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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

liehe Anmuth, die reine Weiblichkeit ihres Wesens. Und gerade dieser Zug macht 
auch ihre Kunst so ausserordentlich liebenswürdig und sympathisch. An fortreissender 
Wucht der Leidenschaft mag Teresina Gessner von Anderen übertroffen werden, an 
holder Frauenhaftigkeit thut es Keine der trefflichen Künstlerin gleich. Ihre Hero, ihre 
Jungfrau von Orleans, ihre Julia, ihre Desdemona und auch ihr Gretchcn üben daher 
die stärkste Wirkung aus, wo die Darstellerin Töne rührender Innigkeit anschlagen darf. 
Zwei anmuthige Frauengestalten vereinigen auf einem Bilde das Lessing-Theater 
und das Schiller-Theater, die räumlich so weit auseinander liegen. Die dunkeläugige, 
liebliche TILLY WALDEGG ist erst in diesem Herbst wieder nach Berlin zurück 
gekehrt, wo man sie stets schön gefunden hat. In der Eröffnungsvorstellung unter der 
neuen Direktion, im fünften Heinrich, spielte sie einen der Brüder des Königs. Die 
Rolle ist klein, aber Fräulein Waldegg wirkte darin durch die stille Anmuth ihrer 
Formen. GRETE MEYER ist eine beliebte Darstellerin des Schiller-Theaters. Sie 
spielt dort junge Frauen und Salondamen mit keck zugreifendem Humor. Ausserdem 
ist sie eine Nichte von Clara Meyer, der ewig Jugendlichen, und die Gattin des Herrn 
Ewald Bach, des Romeo vom Schiller-Theater. 
Der Wintergarten — das Schiller-Theater verzeihe uns die enge Aneinander 
fügung — hat auch in diesem Monat neue Sensationen bringen wollen. CLEO DE 
MERODE, die tugendhafte Tänzerin von 3er Pariser Grossen Oper sollte die Haupt 
attraktion bilden. Der schöne Kopf mit der bekannten jungfräulichen Bandeaux-Frisur 
ist uns durch Reproduktionen auf Schächtelchen mit Wachskerzchen längst vertraut 
geworden; im Wintergarten hat man jetzt Gelegenheit, auch die übrigen Körpertheile 
der jungen Dame kennen zu lernen. Fräulein de Merode scheint Alles in’s Extrem zu 
treiben, denn sie verblüfft durch ihre Tugend nicht weniger, als durch die Magerkeit 
ihrer Beine, die den Neid selbst der Barrisons erregen könnten. Eine Zeit lang ge 
hörte auch König Leopold von Belgien, der Protektor des Kongo-Staats, zu den selbst 
losen und natürlich platonischen Protektoren der schönen Cleo. Aber die leichtfertigen 
Pariser, die nicht einmal vor Plato Respekt haben, nannten ihn seitdem nur noch 
„Mein Cleopold“. Jedenfalls wird Cleo de Merode länger leben, als irgend eine ihrer 
Kolleginnen, denn sie kann nur sehr schwer den Weg „'alles Fleisches“ gehen. 
Einen viel lauteren und auch berechtigteren Erfolg fand neben ihr die australische 
Tänzerin Miss SA1IARET, die sich keineswegs darauf kapricirt, nur getanzte Tugend 
sein zu wollen. Sie schleudert ihre schön geformten Beine mit ehrlicher Ueberzeugung 
in die Luft, als wollte sie sie irgend einem Verehrer in der Ferne an den Kopf werfen, 
und in ihrer unermüdlichen, quecksilbrigen Beweglichkeit steckt eine Fülle von Tempe 
rament und Anmuth. Mit ähnlichen Mitteln wirkt die schöne Engländerin AMELIE 
STONE, nur dass sie nicht tanzt, sondern singt. 
