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Full text: Berliner Leben Issue 1.1898

Zu den gefeiertsten Lieblingen der Berliner gehört seit Jahren RICHARD 
ALEXANDER, dessen Name so eng verknüpft ist mit dem französischen Schwank des 
Residenz-Theaters und des Neuen Theaters, dass man sich den Komiker ausserhalb 
dieses Rahmens fast kaum noch denken kann. Und doch ist die Kunst Richard Alexanders 
auch in dieser immerhin etwas einseitigen Specialität niemals zur Manier erstarrt und 
er würde komisch und charakteristisch wirken, in welch’ Genre auch immer man ihn 
hineinstellen würde. Drolligste Natürlichkeit und bestrickende Liebenswürdigkeit sind 
die markantesten Eigenschaften Richard Alexanders, die ihn in raschem Aufstieg zum 
bedeutendsten Komiker des modernen Salonstücks gemacht haben. 
Aber nicht nur durch den Spiegel der Bühne will unser Blatt in Welt und Leben 
schauen, sondern es hat seine Augen überall und folgt auf Schritt und Tritt den viel 
gestaltigen Erscheinungen des Tages. Für den aufmerksamen Beobachter ist die Strasse 
stets ein ergiebiges Objekt, auch wenn gerade nichts Besonderes in ihr passirt. Das 
mächtige Leben, das z. B. die LEIPZIGER STRASSE durchfluthet, ist schon an sich ein 
so fesselndes und verblüffendes Bild, dass es selbst den, der es täglich sieht, immer auf’s 
Neue überrascht. In diese Strasse, die sich zur Hauptader des geschäftlichen Verkehrs 
entwickelt hat, ragt an der Ecke der Mauerstrasse mit monumentaler Grösse das neue 
Postmuseum hinein, eine Schöpfung des verstorbenen Generalpostmeister von Stephan. 
Und löst sich dem schärfer zusehenden Auge das bunte Gewirr, das ihm zunächst wie 
eine formlose Masse erscheinen will, in einzelne Gruppen und Gestalten auf, dann 
bemerkt man auch jene verschiedenartigen STRASSENTYPEN, die für die Grossstadt so 
charakteristisch sind. Das moderne Gretchen, das in der Friedrichstrasse den ganzen 
Tag auf irgend einen Faust wartet und schon um ihrer Ausdauer willen einen Wander 
preis erhalten müsste, ist da genau so zu finden, wie der emsige Händler, der seine 
Ansichtspostkarten an den Mann zu bringen sucht und der bei seinem Erwerb in der 
Hauptsache auf die Kraft seiner Lungen und seine glänzende Ueberredungskunst ange 
wiesen ist. Auch die Gruppen spielender Kinder fehlen nicht, die im Mittelgang der Linden 
sich ganze Burgen und Städte aus dem Sande wühlen, in dem erhebenden Gefühl, dass 
die prächtige Strasse eigentlich doch einzig und allein für sie angelegt worden ist. 
Einige der wenigen erfreulichen Erinnerungen an die unendlich feuchten Sommer 
monate bietet das Bild BERLINERINNEN IM REGEN. Mas sieht darauf klar und 
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deutlich, dass unter Umständen auch der Regen sein Gutes haben kann, denn er macht 
den Fuss frei, und ein zierlicher Damenfuss redet zuweilen eine ebenso ausdrucksvolle 
Sprache wie das Auge einer schönen Frau. Wer in Lackschuhen zu lesen weiss, kann 
aus der zaghaften oder energischen Art, in der solch kleiner, chic chaussirter Frauenfuss 
im Regen über das Trottoir gleitet, auch untrügliche Rückschlüsse auf den Charakter 
der Dame selbst machen. 
Unsere lieben Frauen wissen uns aber nicht blos auf der Strasse, sei’s nun im 
Regen oder im Sonnenschein, den Kopf zu verdrehen, sondern mehr noch gelingt ihnen 
das, wenn sie ihre schlanken Glieder in allerlei Sport üben. Am gefährlichsten sind 
sie auf dem FECHTBODEN. Ein „Fechtbruder“ ist ja meist ein unangenehmes Individuum, 
die „Fechtschwester“ dagegen gehört zu den allerreizendsten Exemplaren der Gattung 
homo sapiens. Und doch ist das Fechten für die Frauen im Grunde etwas völlig Ueber- 
flüssiges, denn wir armen Männer stehen ihnen ja schon ohnedies wehrlos und entwaffnet 
gegenüber. 
Ganz Mann ist der Mann ja überhaupt nur, wenn er ausschliesslich mit Seines 
gleichen zusammen ist, wie etwa die fröhlichen STUDENTEN IM MÜNCHNER 
BÜRGERBRÄU: Dann singen sie begeistert „Ein freies Leben führen wir“ und dünken 
sich die Herren der Welt. Studenten pflegen eben gewöhnlich noch unverhsirathet zu 
sein. Nachher legt sich der stolze Junggcsellendünkel leider nur allzubald. 
Weitab von jenem lustigen Treiben führt uns die FISCHAUKTION IN DER 
CENTRAL-MARKTHALLE. Da stehen wir mitten drin im drängenden Erwerbsleben 
und sind Zeugen, wie für die Millionenstadt die Magenfrage wenigstens nach einer 
Richtung hin gelöst wird. Der Fisch spielt heute in der Ernährung Berlins eine sehr 
bedeutsame Rolle und, seitdem unsere Stadt durch günstige Eisenbahnverbindungen in 
den direktesten Verkehr mit dem Meer gerückt ist, wurde speciell der Seefisch ein 
Volksnahrungsmittel im weitesten Sinne des Wortes. Freilich, wenn Berlin erst selbst 
Seehafen sein wird, dürften sich auch die Fischauktionen in der Markthalle wesentlich 
anders gestalten. Aber bis dahin hat es immerhin noch gute Weile. 
Max Schottnau.
        
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