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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

züchtigen Jungfräulein gar minnigliche Thaten vollführt. Die Minneburg konnte dem 
Ansturm der reisigen Ritterschaft natürlich nicht lange Stand halten, aber die schönen 
Frauen, die sich mit Rosen so tapfer gewehrt hatten, wichen schliesslich ganz gern der 
Gewalt des Stärkeren. Und neben der Minne wurde auch edles Nass nicht ver 
schmäht und von Rittern und Edelfrauen wurde „gesupfet“ bis an den frühen Morgen. 
FRIEDRICH SPIELHAGEN feiert am 24. Februar seinen siebzigsten Geburts 
tag und weite Kreise des deutschen Volkes werden diesen Tag mitfeiern und sich 
dankbar der freudigen Anregung erinnern, die sie seit Jahrzehnten aus Spiclhagcn's 
Romanen geschöpft haben. Von den „Problematischen Naturen“ und von „Hammer 
und Ambos“ angefangen hat Friedrich Spielhagen in der reichen Fülle erzählender 
Dichtungen, die er uns gespendet hat, den Inhalt unserer Zeit zu erschöpfen und zu 
formen gesucht. Er war immer modern im besten Sinne, wenn auch gerade durch 
seine ersten und fesselndsten Romane ein Hauch von Romantik wehte, der sich erst 
später zu einer objcctiven Gestaltung der bunt wechselnden Erscheinungsformen ab 
klärte. Mögen dem rüstigen Poeten noch lange, freundliche Jahre des Schaffens und 
Wirkens beschieden sein! 
Fräulein VILMA V. MAYBURG, die jetzt am königlichen Schauspielhause jugend 
liche Liebhaberinnen und Naive spielt, wurde vor Jahren als Anna in Ilalbc's „Jugend“ 
entdeckt. Der Zauber der Jugend, der sie damals so duftig und reizvoll umspielte, ist 
ihr treu geblieben, und diese jugendliche, mädchenhafte Anmuth ist noch heute der 
lieblichste Vorzug der Künstlerin. Er zeichnet sie in modernen Lustspielen aus und 
macht sich noch glücklicher geltend, wenn sie den zierlichen Oberon im „Sommernachts 
traum“ oder die holde Nerissa im „Kaufmann von Venedig“ zu verkörpern hat. 
HERMANN MÜLLER, der ausgezeichnete Charakterspieler des Deutschen 
Theaters, wird leider nur zu bald von Berlin wieder nach Wien ins Burgtheater über- 
sicdcln, dem er schon früher angehört hat. Hermann Müller war vor Jahren Mitglied 
des königlichen Schauspielhauses, ging dann nach Breslau und Wien und kam von 
dort wieder nach Berlin zurück, diesmal an’s Deutsche Theater. Seine scharf nuan- 
circnde Kunst und seine ungewöhnliche Gestaltungskraft stellten ihn an dieser Bühne, 
an welcher jetzt, wenigstens im modernen Genre, die beste Komödie in ganz Deutsch 
land gespielt wird, alsbald in die vorderste Reihe. Sein Philipp, sein Mephisto, sein 
Engstrand, sein Hofmarschall v. Kalb und sein Nickelmann in der „Versunkenen Glocke“ 
sind Leistungen von charakteristischer Eigenart, jede für sich bedeutsam und über 
zeugend. 
Das BERLINER THEATER liess auf die französische „Zaza“ in HOYER's 
„Famlie Jensen“ eine skandinavische folgen, die sich in der temperamentvollen Dar 
stellung durch Auguste Prasch-Grcvenberg als ebenso eindrucksvoll und wirksam 
erwies. Unser Bild bietet Scenen aus dem zweiten und dritten Act des erfolgreichen 
Stückes nebst den Portraits des Verfassers und seines verdienstvollen Uebersetzers, 
des Herrn Kammerrath JONAS. 
Herr Director FERENZY hat im CENTRAL-THEATER wirklich Glück. Auf 
die fast unverwüstliche „Geisha“ ist jetzt die ebenso erfolgreiche „Puppe“ gefolgt, die 
wieder durch die graeiöse Gesangskunst der zierlichen MIA WERBER ihr fesselndes 
Gepräge erhält. 
Ins APOLLO-THEATER ist YVETTE GU1LBERT zurückgekehrt, die unver 
gleichliche Künstlerin, die dem schlichten Chanson dramatische und nervenspannende 
Wirkungen abzugewinnen versteht wie keine ändere. Die Zeit dürfte nahe sein, wo 
Yvette Guilbert sich nur noch auf diese Wirkungen verlassen und den Schritt zur 
wirklichen Bühne machen wird, den sie schon so lange geplant hat. Neben dem 
glänzenden Star bewähren im Apollo - Theater auch die Damen ALEXIA und 
CARMEN EAUR unvermindert ihre Anziehungskraft. 
Und damit es auch dieser Nummer, ausser den schon genannten, nicht an 
schönen Frauen fehle, bieten wir unseren Lesern heute zwei Köpfe, zwischen denen 
selbst einem klügeren Schäfer, als Paris es war, die Wahl schwer fallen würde. 
Wenn der Schäfer ganz klug ist, wählt er überhaupt gar nicht, sondern sagt einfach: 
„Bitte Beide!“ Max Sohoenau.
        
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