Die bildende Kunst — diesmal ist nicht mehr vom Wintergarten die Rede — 
ist in der vorliegenden Nummer durch den polnischen Maler Herrn VON KOSSAK 
vertreten. Der elegante, schöne Pole, der zu den Lieblingen unserer ersten Gesell 
schaftskreise gehört, trat künstlerisch in Berlin zuerst als Mitschöpfer des Beresina- 
Panoramas in den Vordergrund. Seine Schlachtcnbilder erregten in der Folge die 
Aufmerksamkeit unseres Kaisers, der auch das Bild aus den Befreiungskriegen an 
kaufte, das auf der letzten Kunstausstellung berechtigtes Aufsehen erregte. Da der 
Künstler für die grossen Dimensionen dieser Leinwand kein passendes Atelier finden 
konnte, war der Kaiser so gütig, ihm für diesen Zweck einen Raum im Schloss 
Monbijou zur Verfügung zu stellen. Der Künstler ist übrigens auch ein sehr ge 
suchter Porträtmaler. 
Die Bildnisse einer Anzahl gesuchter Vcrtheidiger und bekannter Rechts 
gelehrter dürften um so mehr Interesse erregen, als diese Männer des Rechts im öffent 
lichen Leben Berlins eine sehr hervorragende Rolle spielen, ob sie nun ihren Scharf 
sinn zur Auslegung schwieriger Rechtsfragen verwenden, wie Hermann Staub, oder ob 
sie in langwallendem Talar als die guten Engel schwerer und leichter Verbrecher die 
Herzen der Geschworenen und der Richter zu rühren suchen, wie die Herren Klein 
holz, Sello und Wronker, oder ob sie endlich auch lyrisch und politisch sich bethätigen, 
wie die Herren Albert Träger und Munckef. Die Kunst des Redners spielt auch in 
unseren Schwurgerichtssälen eine hervorragende Rolle, wenn auch keine so dominirende 
wie etwa in Frankreich. Unsere Schwurgerichtsvertheidiger müssen nicht blos gute 
Redner, sondern auch tüchtige Juristen sein. Und das sind sie denn auch — meistens. 
Ein intimeres Bild aus dem Berliner Leben bietet ein „Diner im Hotel 
Reichshof“, wo jetzt Vörös Miska mit seinen Zigeunern die Gäste lockt und stets einen 
stattlichen Zuhörerkreis um sich versammelt. Ganz auf die Strasse dagegen führen uns 
die Bilder „Berliner Fuhrwerke“ und „Berliner Strassentypen“. Die einen 
beherrschen den Asphalt des Fahrdamms, die anderen den Rand des Trottoirs. Die 
vorsintfluthliche Droschke zweiter Klasse mit dem legendären rothen Plüschpolster ist 
auch im Zeitalter der Elektricität noch nicht von der Bildfläche verschwunden, während 
der Fortschritt durch die „Weisslackirtcn“, die Taxameter, und durch die Wiener 
Fiaker repräsentirt wird, die man neuerdings in Berlin gern kopirt. 
Der kleine Slowak mit den dunklen, träumerischen Augen und den blitzenden 
Blechwaaren, der sich treppauf, treppab in den Häusern seinen spärlichen Verdienst 
sucht, ist ein ebenso bekannter Typus wie der kleine „Figuri“-Mann aus Italien. Noth- 
wendiger und unentbehrlicher dagegen erscheint die „Zeitungsfrau“, ohne die man 
selbst auf einer wüsten Insel kaum noch auskommen könnte. Der „Streichhölzchen 
verkäufer“, mit oder ohne Beine, mit oder ohne Humor, macht sich besonders des 
Nachts bemerkbar und die „Blumenmädchen“ werden in dem sittenstrengen Berlin fast 
nur noch durch würdige Damen gereiften Alters repräsentirt, denen gegenüber jede 
leichtfertige Regung absolut ausgeschlossen erscheint. 
Max Schoenau. 
aVl.
        
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