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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

an. Sie sind Alle des höchsten Lobes würdig und in ihrem Ensemble haben sie ganz 
erheblich dazu beigetragen, dass der grosse Erfolg des „Fuhrmann Henschel“ sich auch 
zu einem so nachhaltigen gestaltet hat. 
ELSE LEMMANN, die in solchen derben, naturwüchsigen Gestalten nicht ihres 
Gleichen auf der deutschen Bühne hat, ist diesmal auch noch in zwei anderen Rollen 
und mit einer Reproduction ihres eigenen, liebenswürdigen Selbst vertreten. Die 
Künstlerin, die mit ihrem ganzen Wesen und Können durchaus im modernen, realistischen 
Drama wurzelt, kann zwei Dinge, die in der Kunst im Allgemeinen für das Schwerste 
gehalten werden, sie kann lachen und weinen — mit jener hinreissenden Natürlichkeit, 
die uns die Bühne vergessen macht. 
Da wir die grösste Schauspielerin Frankreichs, die, trotz der Düse, heute über 
haupt die grösste lebende Schauspielerin ist, da wir Sarah Bernhardt leider so bald 
noch nicht auf einer deutschen Bühne sehen werden, ist es wenigstens erfreulich, dass 
die übrigen Pariser Sterne den Beifall des Berliner Publikums nicht verschmähen. 
Nach den scharf ausgeprägten Individualitäten der Rejane und der Yvette Guilbert 
tritt jetzt in JANE HAD1NG eine der schönsten und begabtesten Frauen von Paris 
vor uns. Im Lessing-Theater wird sie die „Kameliendame“ und das bekannte übrige 
Gastrepertoire Vorspielen, das französische erste Liebhaberinnen und Salondamen als 
Reisegepäck mitzubringen pflegen. 
EMILIE HERZOG, die einst aus München zu uns kam, hat sich im Königlichen 
Opernhause durch ihre ausserordentlichen, stimmlichen Mittel, durch ihre Gesangskunst 
und durch ihr Darstellungstalent einen Rollenkreis geschaffen, wie er so umfassend 
sonst selten in einer Hand und einer Kehle sich zu vereinigen pflegt. Von der Königin 
der Nacht bis zur Nedda singt Frau Herzog alle Koloraturpartieen und sehr viel 
dramatische, und sie singt das Alles mit Fug und Recht, weil die ausgezeichnete 
Künstlerin fast ausnahmslos auch die geeignetste Kraft für diese Aufgaben ist. 
Altmeister ADÖLF MENZEL ragt noch heute wie ein Jüngling über alle 
Strömungen hinaus, die sich seit einem halben Jahrhundert in der Malerei geltend 
gemacht haben. Seine Kunst ist heute noch jung und modern, wie am ersten Tag, 
denn sie ist wahr und hat sich nie vom Leben abgewendet. Der mehr als Achtzig 
jährige fixirt mit Zeichenstift und Pinsel heute noch genau so charakteristische Typen, 
wie auf seinen berühmtesten Bildern, auf dem ,,Hofball“ dem „Flötenconcert“ und dem 
„Eisenwerk“, die zu Nutz und Frommen kommender Geschlechter in der National- 
galerie aufgehängt sind. Das Zeitalter Friedrich des Grossen steht vor Adolf Menzels 
Augen ebenso lebensvoll, wie die Menschen von heute, denen der kleine Mann mit 
den scharfen Augen hinter den Brillengläsern, ihre charakteristischen Züge mit unfehl 
barer Sicherheit abzulauschen weiss. Alt und Jung liebt den Meister, der jedem 
Strebenden stets ein freundlicher Förderer gewesen ist. 
