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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

N icht bloss dem Aktuellen, dem Eigenartigen und Charakteristischen will das 
„BERLINER LEBEN“ nachspüren, um es seinen Freunden im Bilde vor 
zuführen, sondern vor Allem widmen sich diese Blätter dem Kultus des 
Schönen, denn „an Schönheit hängt, nach Schönheit drängt doch Alles“, 
könnte man Goethes Wort vom Golde mit voller Berechtigung variiren. Der Schönheit 
huldigen wir, ob sie sich nun mit Geist oder irgendwelchem künstlerischem Können 
verschwistert, oder ob sie als reine, absolute Schönheit in die Erscheinung tritt, ohne 
besonderen Anspruch auf Geist oder Können zu machen. Speziell dieser letzteren 
Art werden wir in Zukunft in jeder Nummer mindestens eine besondere Seite widmen, 
denn die Frauen, die nur schön sind, gefallen Manchem ja doch am Besten. Schon 
das vorliegende Heft bringt zwei solche „BERLINER SCHÖNHEITEN“, die nicht 
durch den Klang ihres Namens, sondern nur durch den Reiz ihrer Anmuth wirken 
wollen und hoffentlich auch wirken werden. 
Dass man, wenn von Schönheit die Rede ist, auch Namen wie LOUISE DUMONT, 
MARIANNE WULF und ELLY BENDER nennt, wird Jedem berechtigt erscheinen, 
der diese Künstlerinnen kennt. Luise Dumont, die Heroine des Deutschen Theaters 
verkörpert in erster Linie die Schönheit des Verstandes, der mit leidenschaftlicher 
Energie gepaart ist. Sie ist schön, wenn sie die Ilerodias im „Johannes“ oder Ibsen’s 
lledda Gabler spielt, weil sie klug und temperamentvoll ist. Und selbst da, wo sie 
nicht immer zu überzeugen vermag, weiss sie durch die starke, zwingende Kraft ihres 
Willens zu überreden, dass wir gern ihr folgen und sie hören und schauen. Marianne 
Wulf, die liebliche Sentimentale des Berliner Theaters, bringt eine wesentlich andere 
Nuance der Schönheit zum Ausdruck. Das Markante, Durchgeistigte, das Luise 
Dumont’s vornehmsten Reiz bildet, geht ihr vorläufig noch ab. Sie ist ganz holde 
Anmuth, bestrickende Jugend, knospender Frühling. Ihr schönes, schauspielerisches 
Können weiss sich jedoch schon jetzt selbst neben einer Künstlerin wie Teresina 
Gessner mit Ehren zu behaupten. Ihre Julia, ihre Desdemona bieten schon heute 
fesselnde, erfreuliche Momente, wenn sie auch noch nicht in jene letzten dunklen 
'I iefen der Seele herabzusteigen vermag, in denen die Dämonen der Leidenschaft des 
Erwachens harren. Ganz auf der Sonnenseite des Lebens steht Elly Bender, an deren 
graziöser Drollerie sich jetzt die Besucher des Thalia-Theaters erfreuen dürfen. Die 
kleine, allerliebste Soubrette, die früher einmal am Adolph Ernst-Theater thätig war, 
hat ihr frisches Talent nur allzulange in Wien und Amerika spazieren geführt und ist 
erst seit voriger Saison, künstlerisch gereift und mit unverminderter Lustigkeit, zu uns 
zurückgekehrt. Hoffentlich macht sie sich in Berlin nun dauernd sesshaft. 
Unsere königlichen Bühnen sind diesmal durch die Herren ERNST KRAUSS 
und MAX POHL vertreten. In Herrn Krauss hat unser Opernhaus endlich den 
Heldentenor gewonnen, der ihm so lange gefehlt hat. Wir haben uns hier gerade in 
den gewaltigsten künstlerischen Aufgaben so lange mit brüchigen, alternden Stimmen 
begnügen müssen, dass die jugendfrische Schönheit seines herrlichen Organs förmlich 
wie eine Erquickung wirkt. Die durch und durch musikalische Natur des Künstlers 
und seine prächtige Erscheinung vereinigen sich zu einem Ganzen von so bezwingender 
Eigenart, dass besonders sein Lohengrin und Siegfried des höchsten Lobes würdig sind. 
Max Pohl, dessen ausgezeichnetes Können dem Berliner Publikum vom Deutschen 
Theater und vom Berliner Theater schon zur Genüge bekannt ist, wirkt jetzt auch am 
Königlichen Schauspielhause. Seine scharf ausgeprägte Intelligenz und seine durch 
dringende Gestaltungskraft haben der königlichen Bühne endlich auch einen Mephisto 
wiedergegeben, 'der neben der unvergessenen Leistung Theodor Dörings mit Ehren 
bestehen kann. In der klassischen Tragödie wie im modernen Drama weiss Max Pohl 
seine Gestalten stets mit blühendem Leben zu erfüllen und jene Einfachheit der Natur 
zu erreichen, die stets das letzte Ziel aller Kunst bleiben wird. 
HEINRICH GRÜNFELD, der treffliche Cellist, gehört nicht nur im Konzertsaal, 
sondern auch im Salon zu den populärsten Erscheinungen der Berliner Gesellschaft. 
Seine gesellschaftlichen Talente und seine liebenswürdigen Umgangsformen beein 
trächtigen jedoch nicht im Mindesten seine hervorragende Künstlerschaft. Er trägt 
zwar keine langen, ungepflegten Haare, aber er ist trotzdem ein Meister auf dem Cello, 
den man im Konzertleben Berlins stets wieder mit Freuden begrüsst. Bekanntlich ist 
Heinrich Grünfeld daneben auch ein ausgezeichneter Anekdotenerzähler. Speziell in 
dieser Eigenschaft hatte ihn einst ein Bankier auf einem Diner kennen gelernt und war 
so entzückt von ihm, dass er den Künstler sofort für einen der nächsten Abende zum 
Souper einlud. „Mein Instrument lassen Sie dann wohl abholen?“ meinte Grünfeld, 
als er die freundliche Einladung dankend annahm. „Welch' Instrument?“ fragte der 
Bankier. „Na, mein Cello!“ — „Was? Cello spielen Sie auch?“ erwiderte ganz 
verblüfft der Bankier. Die kleine Geschichte, die sogar wahr sein soll, beweist natürlich
        
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