arbeitszimmer und dann umgeben von den übrigen Herren 
der Botschaft. Uebrigens ist Excellenz Tewfik Pascha in Berlin durchaus kein 
Fremder, hatte er doch den Berliner Botschafter-Posten schon einmal inne und zwar 
von 1886 an durch eine ganze Reihe von Jahren. Ihm dankt die Türkei zum grossen
        
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