Path:

Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

Männer gruppirt, die bei der Berliner Aufführung seiner Oper als Pathen fungirfen, 
Herrn Kapellmeister MUCK und Herrn Oberregisseur TETZÜAFF. Jedermann weiss, 
welch frischer, lebendiger Zug in die Aufführungen unserer Königlichen Oper gekommen 
ist, seitdem Herr Tetzlaff dort die Regie führt, und die glänzenden Verdienste Carl 
Muck s als Operndirigent nochmals aufzuzählen, hiesse Eulen nach Athen oder Noten 
pulte ins Orchester tragen. Carl Muck hat sich nicht nur an unserer Königlichen Oper 
als die festeste und zuverlässigste Stütze des Repertoirs bewährt, sondern er hat in 
Madrid und London und überall, wo er seinen Uirigcntenstab geschwungen hat, stets 
den gleichen, freudigen Beifall gefunden. 
Im königlichen Schauspielhause gehört AMANDA L1NDNER, die gefeierte Heroine, 
zu den Lieblingen des Abonnenten-Publikuins. Die Plastik ihrer Erscheinung und ihr 
starkes Temperament machen sic zur berufensten Darstel'erin tragischer Frauengestalten, 
und ihre „Jungfrau von Orleans", ihre „Ophelia“ und ihre „Philippine Welser“- müssen 
als besonders glänzende Leistungen der Künstlerin genannt werden. 
OTTO SOMMFRSTORFF, den Berlin zuerst im Deutschen Theater kennen und 
schätzen gelernt hat, wirkt seit einer Reihe von Jahren als Heldendarsteller am Berliner 
Theater. Seine edle, kraftvolle Männlichkeit, sein klarer, durchdringender Verstand 
und die reine Harmonie seines ganzen Wesens haben ihm stets und überall im Fluge 
die Symphathien des Publikums gewonnen. Ein besserer „Pfarrer von Kirchfeld“ hat 
vielleicht nie auf einer deutschen Bühne gestanden, sein „Faust“ ist eine Gestalt von 
ergreifender Tragik und sein Schiller in den „Karlsschülern“ ist von schöner, warmer 
Begeisterung getragen. Ausserdem steckt in Otto Sommerstorff eine blinkende Fülle 
echten Humors, den er gerade in seinem Rollenkreise auf der Bühne leider nicht oft 
zur Geltung bringen darf. Deshalb dichtet er denn zu Hause gar emsig und erzählt 
in den „Fliegenden Blättern“ mit scheinbar ernster Miene oft die drolligsten Sachen, 
Ein kerniger, ein ganzer Mann und ein echter Künstler ohne allen falschen Theater 
flitter ist Otto Sommerstorff, 
Auch ELISE SAUER, die jetzt am Lessing-Thcater thätig ist, gehörte früher 
dein Berliner Theater an, wo ihr reiches Talent sich weit freier und reicher entfalten 
konnte als jetzt, Siiss.e, zarte Innerlichkeit ist der hervorstechendste Zug ihres Wesens 
und damit durchdringt sie die modernen Frauengestalten, die sie darstellt, ebenso wie 
eine „Thekla “oder „Ophelia“. Gerade ihr Bestes aber kann Elise Sauer am Lessing-Thcater, 
wo Alles auf die äusserlichste Wirkung gestellt wird, leider so gut wie garnicht zur 
Geltung bringen, und deshalb hoffen wir, dass sie bald an einer anderen Bühne wieder 
vor wirklich künstlerische Aufgaben gestellt wird. 
Das Residenz-Theater war von jeher berühmt dadurch, dass es eine Menge 
weiblicher Schönheiten auf die Bühne und ins Leben führte. Oft genug waren die 
jungen Damen, die dort debütirten, nicht bloss schön, sondern auch talentvoll. Aus 
der allerneuesten Gegenwart jener Bühne sind besonders die drei Damen in den 
Vordergrund getreten, deren Bilder wir heute bringen: HELENE FEHDMER, BERTHA 
FORTEN und RITA LEON, Schön sind alle drei, das ist zweifellos, und auch talent 
voll. Durch ihre elegante Erscheinung und ihre chicen Toiletten, sind sie, wie dazu 
geschaffen, in dem reizenden Musentempcl in der Blumenstrasse, die schönere Hälfte 
der Welt, „in der man sich nicht langweilt“, in glaubwürdigster Weise zu repräsentiren. 
Das APOLLO-THEATER fasst seine schwierige Aufgabe, die es nach jeder 
Richtung hin so vortrefflich löst, neuerdings auch hauptsächlich dahin auf, dass es auf 
seiner Bühne möglichst viel schöne Frauen vereint. Dies Bestreben ist ebenso löblich 
wie erfolgreich, wenn man dabei auf so allerliebste Köpfe wie die der FÜNF 
SCHWESTERN LORRISON und der Damen DEBR1EGE und CAROLA zählen darf. 
Ein allerliebster Stern am Himmel des Variete ist ausserdem auch FRITZI 
GEORGETTE, die man wohl die beste, deutsche Soubrette nennen darf. In Berlin 
kennt man Fräulein Georgette von den verschiedensten Specialitätenbühnen her und 
überall hat man sie gern kommen und ungern scheiden sehen. Allerliebste Erscheinung, 
Humor und eine wirklich hübsche Stimme, das findet sich bei den Soubretten von 
heute in der That seltener vereint, als Mancher vielleicht denkt. 
Da wir gewohnt sind, das Berliner Leben nicht bloss in geschlossenen Räumen, 
sondern auch auf der Strasse zu beobachten, so fehlen auch in unserer heutigen Nummer 
nicht jene typischen Gestalten, die aus dem Gewirr des Strassenverkehrs so markant 
hervortreten. Der Klingeljunge von Milch-Bolle, der verschmitzte Bäckerjunge, der den 
witzigen Schustcrlchrling längst überflügelt hat, der Hötel-Boy und andere gehören in 
diese Rubrik. Ein wichtiges Strassenbild ist ebenso die Ansicht der neuen Potsdamer 
und Viktoria-Brücke mit ihren vier Standbildern, die es so rasch zu einer so traurigen 
Berühmtheit gebracht haben. Hoffentlich ziehen sich die vier Gruppen recht bald in 
eine weniger belebte Gegend Berlins zurück! Max Scho'enau.
        
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