Unsere Bildhauer haben jetzt alle Hände voll zu thun, um die Ilohenzollern- 
Gallerie zu vollenden, die der Kaiser in der Sieges-Allee schaffen will. Heute führen 
wir unsere Freunde in die Werkstatt EUGEN BÖRMEL’s, der auch an jenem gewaltigen 
Werke mitzuarbeiten berufen ist. Er hat die Ilerrschergestalt des Kaisers Sigismund 
geschaffen, der eine Zeit lang in Brandenburg Markgraf und zugleich deutscher Kaiser 
war. Er hat dem Hause Hohenzollern die Mark zunächst als Lehen und später als 
erbliches Eigenthum übergeben. 
Auf einem Bilde haben wir die Professoren der medicinischen Facultät 
Berlins vereinigt. Jene Fürsten der Wissenschaft, deren Ruf durch die ganze Welt 
gedrungen ist, wie Virchow, von Bergmann, Leyden und Waldeyer, wird ja schon Jeder 
einmal abkonterfeit gesehen haben, aber wir wollen die öffentliche Aufmerksamkeit auch 
auf alle jene anderen Forscher lenken, die in der Stille der Klinik, des Anatomiesaals und 
des Studierzimmers unablässig wirken für das Wohl der bresthaften und leidenden 
Menschheit. Diese „Wohlthäter der Menschheit“ will man auch von Angesicht zu An 
gesicht kennen lernen. 
Das METROPOL - THEATER hat auch mit seiner zweiten Novität, mit Karl 
Weinberger’s Opperette „DIE BLUMEN-MARY“ einen durchschlagenden Erfolg er 
zielt, der sich als sehr ausgiebig erweist. Unser Bild zeigt den ersten Actschluss. 
Die schöne Betty Strojan soll gerade ausgeloost werden — jedes Loos kostet nur 
fünf Dollars — und auf der Bühne wie im Zuschauerraum sieht Alles mit Spannung 
dem Ergebniss dieser staatlich kaum genehmigten Lotterie entgegen. Der glückliche 
Gewinner Mr. Pickleton, der im gewöhnlichen Leben Guido Thielscher heisst, kann 
sich freilich nur gerade diesen einen Actschluss lang seines Gewinnes erfreuen, denn 
in der Operette führt schliesslich nie der Komiker, sondern stets der Tenorist die 
Braut heim. Die Porträts des Komponisten Weinberger, des Direktors Richard Schultz 
und des Kapellmeisters Julius Einödshofer sind dem hübschen Gruppenbilde beigefügt. 
Die DREI SOUBRETTEN DER BERLINER VARIETE - THEATER, die wir im 
Bilde vorführen, beweisen, dass die Kunst auf dem Brettl stets in hervorragender 
Fagon auftritt. Die Formen der Miss Harold werden den Bildhauer ebenso entzücken 
wie den Pelzhändler, denn Tricots mit Pelzbesatz sind jedenfalls etwas Neues in dieser 
Branche. Die Enthüllungen der Donna Mariquita werden jedem Unbefangenen gewiss 
mehr Freude machen, als die Enthüllungen des Majors Esterhazy, und auch Fräulein Palm 
wirkt ungemein erfreulich. Auf winterliche Temperatur ist ihr Kostüm freilich ebenso 
wenig berechnet, wie das der beiden BERLINER SCHÖNHEITEN, di e auf einem anderen 
Bilde vereinigt sind. Aber diese Damen können doch nicht auf Alles Rücksicht nehmen. 
Gerade rechtzeitig zu Weihnachten jedoch kommen unsere BERLINER KINDER, 
die um die Zeit des Tannenbaums, des Pfefferkuchens, des Maizipans und des ver 
dorbenen Magens ja doch die Herren in jedem Hause sind. Im ganzen übrigen Jahr 
überlegen sich die Kinder, wie sie recht lieb gegen ihre Eltern sein könnten, jetzt zu 
Weihnachten zerbrechen sich die Eltern nur noch darüber den Kopf, womit sie ihren 
Kindern die grösste Freude machen können, damit ihnen unter den flimmernden 
Lichtern des Christbauins nur lachende und fröhliche Gesichter entgegenstrahlen. 
Max Sehoenau. 
ASO
        
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