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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

Unsere Bilder. 
Wie diese Bilder dem proteusartigen, ewig wechselnden, vielgestaltigen Berliner 
Leben ein getreues Spiegelbild vorzuhalten suchen, so spiegelt sich im 
Auge des Poeten das Weltbild wieder in seinen Höhen und Tiefen, in 
funkelndem Sonnenschein und trüben Schatten, in all’ seinem Sehnen und 
Hoffen, seinen Freuden und Schmerzen. Und darum gebührt auch den Poeten ein erster 
Platz an dieser Stätte. Wir bringen heute die Porträts von sechs unserer hervorragendsten 
SCHRIFTSTELLER, und wem die Summe an Poesie, die sie repräsentiren, noch 
nicht genügt, dem ist eben nicht zu helfen. Ein Hundsfott giebt mehr, als er hat. Da 
ist zunächst THEODOR FONTANE, der älteste und doch jugendfroheste von Allen! 
Wie er uns früher in plastischer Anschaulichkeit in die landschaftlichen Schönheiten 
unserer heimathlichen Mark einführte, so zeigt uns jetzt seine nie rastende Phantasie 
mit behaglich lächelndem Humor die mancherlei Irrungen und Wirrungen in den Herzen 
der Menschen, die dem Boden der Mark entsprossen sind. Um ihn gruppiren sich 
ERNST VON WILDENBRUCH, der warmherzige, temperamentvolle Dramatikerder 
brandenburgischen Historie, der zugleich ein ungemein feinsinniger Erzähler ist; einer 
der wenigen Bühnendichter grossen Stils, die unsere Zeit ihr eigen nennt; — ADOLPH 
L’ARRONGE, der gemüthvolle Schöpfer so manches wirkungsvollen Volksstücks, das 
sich unsere Bühnen dauernd erobert hat; — HERMANN SUDERMANN, der 
technisch kundigste und jedenfalls erfolgreichste der modernen deutschen Bühnenschrift- 
steller; — LUDWIG FULDA, dessen formvollendetem, liebenswürdigem Talent die 
deutsche Bühne in erster Reihe den „Talisman“ zu danken hat; — und endlich ERNST 
WICHERT, der aus der Geschichte seiner heimischen Ostmark manch freundlich 
fesselndes Bild zu gestalten gewusst hat. 
Die Kunst ist diesmal durch den gerade in letzter Zeit vielgenannten Bildhauer 
JOHANNES BÖSE und den bekannten Marinemaler Professor SCHNARS-ALQUIST 
vertreten. Johannes Böse, dessen Wesen und Kunst in gleichem Maasse kraftvolle 
Energie und frohen Lebensmuth athmen, steht in seinem Atelier mitten unter den Ge- 
bilden aus Marmor und Thon, denen seine Hand stets nicht nur die Schönheit der 
Linie, sondern auch die treffende, überzeugende Charakteristik des Ausdrucks zu wahren 
weiss. Professor Schnars-Alquist beobachtet in seiner künstlerischen Werkstatt sinnend 
ein eben vollendetes Staffeleibild, als wolle er noch einmal die Wirkung jedes einzelnen 
Farbentons sorgfältig abwägen. — Dass auch nach künstlerischer Arbeit behagliches 
Ausruhen und fröhliche Geselligkeit eine gar wohlthätige Nothwendigkeit sind, zeigt uns 
das freundliche Heim der sehr ehrenwerthen ZUNFT ST. LUCAS, die den Ver- 
einigungspunkt für zahlreiche unserer schaffenskräftigsten jüngeren Künstler bildet. 
Gleich rechts sieht man den wallenden Vollbart OSCAR WAGNER’S, des Hauspoeten 
der wackeren Zunft; der bekanntlich Zeichenstift und Feder mit demselben erquicklichen 
Humor zu führen weiss. Sein Trinken ist weniger bedeutend. 
ANNA SCHRAMM verkörpert in ihrem Namen mehr als ein Menschenalter 
Berliner Theatergeschichte. Einst war sie die lustigste und gefeiertste Soubrette des 
Wallner-Theaters, als diese Bühne in ihrem Ensemble noch die glänzendsten Sterne des 
Humors in sich vereinigte. Heute ist Anna Schramm nicht minder beliebt und verehrt 
als die komische Alte des Königlichen Schauspielhauses, das in ihr endlich den lange 
gesuchten Ersatz für die unvergessliche Frieb-Blumauer gefunden hat. Nur wenige 
Künstlerinnen haben mit gleichem Erfolge den schwierigen Uebergang vom jugendlichen 
zum älteren Fach vollzogen. Anna Schramm hat den Beweis erbracht, dass die Jahre 
einer Darstellerin wohl den rosigen Reiz der Jugend, nicht aber den echten, aus dem 
Herzen quellenden Humor zu rauben vermögen, der auch heute noch alle Gestaltungen 
der ausgezeichneten Künstlerin sonnig durchleuchtet. 
Zu den fesselndsten Erscheinungen unter den jüngeren Schauspielerinnen Berlins 
gehört PAULA LEVERMANN, die muntere Liebhaberin des Schiller-Theaters. Nicht 
nur strömt schon von ihrem Wesen jener eigenartige Reiz holder, gesunder Anmuth aus, 
sondern mit dem sicheren Scharfblick des Talents weiss sie auch den innersten Charakter, 
den Stil jeder einzelnen Rolle zu treffen und zu gestalten. Ihre Grazie hat nichts 
Schablonenhaftes und Konventionelles. Die landläufigen Naiven des modernen Schwanks 
und Lustspiels, die weiter nichts erfordern, als eine gewisse jugendliche Frische, spielt 
sie zwar auch, aber frei und schön entfaltet sich ihr Können erst, wenn es gilt, eine der 
lebenglühenden Gestalten Shakespeare’s oder Molères zu verkörpern. Dann sprühen 
aus ihren grossen Augen alle Lichter sonnigen Humors und aus ihrer weichen, wie in 
seidene Schleier gehüllten Stimme lachen alle Kobolde neckischer Heiterkeit. Paula 
Levermann darf das Schiller-Theater jedenfalls nur als die erste Etappe auf ihrem 
künstlerischen Werdegange in Berlin betrachten. 
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