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Full text: Berliner Leben Issue 2.1899

kleinen Insel postirt werden, an welche die Briieke sich anlehnt, und seinen Sockel 
schmücken Reliefs, die Beginn und Abschluss der kriegerischen Thaten Kaiser Wilhelms 
schildern: eine Scene aus den Befreiungskriegen, wo sich der junge Prinz zum ersten 
Male als Soldat auszeichnete, und den Einzug in Berlin nach dem Kriege gegen 
Frankreich. 
AGNES SORMA, die lange Vermisste, ist endlich einmal wieder nach Berlin 
zurückgekehrt, um im Lessing-Theater den Berlinern zu zeigen, dass sie seit ihrem 
Scheiden vom „Deutschen Theater“ keine wirkliche Nora, keine Esther und keine 
Jüdin von Toledo mehr gesehen haben. Wir sind in der deutschen Reichshauptstadt 
nicht so reich an guten Schauspielerinnen, als dass wir ein solches Ereigniss nicht mit 
besonderer Freude feiern müssten. Als das „Berliner Leben“ vor genau einem Jahre 
ins Leben gerufen wurde, brachten wir gleich in der ersten Nummer selbstverständlich 
die Bilder von Agnes Sorma in einigen ihrer bedeutsamsten Rollen, Ein freundlicher 
Zufall fügt es, dass auch in dem Hefte, mit dem wir heute den zweiten Jahrgang er 
öffnen, die liebliche Gestalt der Künstlerin nicht fehlt. Sie, die sich auf der Bühne 
wie im Leben stets mit schlichter Wahrhaftigkeit giebt, haben wir diesmal in dem 
reizenden Heim aufgesucht, das sie sich in der Moltkestrasse in Wannsee geschaffen 
hat. Agnes Sorma ist in ihren Mussestunden eine leidenschaftliche Radlerin und mit 
dem Rade, auf dem sie zwei Mal über den Brenner gefahren ist, zeigt eines unserer 
Bilder sie in dem Park vor ihrer Villa. Auf dem anderen Bilde steht sie, zur Radfahrt 
gerüstet, in der Thür der Villa. Hoffentlich entradelt sie uns diesmal nicht gleich 
wieder bis zum Brenner hinauf. 
ADELE SANDROCK hat durch ihre Differenzen mit Herrn Schlenther, dem 
neuen Direktors des Wiener Burgtheaters, die öffentliche Aufmerksamkeit so lebhaft 
auf sich gelenkt, dass wir die kampfeslustige Künstlerin in wohlgetroffenem Bilde 
unsern Lesern zeigen mussten, zumal da sie in diesen Tagen auch im Lessing-Theater 
auf’s Neue vor das Berliner Publikum treten wird. Da Fräulein Sandrock jetzt auch Stücke 
schreibt und sich in Wien sogar ein eigenes Theater gründen will, wird sich das Publikum 
jedenfalls noch sehr oft mit ihr zu beschäftigen haben. Sobald das Sandrock-Theater in 
Wien fertig ist, werden wir natürlich auch ein Bild der Frau Direktor Adele bringen. 
Wann das geschehen wird, wer weiss es? 
Herr RUDOLPH CHRISTIANS hat sich im Berliner königlichen Schauspiel 
hause als jugendlicher Liebhaber sehr rasch in die Gunst der schönen Abonnentinnen 
— Abonnentinnen und Leserinnen sind immer schön — hineingespielt. Im klassischen 
Drama wie im modernen Salonstück stellt er tüchtig seinen Mann. Zuerst wollte er 
nicht gern nach Berlin und suchte seinen Kontrakt mit aller Gewalt zu lösen, aber 
jetzt scheint es ihm schon recht gut bei uns zu gefallen. Einem Künstler gefällt es 
bekanntlich überall gut, wo er selbst gut gefällt. Unsere Bilder zeigen ihn als Romeo 
und als Praxiteles in Ludwig Fulda’s „Herostrat“. Es wäre indiskret, wollte ich auch 
nur andeuten, wie schön die Berliner Backfische den jugendlichen Künstler finden. 
Er und sie könnten roth dabei werden. 
Zwei volle Seiten haben wir diesmal dem lustigen „ Schlafwagen - Kon 
trolleur“ Bissons gewidmet, dessen Erfolg im Residenz-Theater so ausgiebig ist, 
dass er vermuthlich einen vollen Jahrgang dieser Bühne füllen wird. Auch Herr 
Direktor Lautenburg soll sich bisher noch in keinem Schlafwagen so gut amüsirt haben, 
wie in diesem, in welchem das Publikum vor lauter Lachen kein Auge schliessen kann. 
