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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

Ein fröhliches Familienfest wurde kürzlich in der Familie des Herzogs ALBRECHT 
VON WÜRTTEMBERG gefeiert. In der Villa des in Potsdam in Garnison stehenden 
Prinzen wurde die Taufe der jüngsten Tochter des herzoglichen Paares vollzogen. 
Der Täufling, der sich fünf Geschwistern als sechstes anreiht, erhielt die Rufnamen 
Marie Elisabeth. Ausser der Gemahlin des Herzogs, Margaretha Sophia, die eine 
kaiserliche Prinzessin und Erzherzogin von Oesterreich ist, und ausser anderen höchsten 
und allerhöchsten Herrschaften wohnten auch die Königin von Württemberg und Prinz 
und Prinzessin Johann Georg von Sachsen dem festlichen Akte bei. Unser Bild zeigt 
ausser dem Herzog und der jungen Mutter im Kreise ihrer fünf älteren Kinder auch 
die genannten Fürstlichkeiten in wohlgetroffenen Aufnahmen. 
In der königlichen Akademie der Künste ist eine höchst interessante Aus 
stellung von Werken französischer Künstler eröffnet worden. Natürlich sind es 
auch lauter französische Akademiker, die dort ausstellen, während die sezessionistischen 
Künstler vom Champ de Mars, die gerade unser deutsches Kunstleben so mächtig 
beeinflusst haben, der Ausstellung völlig, fern geblieben sind. Wen der liebe Gott zum 
Akademiker macht, den macht er ja nicht ohne Weiteres zum grossen Maler, das 
wissen wir in Deutschland ganz genau — und in Frankreich scheinen die Verhältnisse 
auch nicht viel anders zu liegen. Und trotz zahlreicher, wirklich prachtvoller Bilder 
die sich unter den zweihundert ausgestellten Gemälden finden, kann diese Ausstellung 
keineswegs als eine Uebersicht der französischen Kunst von heute betrachtet werden. 
Von den mancherlei Mittelmässigkeiten, die mit nach Berlin gekommen sind, heben 
sich freilich eine Reihe echter Meisterwerke glanzvoll ab. Die Meister der französischen 
Portraitmalerei,. CAROLUS DURAN und CHARLES BONNAT haben einige wunder 
volle Bilder hergeschickt und auch ihre Kollegen H. C. ROYBET, DAGNAN-BOU- 
VRET, BERAUD und GERÖME sind durch treffliche Werke vertreten, während Graf 
DE DRAMARD, der Präsident des Ausstellungscomites, einige sehr feine und stimmungs 
volle Landschaften ausgestellt hat. 
Unter den „Aktualitäten des Monats“ bringen wir, ausser den Portraits der 
genannten französischen Künstler, zunächst auch ein Bild des Grafen VON WEDEL, 
der als neuernannter Botschafter von jetzt ab an Stelle des Barons von Saurrna- 
Jeltsch die deutschen Interessen in Rom vertreten wird. Graf von Wedel, der zuletzt 
Gouverneur von Berlin war, hat seinen neuen Posten in diesen Tagen angetreten. — 
Graf MURAWJEW, der Leiter der russischen Politik, hält sich augenblicklich in 
Deutschland in der Umgebung seines kaiserlichen Herrn, des Zaren auf, der eben am 
Darmstädtischen'Hof zu längerem Besuche .weilt. — Professor ERNST EIERTER, dessen 
Bild wir gleichfalls bringen, ist der Schöpfer des weiter oben ausführlich erwähnten 
Denkmals des Markgrafen Ludwig des Aelteren, das auch in der Sieges-Allee Auf 
stellung finden wird. — PAÜL LINDAU ist es endlich müde geworden, in Meiningen 
als Intendant zu herrschen, und ist wieder nach seinem geliebten Berlin zurückgekehrt, 
wo er in der Gesellschaft stets eine so hervorragende Stellung eingenommen hat. Und 
er ist nicht mit leeren Händen gekommen, sondern er hat auch gleich ein neues Lust 
spiel mitgebracht, „Der Herr im Hause“, das unverzüglich vom königlichen Schauspiel 
hause erworben wurde. Es wird dort noch im Laufe dieses Monats seine erste Auf 
führung erleben. — An der Hofbühne wurde auch das Schauspiel „Ewige Liebe“ des 
als Rechtsanwalt in Frankfurt am Main lebenden Dr. HERMANN GOLDSCHMIDT 
aufgeführt, der sich als Schriftsteller Faber nennt. Fast gleichzeitig debütirte, er auch 
n Deutschen Theater mit seinem Lustspiel „Ein glückliches Paar“. — An die Stelle 
von unserer königlichen Oper scheidenden Kapellmeisters Josef Sucher ist mit dem 
ginn die Spielzeit Herr FRANZ SCHALK getreten, den die königliche General- 
inter zehn Jahre verpflichtet hat. Herr Schalk, der früher als erster Kapell 
meister ... deutschen Landestheater in Prag wirkte, war zuletzt an der Deutschen 
Oper in New-York thätig und auch an unserem Opernhause hat er während des vorigen 
Winters sein tüchtiges Können bereits durch die Einstudirung ünd Leitung von August 
Bungert's „Odysseus’ Heimkehr“ sehr erfolgreich bethätigt. — GEORGES FEYDEAU 
ist der erfolgreichste unter allen jüngeren französischen Schwankdichtern. Mit uner 
schöpflichem Witz und lustigster Erfindungsgabe hat er das Erbe des allerdings noch 
lebenden Alexandre Bisson angetreten. Als Schwiegersohn des ausgezeichneten Pariser 
Journalisten Henry Fouquier wurde es ihm vielleicht leichter als Anderen, überhaupt 
auf die Bühne zu kommen, aber dass er sich dort so glänzend und erfolgreich be 
hauptet hat, verdankt er seinem allereigensten Können. Das Verdienst, den stets er 
folgreichen Dichter auch in Berlin eingeführt zu haben, gebührt Herrn Direktor Sigmund 
Lautenburg, der in „Fernands Ehekontrakt“, in dem „Hötel zum Freihafen“ und dem 
„Schlafwagenkontrolleur“ auch seine dauerhaftesten und einträglichsten Repertoirestücke 
gewonnen hat. Mit Feydeau’s älterem Schwank „Jagdfreuden“ („Monsieur Chasse“), 
der erst jetzt von der Berliner Censur freigegeben wurde, hat er diesen Erfolgen einen 
neuen angereiht, und noch steht uns für diese Spielzeit auch Feydeau’s neuester 
Schwank „La Dame de chez Maxime“ in erfreulicher Aussicht. 
