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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

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G enie ist Fleiss, hat Goethe einmal gesagt, wobei er natürlich nicht gemeint hat, 
dass man durch Fleiss allein schon ein Genie werden kann. In seinem Sinne 
jedoch ist das Wort unzweifelhaft richtig, denn nur durch ernste Arbeit und 
eisernen Fleiss vermag auch das Genie sein eigentliches Wesen aus den 
Schlacken der Leidenschaft und des Lebens herauszukrystallisiren. Eins der markan 
testen und fesselndsten Beispiele für diese Thatsache ist MAXIMILIAN HARDEN — 
heute der bestgehasste und jedenfalls der bekannteste unter allen deutschen Schrift 
stellern, die nur durch das geschriebene Wort und nicht von dem dröhnenden Resonanz 
boden der Bühne aus auf das Publikum wirken wollen. Seit Ludwig Pfau seine „Freien 
Studien“ schrieb, und seit Guido Weiss seine „Waage“ und „Zukunft“ herausgab, hat 
Deutschland keinen Publicisten von gleicher Bedeutung besessen, keinen, der glänzenden 
Stil und tiefes, reiches Wissen in ähnlicher Weise vereinte, keinen, der auf die öffent 
liche Meinung seiner Zeit auch nur annähernd einen so einschneidenden Einfluss geübt 
hat. Ilardcn war ursprünglich Schauspieler und begann seine litterarische Thätigkeit 
mit leichten Plaudereien, mit kritischen und gesellschaftlichen Studien in allerlei Tages- 
blättcrn, bis er sich in der „Zukunft“ endlich selbst das Blatt schuf, in dem er seine 
Eigenart frei ausleben konnte und das nur durch seine Individualität sein charakteristisches 
Gepräge erhielt.' Diese Wochenschrift hat durch ihn eine Verbreitung gefunden, wie 
sie in Deutschland bis dahin kaum für möglich gehalten wurde. Harden ist durch und 
durch eine Kampfnatur, es steckt Lessing’scher Geist in ihm und etwas von dem ruhe 
losen Cyrano. Auch er muss „fechten, fechten, fechten“, so lange in dieser besten 
aller Welten mancherlei doch noch herzlich mangelhaft bestellt ist. Die kräftige satirische 
Ader, die in ihm pulsirt, lässt ihn in seinem Kampf auch die schneidendste Ironie 
nicht verschmähen, aber er kämpft doch stets mit schöner, leidenschaftlicher Wärme 
und mit jener nachdrücklichen Kraft des Temperaments, die nur echter und ehrlicher 
Ucberzeugung innewohnt. Unser Bild zeigt den grossen Essayisten in seinem Arbeits 
zimmer, in dessen stillen vier Wänden er elf Zwölftel seines Lebens verbringt. In 
Ilardens scharf und fein ausgearbeiteten Zügen sind träumerische Weichheit und rück 
sichtslose Energie ganz merkwürdig gemischt. Jeder Muskel lebt in diesem durch 
geistigten Gesicht, dessen Träger nicht nur ein ausgezeichneter Schriftsteller, sondern 
auch ein ganzer, echter Mensch ist. 
Unsere königliche Oper hat keine Rosa Sucher mehr und muss nach einer neuen 
imponirenden Künstlerin für die Isolden und Brünhilden Umschau halten. KATHARINA 
SENGER-BETTAQUE, die jetzt am Münchner Ilofthcater als Primadonna wirkt, scheint 
dafür in erster Reihe in Aussicht genommen zu sein. Sie hat dieser Tage hier mit 
glücklichstem Erfolge die Isolde gesungen %nd es bleibt nur noch abzuwarten, ob die 
Münchner die Künstlerin so leichten Herzens ziehen lassen werden. Frau Senger- 
Bettaque begann einst ihre Laufbahn in Berlin als Choristin, rückte rasch zur Solistin 
auf und war dann in Bremen engagirt, wo sie sich mit dem damaligen Leiter des 
Bremer Stadtheaters, Herrn Director Senger, verheirathete. Für unsere königliche Oper 
wäre es ein unzweifelhafter Gewinn, wenn sie eine Sängerin von dieser Bedeutung 
dauernd an sich fesseln könnte. 
Herr KURT SOMMER ist augenblicklich der unbestrittene Inhaber des hohen 
C an unserer Oper. Er. gehört zu'jenen Tenören, bei denen man um der Grösse ihrer 
Stimme .willen gern .über die Kleinheit ihrer Figur hinwegsieht. Herr Sommer, der 
einst als lyrischer Tenor aus Königsberg zu uns kam, hat sich durch eifriges Studium 
allmählig einen Rollenkreis von imponirender Mannigfaltigkeit geschaffen und gehört 
zu den zuverlässigsten Stützen im Ensemble der königlichen Oper. Unser Bild zeigt 
den beliebten Tenoristen als „Troubadour“; er zieht gerade das Schwert, um in der 
bekannten Stretta wie üblich die Flammen zum Himmel lodern zu lassen. 
Das Berliner Theater hat in dieser Saison seinen ersten grossen Erfolg mit 
Pierre Bcrton's „ZAZA“ errungen. Die Titelrolle, die in Paris der Rejanc auf den 
Leib geschrieben war, wurde hier von Frau AUGUSTE PRASCH-GREVENBERG 
pikant und mit warmblütigem Temperament gespielt. Das Stück steht und fällt mit 
dieser einen Rolle und an dem nachhaltigen Erfolg des Dramas kann sich daher auch 
Frau . Prasch einen hervorragenden Antheil zuschreiben. Weniger in den Vordergrund 
tritt der etwas passive Liebhaber Zaza's, den Herr LUDWIG STAHL mit eleganter 
Natürlichkeit gab. Das grössere Gruppenbild bringt die originelle Szenerie des ersten 
Akts, der in den Künstlergarderoben eines französischen Tingel-Tangels spielt. Die 
rechte Hälfte der getheilten Bühne stellt eine Art Konversationszimmer dar, in welchem 
sich die Stammgäste des Lokals versammeln, um den hübschen Artistinncn den Hof 
zu machen. Links ist Zaza’s Garderobe und die leidenschaftliche kleine Sängerin sucht 
gerade den Mann zu umgarnen, der ihr Geliebter werden soll. 
TERESINA GESSNER, die Gattin Otto Sommerstorffs, erfreut sich bei dem 
Publikum des Berliner Theaters genau derselben Beliebtheit, die sie früher im Deutschen 
Theater gemessen durfte. Frau Gessner ist schön, aber reizvoller noch wirkt die lieb
        
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