RICHARD ALEXANDER, der unermüdlich komische, EUGEN PANSA, MILA 
STEINHEIL, die talentvollste Schönheit des Residenz-Theaters, BERTHA FORTEN, 
Frau BECKER und Herr SELDENECK sind die Hauptträger des lustigen Stückes. 
Ein Gruppenbild aus dem neuen Ballet „Vergissmeinnicht“ weist auf den 
letzten grossen Erfolg hin, den das königliche Opernhaus mit diesem Werk der Herren 
Regel, Thieme und Goldberger erzielt hat. Der hübsche, gefällige Text und die 
liebenswürdige, melodiöse Musik im Verein mit den farbenprächtigen Kostümen der 
Firma Hugo Baruch & Co. und einer in jeder Beziehung glanzvollen Inscenirung lassen 
diesen Erfolg als vollberechtigt erscheinen. 
Auch eine ganze Reihe von Namen des Konzertsaals sind in der vorliegenden 
Nummer vereinigt. Da den Damen stets der Vortritt gebührt, seien auch hier die 
Sängerinnen ROSA ETT1NGER und CAMILLA LANDY, sowie die vielgefeierte 
Pianistin CLOTILDE KLEEBERG an erster Stelle genannt. EUGEN D’ ALBERT, 
der eminente Klavierspieler, gehört bekanntlich auch als Komponist zu den wenigen 
Auserwählten, und seine kleine Oper „Die Abreise“ hat erst ganz vor Kurzem auch 
im Berliner Opernhause die freundlichste Aufnahme gefunden. PABLO DE 
SARASATE, der Meister der Geige, und ARTHUR NIKISCH, der geistreiche und 
temperamentvolle Dirigent, gehören gleichfalls zu den stets bewunderten Gästen in 
jedem Konzertsaal. Eine ganz neue Erscheinung am Berliner Kunsthimmel ist der 
zwölfjährige Cellist PAUL BAZELAIRE, dessen Kunst weit über seine Jahre hinaus 
reicht und an dessen virtuosem Spiel auch unser Kaiser das lebhafteste Wohlgefallen 
gefunden hat. 
Künstlerisch ganz ungewöhnlich interessant gestaltete sich kürzlich eine Matinee 
des akademisch-litterarischen Vereins, in welcher Maeterlinck’s Drama „Pelleas 
und Melisande“ zur Aufführung gebracht wurde. Der belgische Poet schreibt 
absolut keine Theaterstücke in landläufigem Sinne. Er will es nicht und er kann 
es auch wohl nicht. Was er will und was er kann, besteht in dem Vermögen, 
auch die feinsten und zartesten Stimmungsniiancen im Worte festzuhalten und sie 
dem Hörer zu suggeriren. Die Menschen, die er auf die Bühne stellt, sind im Grunde 
blutleere Schatten, aber es pulsirt trotzdem in ihnen gleichsam ein übersinnliches 
Leben, dessen Eindruck man sich kaum zu entziehen vermag. In vorzüglicher Dar 
stellung durch ADALBERT MATKOWSKY (Goland), V1LMA v. MAYBURG 
(Melisande), MAX REINHARDT (König) und Herrn KONKIEL (Pelleas) versagte dieser 
Eindruck auch in der Matinee nicht. 
Seitdem der Presse-Ball weiter nichts mehr ist, als eine uniformierte Volksver 
sammlung nebst Toilettenrevue, ist der „Gesindeball“ in Berlin das einzige Tanz 
vergnügen, auf welchem sich nicht blos eine interessante Gesellschaft zusammenfindet, 
sondern auf dem man sich auch wirklich noch amüsirt. Die geschickten Veranstalter 
des originellen Ballfestes haben die schönen Traditionen der längstverflossenen Bühnen 
bälle erfolgreich wieder aufgenommen und so fand man im Kaiserhof wieder alles 
versammelt, was die Berliner Bühnen an Talent, Schönheit, Liebenswürdigkeit und 
Humor aufzuweisen haben. 
Das Apollo-Theater ist diesmal durch das Geschwisterpaar ALEXIA, dessen 
Wirbeltänze jeden Repertoirwechsel zu überdauern scheinen, und durch die aller 
liebste Mademoiselle S1DLEY ganz besonders graeiös vertreten. — Zwei „Schöne 
Frauen“, die sich in der entgegenkommendsten Weise dekolletirt haben, vervoll 
ständigen die Galerie holder Weiblichkeit, die ja auch im wirklichen Berliner Leben 
auf jedem Gebiet so reichlich zu finden ist. Max Sehoenau.
        
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