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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

N icht bloss ein Bündniss, das aus politischen Erwägungen und Gründen der 
Nützlichkeit herausgewachsen ist, vereint Deutschland und Oesterreich-Ungarn, 
sondern eine Jahrzehnte lange erprobte Freundschaft kettet die Völker und 
die Fürsten beider Staaten aneinander. Das kam wieder einmal mit beson 
derer Wärme zum Ausdruck, als das Kaiser Franz Garde-Grenadicr-Regiment 
am 11. Januar den Tag feierte, an welchem vor fünfzig Jahren König Friedrich Wil 
helm IV. den jugendlichen Kaiser Franz Josef zum Chef des Regiments ernannt hatte, 
ln grossem Stil wurde dies Jubiläum gefeiert und Feldmarschall-Lieutenant Freiherr 
v. Steininger war als Vertreter des Kaisers Franz Josef nach Berlin gekommen. Unser 
Bild vereinigt verschiedene Momentaufnahmen von der Parade, die bei jener Gelegen 
heit im Lustgarten stattfand. Besonders bemerkenswerth sind die Momente, in denen 
unser Kaiser mit herzlichster Wärme auch den „Verein ehemaliger Franzer“ begrüsste, 
der in Stärke von 310 Mitgliedern erschienen war, und wie Freiherr v. Steininger an 
das im Carre aufgestellte Regiment die festliche Ansprache hielt. Mit einem Hoch, 
das Kaiser Wilhelm auf seinen hohen Freund und Verbündeten ausbrachte, schloss 
die denkwürdige Parade. 
Beinahe noch herzlicher kamen die intimen Beziehungen, die uns mit dem Kaiser 
staat an der Donau verknüpfen, zwei Tage früher zum Ausdruck, als der öster 
reichisch-ungarische Botschafter v. Szögyeny-Marich seine Tochter Camilla 
mit dem Attache der Botschaft, dem Grafen Josef Somssich v. Saärd verheirathete. 
Man weiss, mit welcher Achtung und Freundschaft unser Kaiser Herrn v. Szögyeny 
stets ausgezeichnet hat, und so war es natürlich, dass er auch die kirchliche Trauung 
und das Hochzeitsfrühstück durch seine Gegenwart ehrte. Bei der standesamtlichen 
Trauung hatten Graf Hermann Wurmbrandt-Stuppach und der Sohn des Botschafters, 
Geza v. Szögyeny, als Trauzeugen fungirt. In der Kirche wurde der Bräutigam vom 
Grafen Stephan Zichy und seinem Bruder geführt, während die Brautjungfern der 
Braut das Geleit gaben. Kaiser Wilhelm war in der Uniform eines österreichischen 
Generals der Kavallerie erschienen und sprach dem jungen Paar und dessen Ange- 
hörigen in wärmster Weise seine Glückwünsche aus. Die Ankunft des Kaisers vor 
der Kirche und die Abfahrt des Brautpaares sind auf unserm Bilde fixirt, das durch 
die reiche Pracht der ungarischen Nationaltrachten noch einen erhöhten Reiz erhält. 
Begeisterten Widerhall in allen Kreisen, namentlich natürlich in denen der 
Künstler, hat die ganz ungewöhnliche Auszeichnung geweckt, mit der unser Kaiser 
den greisen ADOLF MENZEL geehrt hat. Bisher war die höchste Auszeichnung, 
die ein Künstler oder ein Heros der Wissenschaft in Preussen zu erringen vermochte, 
die Friedensklasse des Ordens pour le merite. Adolf Menzel hat als Erster den 
Schwarzen Adlerorden erhalten und heisst nun Adolf von Menzel. Also nicht bloss 
die Uniform, auch ein Künstler kann jener höchsten Ehrung tlieilhaftig werden, die 
der König von Preussen zu vergeben hat. Nicht Adolf Menzel allein galt diese Ehrung, 
sondern der ganzen Zunft des St. Lucas, und das mussten die Künstler natürlich mit 
jubelnder Begeisterung feiern. So wurde das Menzel-Bankett vom Verein der Ber 
liner Künstler im neuen Künstlerhause in der Bellevuestrasse veranstaltet. Der kleine 
Menzel mit dem breiten Orangeband war der Held des Abends, der in allen Reden 
von Herrn v. Bötticher, dem früheren Staatsminister, von Anton v. Werner und von 
Professor Körner, dem Vorsitzenden des Vereins, gefeiert wurde. Adolf Menzel, der 
sonst am liebsten in stillster Zurückgezogenheit haust, hielt all dem tapfer stand und 
kneipte nachher noch lange mit den jungen Malern, denen der Achtzigjährige ein so 
leuchtendes Vorbild ist. 
Durch Adolf Menzel ist unser Kaiser auf des Bildhauers HARRO MAGNUSSEN 
prächtige Marmorgruppe „Friedrich der Grosse in seinen letzten Lebens 
tagen“ aufmerksam gemacht worden. Auf die schwerwiegende Empfehlung des 
greisen Meisters hin besuchte der Kaiser alsbald das Atelier Magnussen’s und kaufte 
die Gruppe sofort an, um sie in Sanssouci im Sterbezimmer des grossen Friedrich 
aufstellen zu lassen. In dem Atelier, das unser Bild darstellt, fällt ausserdem am 
meisten eine Bismarck-Büste auf, die mit wundervoller Schärfe die Züge des greisen 
Fürsten wiedergiebt. 
Auch in seinem Atelier bei der Arbeit finden wir den bekannten Historienmaler 
Professor HUGO VOGEL, der gerade an dem Hauptstück eines Cyclus monumentaler 
Wandgemälde schafft, die für das neue Ständehaus der Provinz Sachsen in Merseburg 
bestimmt sind. Dies Hauptbild des Cyclus, das fast schon vollendet ist, stellt auf 
riesiger Leinwand die Ankunft Kaiser Ottos des Grossen und seiner Gemahlin, der 
Angelsächsin Editha, vor Magdeburg dar. 
Wieder ins Künstlerhaus in der Bellcvuestrasse zurück geleitet uns das Bild, 
auf dem wir einige hübsche Scenen vom grossen Künstlerfest vereinigt haben. Ein 
„Minnefest“ wurde diesmal gefeiert und es wurden von Rittern und Edelfrauen und 
AS*}
        
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