Die kürzlich geschlossene Internationale Motoren-Ausstellung hat für die 
weitere Ausgestaltung unserer allgemeinen Verkehrsverhältnisse die glänzendste Per 
spektive eröffnet. Mit verblüfftem Staunen gewahrte das Publikum, wie rapide sich 
der junge Automobilismus in den allerletzten Jahren entwickelt hat, dem sich die 
deutsche Industrie eigentlich erst seit 1897 in grösserem Umfange zugewandt hat. 
Frankreich war uns auf diesem Gebiete erfolgreich vorangegangen, aber in einer ausser 
ordentlichen Anspannung aller ihrer Kräfte hat auch unsere Industrie jetzt bewiesen, 
wie gewaltig ihre Leistungsfähigkeit ist. Die zahlreichen Motorwagen der verschiedensten 
Art, mit denen während der Dauer der Ausstellung täglich mehrere Rundfahrten unter 
nommen wurden, haben dem Berliner Strassenleben ein ganz neues Gepräge gegeben 
und mehr und mehr hat’ das Publikum sich daran gewöhnt, nicht blos den massigen 
und doch so leicht dahingleitenden elektrischen Omnibus, sondern auch die leichteren, 
blitzschnell einhersausenden Automobile als in Zukunft unentbehrliche Faktoren 
unseres Verkehrswesens zu betrachten. Welchen Umfang der Gebrauch dieses neuen 
Beförderungsmittels für Personen und Waaren noch annehmen kann und wird, lässt 
sich vorläufig natürlich auch noch nicht annähernd ermessen. Wir haben auf zwei 
Seiten eine ganze Reihe photographischer Aufnahmen zusammengestellt, welche die 
von hervorragenden deutschen Firmen nach den verschiedensten Systemen erbauten 
Motorwagen lebendig zur Anschauung bringen. 
Aus dem reichhaltigen Spielplan des Apollo-Theaters bringen wir auch in 
dieser Nummer einige reizvolle Bilder. Die kaiserlich russische Elofkünstlerin Preciosa 
GRIGOLATIS, die prima Ballerina des mit so grossem Beifall aufgenommenen Luft 
ballets in „Frau Luna“, erfreut das Publikum noch immer durch ihre graciöse und 
originelle Kunst. Zu ihr haben sich in dem neuen Programm noch einige weitere 
„Nummern“ gesellt, die gleichfalls besondere Aufmerksamkeit verdienen. Die Barra- 
Truppe repräsentirt die besten musikalischen Excentrics der Jetztzeit. Sie haben die 
form militärischer Exercitien gewählt und bieten auf Gewehren etc., die ihnen als 
Instrumente dienen, ganz hervorragende musikalische Leistungen. SENNORITA 
CHAV1TA ist ein neuentdeckter Stern unter den spanischen Tänzerinnen. Sie steht 
ihren berühmten Vorgängerinnen Otero und Guerrero weder an Schönheit noch an 
Anmuth nach, und nach ihrem ersten Auftreten in Paris war ihr Name bald in aller 
Munde. In Paris wie in Petersburg hat sie wahre Triumphe gefeiert. 
Ein fesselndes Strassenbild gewährt eine Ansicht der prächtigen Tauenzien- 
strasse mit der Perspektive auf die Kaiser Wilhelm-Gedächtnisskirche. Ein Gesamt 
bild des von Schwechten streng im romanischen Stil ausgeführten Bauwerks und eine 
hübsche Skizze, die den Gang aus der Kirche an einem Sonntage schildert, fügen sich 
in dieses Strassenbild harmonisch ein. 
Einige „schöne Frauen“ dürfen natürlich nicht fehlen, um dem Leser zu zeigen, 
was im Berliner Leben schliesslich stets das Allerschönste war, ist und sein wird. 
Max Schoenau.
        
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